Hier finden Sie Bibelstellen zugeordnete Texte



  • Genesis 11,1-9: Pfingsten Matthias Petersen
  • Ex 12, 1-8.11-14: Die Opfer der Erwählung Wilhelm Weber
  • Koh 3,1-8: Alles hat seine Zeit Wilhelm Weber
  • Koh 3, 1-8: Alles is för jet god Wilhelm Weber
  • Mt 3, 13-17: Du darfst sein Wilhelm Weber
  • Mt 4,12-17: Denkt anders über Gott! Wilhelm Weber
  • Mt 5,37: Identität ist gefragt Wilhelm Weber
  • Mt 6, 24-34: Lebt richtig! Wilhelm Weber
  • Mt 7,21-27: Schinghellige sin messrodene Hellige (Prädig op Kölsch 2011) Wilhelm Weber
  • Mt 9, 9-13: Barmherzigkeit statt Opfer Wilhelm Weber
  • Mt 9,36-10,8: Jesu Auftrag zur Seelsorge Wilhelm Weber
  • Mt 10,26-33: Fürchtet euch nicht! Wilhelm Weber
  • Mt 11, 28-29: Wo nichts ist, da wohnt keiner Wilhelm Weber
  • Mt 13, 1-9.18-21: Wider die Resignation Wilhelm Weber
  • Mt 13,24-30: Seid tolerant zueinander! Wilhelm Weber
  • Mt 13,44-46: Werde Du selber! Wilhelm Weber
  • Mt 14,13-21: Gebt ihr ihnen zu essen! Wilhelm Weber
  • Mt 16, 13-20: Zweideutiges Zeugnis Wilhelm Weber
  • Mt 17, 1-9: Verklärung: ein Traum gegen die Wirklichkeit Wilhelm Weber
  • Mt 18, 15-20: Vom Umgang miteinander Wilhelm Weber
  • Mt 18,15-20: Redet miteinander! Wilhelm Weber
  • Mt 18,21-35: Vergebt einander! Wilhelm Weber
  • Mt 21,28-32: Wer macht´s richtig? Wilhelm Weber
  • Mk 1,14-20: Folgt mir! Wilhelm Weber
  • Mk 1, 29-39: Wunder. Gibt´s die? Wilhelm Weber
  • Mk 2,1-12: Steh auf! Wilhelm Weber
  • Mk 2,1-12: Heilung eines Gelähmten (Prädig op Kölsch 2009) Wilhelm Weber
  • Mk 6, 7-13: Yes, we can! Wilhelm Weber
  • Mk 6,30-34: Das Menschenbild Jesu Wilhelm Weber
  • Mk 6,34: Schafe ohne Hirt Wilhelm Weber
  • Mk 7,1-8.14-15.21-23: Tut, was Gott will Wilhelm Weber
  • Mk 7,31-37: Effata! Öffne dich! Wilhelm Weber
  • Mk 8,27-35: Für wen haltet ihr mich? Wilhelm Weber
  • Mk 9,2-10: Verklärung Wilhelm Weber
  • Mk 9,38-41: Denkt positiv! Wilhelm Weber
  • Mk 10, 35-45: Dienen, nicht herrschen! Wilhelm Weber
  • Mk 10,46-52: Finde dich nicht mit deinem Schicksal ab! Wilhelm Weber
  • Mk 13,24-32: Alles ist endlich, nur die Liebe nicht Wilhelm Weber
  • Lk 1,1-4; 4,14-21: Wes Geistes Kind bist du? Wilhelm Weber
  • Lk 4, 16-30: Heute ist die Zeit des Heiles Wilhelm Weber
  • Lk 5, 1-11: Berufung - damals und heute Wilhelm Weber
  • Lk 6, 17.20-23: Sillig, ihr ärm Hööschte (Prädig op Kölsch 2010) Wilhelm Weber
  • Lk 7, 11-17: Lebe dein Leben! Wilhelm Weber
  • Lk 9, 23-36: Wer ist Jesus? Wilhelm Weber
  • Lk 10,1-2: Sende Arbeiter in deine Ernte! Wilhelm Weber
  • Lk 10,25-37: Wer ist mein Nächster? Wilhelm Weber
  • Lk 14, 1.7-14: Seid bescheiden und großzügig zugleich! Wilhelm Weber
  • Lk 15, 1-3. 11-32: Die ärgerliche Liebe des Vaters Wilhelm Weber
  • Lk 16, 19-31: Reichtum verpflichtet Wilhelm Weber
  • Lk 17, 5-17: Herr, stärke unseren Glauben! Wilhelm Weber
  • Lk 18,1-8: "Vum Bedde" (Prädig op Kölsch) Wilhelm Weber
  • Lk 18, 1-8: Betet allezeit! - aber wie? Wilhelm Weber
  • Lk 24,13-35: Emmauserfahrungen Wilhelm Weber
  • Lk 24, 35-48: Ihr sollt meine Zeugen sein! Wilhelm Weber
  • Joh 6,1-15: Brotvermehrung Wilhelm Weber
  • Joh 13, 1-15: Ein Beispiel habe ich euch!
  • Joh 13, 34-35: Christen erkennt man an der Liebe Wilhelm Weber
  • Joh 14, 1-6: Wege zum Vater
  • Joh 14, 15-21: Der Paraklet
  • Joh 20, 24-29: Friede auch dem Zweifler Wilhelm Weber
  • Joh 21,15ff: Weide meine Lämmer Peter Josef Dickers
  • Apg 5, 29: Jede Wahrheit braucht einen Mutigen Wilhelm Weber
  • Apg 9, 1-22: Pauli Bekehrung Wilhelm Weber
  • 2 Kor 3, 2-6: Ich bin dankbar. Wilhelm Weber
  • Gal 5,1.13-18: Lasst euch nicht bevormunden! Wilhelm Weber




  • Mt 10,26-33: Fürchtet euch nicht! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Ein Evangelium gegen die Furcht! Ich zitiere noch einmal:
    "Fürchtet euch nicht vor den Menschen" (V. 26a)! Dann: "Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann" (V. 28). Und dann noch einmal: "Fürchtet euch also nicht" (V. 31 a)! Jesus hat die Menschen nicht das Fürchten gelehrt, sondern die Furchtlosigkeit.

    Was ist gemeint?
    Jesus fordert dazu auf, dass keiner aus seinem Herzen eine Mördergrube machen soll. Sprich: Wovon einer überzeugt ist, das soll er auch öffentlich sagen. Denn das Verhüllte soll er enthüllen und das Verborgene bekannt machen (vgl. V. 26 b und c). Und weiter: "Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was ich euch ins Ohr geflüstert, das verkündet von den Dächern" (V. 27)! Jesus kalkuliert ein, dass der so Handelnde auf Widerspruch stößt. Das ist nicht nur nichts Schlimmes, es ist vielmehr gewollt. Jesus fordert gewissermaßen zur Provokation auf. Und wer so handelt, darf sicher sein, dass der Herrgott ihm den Rücken stärkt. Das ist die Botschaft des Textes.

    Was hat Jesus für ein Menschenbild?
    Ein hochmodernes! Er verkündigt das Bild eines aufgeklärten, emanzipierten, mutigen Menschen, der weiß, was er will, und sagt, was er für richtig hält. Jesus selbst hat´s ja vorgelebt. Und der Evangelist sagt´s noch mal im Klartext für die Jesus-Nachfolger. Das Gegenteil von dem, was Jesus verkündigt, wäre der Duckmäuser, der Feigling, der Opportunist, der immer nur sagt, was ihm Nutzen bringt. Wenn Sie so wollen: Jesus will die Persönlichkeit mit Rückgrat.

    Was können wir lernen?
    Wir müssen nach diesem Evangelientext leider erkennen, dass es heute bei weitem mehr Opportunisten und Feiglinge gibt als wirkliche Persönlichkeiten - in der Politik, im Betrieb und leider auch in der Kirche. Die Leute, die eine begründete eigene Meinung haben und diese auch öffentlich und vor Vorgesetzten vertreten, sind eine ganz kleine Minderheit. Entsprechend werden sie getreten, psychisch fertig gemacht und wie Schachfiguren aus dem Spiel genommen. Doch wer so behandelt wird, soll wissen, dass Jesus und der himmlische Vater ihm den Rücken stärken. Dieses Evangelium ist die Proklamation des emanzipierten Menschen. Es geht nicht nur um den Mut, den christlichen Glauben vor den unchristlichen Menschen zu bekennen. Es geht um den sogenannten kleinen Mann, der das Recht hat, vor Königen und Kaisern, vor Chefs und Kirchenoberen seine begründete Meinung zu sagen und vor Repressalien nicht zurückschrecken soll. - Ich würde mir wünschen, dass wir in Politik und Gesellschaft, in Betrieben und auch in der Kirche mehr Persönlichkeiten von dieser Art hätten.
    Amen.


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    Ex 12, 1-8.11-14: Die Opfer der Erwählung Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Gründonnerstag ist der Tag des heiligen Abendmahls: wir erinnern uns der Einsetzung der Eucharistie. Gleichzeitig denken wir zurück an jenes erste Passahmahl beim Auszug aus Ägypten. Wir hörten den Text als Lesung. Nach biblischem Verständnis nimmt Jesus diese Tradition auf, um am Abend vor seinem Leiden im Rahmen dieses jährlich stattfindenden Gedächtnismahles Eucharistie zu stiften. Mit Würde und Hochachtung sprechen wir gewöhnlich von diesem Ereignis - und verschweigen die Kehrseite.

    Die Kehrseite des Passah
    Ich meine die Kehrseite des ersten Passah. Das, was für Israel als Mahl der Befreiung, als Mahl der Errettung, als Mahl der Verschonung vor dem tödlichen Vorübergang des Herrn gefeiert wurde, machte eine schreckliche Wirklichkeit vergessen: nämlich die Tötung von Tausenden von Erstgeborenen in Ägypten. Keine Aufregung in der Bibel über die Schreie der Angst und der Verzweiflung der Opfer, über die ohnmächtige Wut der Mütter, die ihre Kinder verloren, über die Trauer eines ganzen Volkes; stattdessen die fast zynische Schilderung des Untergangs derer, die sich wehrten in den Fluten des Roten Meeres. Alles scheint so in Ordnung zu sein, gottgewollt und gottgefügt, Erfüllung einer göttlichen Verheißung, die nur des einen Volkes Wohl und aller anderer Völker Wehe will. Geschichte des Heils nur für die einen um den Preis des Untergangs der anderen.

    Das unglaubliche Problem
    Von Zeiten der Verirrung wie der des Dritten Reiches abgesehen, sind wir geneigt, die alte Perspektive der Bibel beizubehalten: Heil für das Volk der göttlichen Erwählung - so versteht sich Israel heute noch, während die Heimat- und Rechtlosigkeit der anderen außerhalb des Blickfeldes bleiben. Ich denke an die Palästinenserfrage heute. Sie ist auch für die meisten von uns im Bewusstsein eher von sekundärer Wichtigkeit im Vergleich zu Israel, dem erwählten Volk Gottes, mit seinem Recht auf das Land der Väter und dem Lebensrecht in gesicherten Grenzen. Ich will dem Israel unserer Tage nichts streitig machen: weder Land noch Lebensrecht, weder die religiöse Überzeugung der Auserwählung noch die messianische Hoffnung, die zur Identität dieses Volkes gehört. Doch ich frage mich, ob es ausreicht, ausschließlich das Existenzrecht Israels zu beteuern und sein Wohl zu fördern, während die Palästinenser mit ihren Ansprüchen auf Land und Lebensrecht unbeachtet bleiben. Mit anderen Worten: Was ist - damals wie heute - gottgewollte Erwählung und was ist menschliche Überheblichkeit? Oder: Was will Gott wirklich und was wird von uns falsch gesehen und falsch interpretiert?

    Das letzte Abendmahl Jesu
    Zurück zum Abendmahl Jesu. Für ihn selber ist das Mahl, das er mit seinen Jüngern feiert, kein Mahl der Befreiung, kein Mahl der Verschonung vor dem tödlichen Willen des Vaters. Im Gegenteil: Für Jesus bedeutet das Abendmahl: letzte Gemeinschaft mit den Seinen vor der Kreuzigung, vor der totalen Zerstörung seiner selbst. Über alle Zeiten hinweg gesehen ist das letzte Mahl für Jesus nicht Befreiung von der Knechtschaft, nicht Bewahrung vor dem Tod, sondern Eingliederung in das Schicksal der getöteten ägyptischen Erstgeburt; oder in heutiger Perspektive: Einordnung in das Lager derer ohne Land und ohne göttliche Erwählung. Jesus ist, solange er lebt, nicht Repräsentant der Geretteten, sondern einer der Verworfenen. Jesu Auferstehung und Verherrlichung kommt erst nach dem Tod und nicht - wie die Kirche in der Nachfolge Christi immer wieder für sich fehl interpretiert - vor dem Tod.

    Und wir?
    Und wir? Auf welcher Seite sehen wir Jesus? Er ist der auserwählte Sohn des Vaters, an dem dieser sein Wohlgefallen hat. Und dann stirbt dieser Jesus den Tod des Nicht-Erwählten. Damit ist er die große Klammer zwischen den Berufenen und den Nicht-Berufenen, zwischen den Israeliten und den Heiden, den Erwählten und Verworfenen, den so genannten Frommen und den so genannten Gottlosen. Jesus gehört allen. Und niemals kann mit seinem Namen Unrecht begründet oder gar gerechtfertigt werden. Doch alle dürfen auf ihn ihre Hoffnung setzen.

    Wenn wir Eucharistie feiern, dann kann keiner aus der Gemeinschaft mit Jesus ausgeschlossen sein. Alle gehören wir seinetwegen zusammen - ob Jude oder Christ, ob Muslim oder Buddhist, ob Sünder oder Gerechter, ob Mann oder Frau, ob Jung oder Alt. Kommt und esst! Kommt und trinkt! Das Mahl ist bereitet. Ihr braucht die Kraft dieser Speise - zur Versöhnung der Menschen.

    Amen.


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    Koh 3,1-8: Alles hat seine Zeit Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Die Worte aus dem Buch Kohelet gehen uns unter die Haut, in Vielem auch gegen den Strich. Ja, möchten wir sagen, das ist zwar so, aber es sollte nicht so sein. Natürlich wird immer auf der Welt getötet, aber man müsste es verhindern; natürlich sterben Menschen, aber einverstanden sind wir damit meist nicht; und Liebende, die sich umarmen, sollen sich nicht wieder trennen, bis der Tod sie scheidet; und Krieg sollte es nicht geben und Hass unter den Menschen. Doch der Text ordnet die Gegensätze einander zu, als wäre ihre Abfolge das Natürlichste von der Welt. Und der Mensch, obwohl Subjekt, ist nicht der eigentlich Handelnde; er ist gewissermaßen wie das Wasser im Strom der Zeit, berührend die gegenüberliegenden Gestade.

    Die Lehre der Weisheit

    Die Weisheitslehrer der Bibel haben eigentlich immer die Überzeugung vertreten, dass es einen ganz selbstverständlichen Zusammenhang gibt zwischen dem moralischen Tun des Menschen und seinem Wohlergehen als Folge seiner guten Taten. Denken wir nicht heute noch so? Wenn ich die Gebote halte, ist Gott mir eine gute Zeit schuldig. Und umgekehrt: der Schuft gehört bestraft, und zwar von Gott persönlich, möglichst jetzt, in diesem Leben. Diese Automatik von Tun und Ergehen ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen - es wurde uns ja auch so gelehrt, dass wir ein Kerzchen opfern fürs gute Wetter oder zwei für die Genesung der Oma. Das ist die Weisheit des Alten Testaments: dem Gerechten wird es gut gehen, doch der Frevler wird zuschanden.

    Die andere Lebenserfahrung

    Nicht erst der aufgeklärte Mensch unserer Tage macht die Erfahrung, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Der Prediger selbst, Kohelet, stellt die Richtigkeit der Weisheitslehre in Frage. Das ist nicht so, sagt er seinen Zeitgenossen, und schildert stattdessen den Menschen als Gefangenen der Zeitabläufe. Nicht der Mensch hat Einfluss auf das Zeitgeschehen, sondern die Zeit und das Geschehen haben ihre eigene Gesetzlichkeit. Und die Automatik von Gutsein und Wohlergehen entspricht nicht der Lebenserfahrung. Kohelet selbst sagt an einer Stelle: "Es gibt Gerechte, die das trifft, was dem Tun der Frevler entspricht, und es gibt Frevler, die das trifft, was dem Tun der Gerechten entspricht" (8,14). Die ganze herkömmliche sittliche Grundlage gerät aus den Angeln, und es gibt nur hoffnungsloses Chaos. Ein weiteres Zitat: "Ein und dasselbe Geschick trifft alle: den Gerechten und den Frevler, den Reinen und den Unreinen, den, der opfert, und den, der nicht opfert; wie dem Guten, so geht es dem Sünder, wie dem, der schwört, so dem, der den Schwur scheut" (9,2). Es ist dieselbe Ratlosigkeit, die heute jemand, dem schweres Leid zustößt, mit der Frage ausdrückt: "Womit habe ich das verdient?" Gott gibt keine Antwort auf die großen Rätsel unseres Daseins. Im Verlauf des Buches Kohelet kommt es denn auch zu keiner Lösung des Problems, der Verfasser bleibt skeptisch, pessimistisch. Die Welt hat ihre Ordnung verloren, und Gott selber trägt dafür die Verantwortung. - Es ist erstaunlich, dass dieses überaus kritische Buch im biblischen Kanon seinen Platz gefunden hat; denn es bringt Unordnung in die Harmonie der geltenden Lehren über Gott.

    Das persönliche Vertrauen

    Und worin liegt der Wert dieses Textes und des ganzen Buches Kohelet? Es verbietet alles leichtfertige Reden von Gott; denn es wird so schnell zum frommen Geschwätz. Gott ist das große Geheimnis, das kein Theologe, kein Weisheitslehrer und keine Religion lüftet. Gott Gott sein zu lassen, wäre ein wichtiger Schritt, der uns helfen könnte, mit den Widersprüchen leben zu lernen, die sich zwischen unseren Lebenserfahrungen und unseren selbstgemachten oder ererbten Gottesbildern auftun. Entscheidend wir sein, dass wir darauf vertrauen, dass das Geheimnis, das wir Gott nennen, uns wohl will. Aus diesem Vertrauen wächst die Kraft zu leben.

    Ich wünsche Ihnen für das kommende Jahr diese Kraft zu leben - von Gott.
    Amen.


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    Koh 3, 1-8: Alles is för jet god (Prädig op Kölsch 2012) Wilhelm Weber

    Leev Mädche un Junge vun Maye,
    leev Fastelovendsjecke!

    Et es e halev Johr her,
    do han ich en der Kölnischen Rundschau en Dudesaanzeig gelesse –
    un zwar op Kölsch.
    Bovve drüvver,
    do wo söns luuter esu fromm Sprüch stonn,
    stundt dä Satz:
    „Alles is för jet god.“
    Do drunger kom der Name vun dem Dude
    un dä Rest wie gewöhnlich.
    Ich wor von de Söck, wie ich dat los.
    Wie kann einer op en Dudesaanzeig schrieve:
    „Alles is för jet god“?
    Zueesch han ich gedaach:
    Dat wör villeich ene Spruch,
    dä dder Dude, als hä noch nit dud wor, luter gesaat hät,
    wann hä Godd un de Welt nit begriefe kunnt.
    Doch irgendwann es mer klor woode,
    dat der Spruch en ganz große Verneigung vür unserem Herrgodd es.
    Der Dud gehürt zom Levve,
    un dodurch, dat der Herrgodd Minsche stirwe lööt,
    bewahrt hä de Schöpfung vür der Vergreisung.
    „Alles is för jet god“ well dann sage:
    Häär, ich verstonn zwar de Welt nit mih,
    ävver do häs der secher jet dobei gedaach.
    Denn der Häär deit jo nix verkeht maache.
    Han ich nit Rääch?

    „Alles is för jet god.“
    Dä Sproch hätt et en sich.
    Stellt üch vür:
    En Famillich mit zwei anstrengende Pänz,
    enem Hung un enem kranke Mann.
    Eines Dags trecken de Pänz vun doheim fott un gonn ihre eigene Wäg,
    der Hung kann nit mih und och der Mann stirv.
    Jo jo is de Mutter jetz allein.
    Ävver – wann se gescheit es –
    lööt de Witfrau de Truer flöck hinger sich,
    un e janz neu Levve kann aanfange,
    esu wie se sich et nie hätt dräume losse.
    Han ich nit Rääch?

    „Alles is för jet god.“
    Ich denken an Maye em Kreeg: 2. Januar 45.
    De Stadt wood zu 90 % zerstört.
    Vill Dude, e groß Leid in baal jedem Huus.
    Un hück? Wat han mer widder en schön Stadt!
    Han ich nit Rääch?

    „Alles is för jet god.“
    Wann ich so an uns hellige, römisch - katholische Kirch denke,
    dann hät der Helligesching en de letzte Johre ärg geledde.
    De Missbrauchsfälle han uns klor gemaht,
    dat och die Schinghellige nor Minsche sin.
    Ov ehr et gläuve dot ov nit:
    Et gitt kein Bisterei op der Welt,
    die et nit och en der Kirch gegovve hätt oder gitt.
    No is god, dat alles erus gekumme es
    un dat unsere Bischof der Sumpf drüg gelaht hät.
    Villleich hätt jo dä Missbrauchsskandal de Arroganz en der Führungsriege e bessche gebrems
    un der allgemeine Demod en der Kirch op de Bein geholfe.
    Han ich nit Rääch?

    „Alles is för jet god.“
    Priestermangel och? Jo!
    Villleich föht dä jo dozo,
    dat sich uns Kirch in Zokunf mih versteiht
    als Gemeinschaff vun de Gläubige
    un nit – wie hügg – als Club vun de Geweihte.
    Wo Glaube es, do es de Kirch.
    Wat hät sich unser Här Jesus luuter gefreut,
    wann hä bei de Minsche Glaube gefunge hät!
    Dogäge wor et im eigentlich egal,
    ob sing Apostele mit dem Pitter aan der Spetz
    alle Dag Collar un Talar un eventuell noch rud Pantüffelcher drage däte.
    Han ich nit Rääch?

    „Alles is för jet god.“
    En der Lesung hamer et gehoot:
    Kreeg un Fridde, Söke un Verleere,
    dud maache un heil maache, leev haalde un hasse:
    alles hätt sing Zigg – un alles is för jet god.
    Wie dat all zesamme pass, weiß keiner,
    ävver uns Herrgodd, der weiß dat.
    Dä frößelt dat alles zesamme
    un mäht dodrus en grandiose Iewigkeit.
    Un mir rofe hügg voll Glöck:
    dreimol Maye Mayoh / Maye Mayoh / Maye Mayoh



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    Mt 3, 13-17: Du darfst sein Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Die drei ersten Evangelien berichten übereinstimmend, dass Jesus von Johannes getauft wurde. Wir erfahren nicht, wie diese Taufe vonstatten ging. Offensichtlich gab es ein Taufritual der Täuferbewegung, der sich Jesus unterwarf. Es war auf keinen Fall eine Taufe auf den Namen des dreifaltigen Gottes. Das Ritual erfährt im Text dann aber eine einzigartige Deutung durch das nachträgliche Sich-Öffnen des Himmels, durch das Herabschweben der Taube (sie ist ein Symbol des Geistes Gottes) und durch die Stimme, die Jesus als Gottes geliebten Sohn bezeichnet, an dem Gott Gefallen gefunden hat. Das ganze Geschehen hat eine große symbolische Aussagekraft, die ich - gerade auch im Hinblick auf unser eigenes Taufverständnis - ein wenig aufschließen möchte.

    1. Du darfst sein.
    Gottes Stimme aus dem Himmel - man konnte sie sicher nicht mit den Ohren hören, sondern nur mit dem Herzen wahrnehmen - bezeichnet Jesus als den geliebten Sohn, auf dem Gottes Wohlgefallen ruht. Die Theologie sieht darin die Offenbarung der Gottessohnschaft Jesu. Diese wird auf späteren Konzilien weiter präzisiert und damit aber auch für einfache Gläubige leider etwas unverständlicher. Jesus, der Sohn Gottes, verliert an Nähe und Unmittelbarkeit. Ich stelle mir etwa vor, dass diese Stimme Gottes bei der Taufe eines jeden Täuflings sagt: "Du bist mein geliebtes Kind (Sohn oder Tochter), an dem ich Wohlgefallen habe." Kind Gottes zu sein mit dem Wohlgefallen Gottes ausgezeichnet spricht eine Daseinsberechtigung aus, wie sie fundamentaler und pauschaler gar nicht ausgedrückt werden kann. "Du darfst sein", mehr noch: "es ist gut, dass es dich gibt" und "ich, dein Gott und Schöpfer, habe Freude und Wohlgefallen an dir" ist die höchste Auszeichnung, die man sich überhaupt vorstellen kann. Das beruhigt jede Daseinsangst. Dass der Mensch (Sammelbegriff für alle Menschen), dass also alle Menschen Geschöpfe Gottes sind, ist im Alten Testament die erste grundlegende Aussage über das Gott / Mensch-Verhältnis. Und im Ritual der Taufe wird es jedem Einzelnen noch einmal persönlich zugesprochen.

    Man beachte, dass dieses Wohlgefallen Gottes nicht nur die Getauften meint, sondern eben alle Menschen, weil alle Geschöpfe Gottes sind. Die Getauften haben den Nicht-Getauften nicht die Liebe Gottes voraus, sondern nur, dass sie darum wissen dürfen. Die Taufe soll ja aus den Getauften keine Heilsegoisten machen, sondern Hoffnungsträger für alle.

    2. Du darfst sein - auch als Sünder.
    Die zweite Botschaft der Taufe leitet sich aus dem Ritual selbst ab. Tauchen und Taufen sind sprachverwandte Begriffe. Die Taufe wird oft durch Untertauchen gespendet oder ähnlich und ist in jedem Fall ein Reinigungsritus. In dieser Symbolhandlung wird die Reinigung von Schuld und Sünde anschaulich gemacht. Schon Johannes der Täufer sprach ja von der Taufe zur Vergebung der Sünden. Gottes Antwort auf unsere Schuld ist eben immer die Vergebung, nie die Vergeltung - wie manche fälschlich behaupten. Nicht erst durch die Spendung des Taufsakramentes wird die Schuld vergeben, vielmehr macht die Taufe sichtbar, wie wir uns als sündige Menschen vor Gott verstehen dürfen: als Begnadete, als Gerechtfertigte. Schuld mindert unsere Daseinsberechtigung nicht; denn Gott, der uns liebt, kennt keine Vergeltung.

    3. Du hast heiligen Geist.
    Die dritte Botschaft der Taufe ergibt sich aus der Herabkunft des heiligen Geistes. Die Taube ist ihr Symbol und weist Jesus als den in besonderer Weise Geistbegabten aus. Aber auch das gilt grundsätzlich von jedem Menschen, dass der Geist Gottes über ihn ausgegossen ist. Was übrigens Katholiken mit dem Sakrament der Firmung ausdrücken, ist längst seit der Taufe - und schon vorher - Wirklichkeit. Wenn aber über jeden Menschen der Geist Gottes ausgegossen ist, dann kann grundsätzlich auch durch jeden Menschen der Geist Gottes zur Sprache kommen.

    Geistgewirkte Rede nennt man auch prophetische Rede. Sie ist nicht dazu da, die Gewissen der Menschen zu beruhigen, sondern wie ein Stachel im Fleisch zu beunruhigen, zur Umkehr zu motivieren oder die Navigation der Lebensführung neu zu programmieren. Prophetische Rede wird in der Regel als störend empfunden: das war im alten Israel so, das ist im heutigen Kirchenbetrieb nicht anders. Ein Beispiel dazu: Vor ziemlich genau einem Jahr hat der Jesuitenpater Klaus Mertes vom Berliner Canisius-Kolleg eine große Aufklärungskampagne der dort geschehenen Missbrauchsfälle in Gang gesetzt. Sie alle wissen, in welchem Ausmaß bis dato Missbrauchsfälle vertuscht worden waren. Hätte es diesen Pater mit seinem Mut zur Wahrheit und zur öffentlichen Wahrhaftigkeit nicht gegeben, wäre bis heute wahrscheinlich noch nichts geschehen, d.h. es wäre weiter verheimlicht worden, um das Ansehen des Klerus und der Kirche zu schützen - auf Kosten der Missbrauchsopfer. Die Kirche braucht Propheten, die der Wahrheit mehr verpflichtet sind als der sog. Loyalität zur Obrigkeit.

    Wer die Symbolik der Taufe theologisch aufschließt, kommt zu ganz erstaunlichen Ergebnissen: der Mensch, der sich als Geschöpf Gottes versteht, hat ein Daseinsrecht und hat Heimat in dieser Welt; er braucht sich nicht zu grämen, wenn ihm nicht alles zu Besten gereicht, wenn er Fehler hat und persönliche Niederlagen hinnehmen muss. Trotzdem ist er berufen, für Gott und seine Wahrheit öffentlich Zeugnis abzulegen, sogar da, wo geweihte Häupter die Wahrheit vertuschen oder die Botschaft des Evangeliums durch Machtmissbrauch oder Lieblosigkeit verdunkeln. Die Kirche braucht Propheten - heute dringender denn je.

    Amen.


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    Mt 4,12-17: Denkt anders über Gott! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der heutige Evangelientext beginnt mit der beiläufigen Bemerkung, dass Johannes der Täufer ins Gefängnis geworfen worden war. Wenn man dann nachliest, was er wohl angestellt hat, stößt man auf seine Predigt. Die lautet: "Kehrt um! denn das Himmelreich ist nahe" (Mt 3,2). Und genau das predigt auch Jesus am Ende dieses Textes. Meinen beide dasselbe, wenn sie denselben Wortlaut verwenden? Man könnte es annehmen, und doch liegen Welten dazwischen.

    Johannes nimmt das Wort "Kehrt um! denn das Himmelreich ist nahe" als Einleitung zu einer Strafpredigt oder Gerichtsandrohung. Er sagt: "Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entgehen könnt? Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater& Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen" (Mt 3,7-10). Das ist harter Tobak. Es wird übrigens nicht gesagt, ob das der Grund für die Gefangennahme war. Auf jeden Fall erscheint Gott in der Predigt des Johannes als gnadenloser Richter und Verderber. Vor ihm kann man sich nur schützen durch einen tadellosen Lebenswandel, sonst flippt dieser Gott aus. Und wer ist schon ohne Sünde? Johannes der Täufer predigt also ein angstbesetztes Gottesbild.

    Wie anders dagegen ist das Gottesbild, das Jesus verkündet, obwohl er dieselben Worte verwendet. Das griechische Wort für Umkehr ist "meta-noein" und heißt wörtlich übersetzt umdenken oder anders denken. Jesus gebraucht es im wörtlichen Sinn, will sagen: Denkt anders über Gott als die Menschen gemeinhin über Gott denken! Hier hat das Umdenken keine moralische Bedeutung, sondern eine theologische. Jesus sagt damit: Gott ist kein fürchterlicher Gott, kein Gott der Rache und des Verderbens, sondern ganz und gar Liebe. Gott ist frei geschenkte Liebe, die man sich weder durch gute Werke verdienen noch durch die Sünde verscherzen kann. Dieses ganz andere Gottesbild, zu dem sich die Menschen bekehren sollen oder umdenken sollen, können selbst die Evangelisten und die übrigen Briefeschreiber des Neuen Testaments nicht konsequent durchhalten. Immer wieder fallen sie ins alte Denken zurück und lassen Gott mit Gericht und Strafe und Rache drohen. So fest eingefahren sind die alten Denkstrukturen, auch unsere Denkstrukturen heute noch, dass wir alles Mögliche im Leben als Strafe Gottes deuten: Krankheit, Tod ("der Tod ist der Sünde Sold": Rm 6,23) oder persönliche Schicksalsschläge. Nein, Gott ist eindeutig gut, und seine Liebe zu den Menschen - zu allen Menschen - lässt sich nicht manipulieren, weder durch inständige Gebete noch durch liebloses Verhalten. Dabei ist zu bedenken, dass nach uraltem christlichen Glaubensverständnis alle Menschen als von Gott geschaffen angesehen werden und das Prädikat "sehr gut" erhalten haben; also nicht nur die Frommen oder die Katholiken oder die Christen ganz allgemein, sondern eben alle, egal wie gläubig sie sind in welcher Religion auch immer oder sich als ungläubig bezeichnen mit oder ohne Begründung. Gott liebt sie alle. Fertig, aus! - Leider bleibt der Eindruck, dass die Kirche in ihrer Theologie und Verkündigung dem Gottesbild verhaftet geblieben ist, von dem sich Jesus selbst losgesagt und alle eingeladen hat, es ebenso zu tun.

    Ein letzter Gedanke: Warum ist dieses neue, von Jesus verkündigte Gottesbild so wichtig? Es ist deshalb so wichtig, weil Religion generell angstfrei erlebt werden kann und die Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes besser zur Geltung kommt. Es ist gewissermaßen ein emanzipiertes Gottesbild, das den Gläubigen aus so mancher Abhängigkeit entlässt und ihm die Freiheit schenkt, Verantwortung für sich selbst und die Welt zu übernehmen.

    Amen


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    Mt 5,37: Identität ist gefragt Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Die Bergpredigt geht uns alle an: den Priester nicht minder wie den Laien. Daher: die Predigt, die ich Ihnen heute halte, habe ich längst zuvor mir selber gehalten. Was mich an dem Text, den wir soeben gehört haben, am meisten beschäftigt, ist der letzte Vers: "Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere ist vom Bösen." Was ist gemeint?

    1. Nicht Moral ist gemeint.
    Einige Christen, die sich für gut halten, sehen in diesem Wort eine verschärfte moralische Haftung für das einmal gegebene Ja-Wort. Also: Wer z. B. bei der Eheschließung sein Ja verpfändet hat, ist für alle Zeiten daran gebunden; es gibt dann kein Nein mehr und kein Zurück. Oder ein anderes Beispiel: ein Priester, der bei seiner Priesterweihe sein Adsum (d. h. "hier bin ich") gesprochen hat, ist an das Amt wie an die daran geknüpfte zölibatäre Lebensform ein für allemal gebunden. Einmal Ja gesagt heißt dann: immer wieder Ja sagen. Der liebe Gott erscheint derweil als der große moralische Knüppel. Wehe, wenn einer ausschert und es wagt, sein Ja zu widerrufen und in ein Nein zu verwandeln. Der moralische Druck ist so unbarmherzig, dass ein Irrtum bezüglich des einmal gegebenen Ja gar nicht erst in Betracht gezogen wird. Faktisch wird damit auch die Fortentwicklung der Persönlichkeit ausgeschlossen. Wer sich nicht beim Wort nehmen lässt, ist kein Jünger Jesu. - So die Moralisten.

    Ich kann diese Auslegung der Bergpredigt nicht teilen. Wie viel Selbstgerechtigkeit steckt in einem solchen gesetzlichen Denken? So war Jesus nicht. Im übrigen: Kann es nicht sein, dass einer in eine Ehe schliddert, nur weil andere ihn dahin drängen? - aus Verantwortung, versteht sich. Vielleicht wegen einer Schwangerschaft, vielleicht aus Mitleid, vielleicht aus irgendeinem anderen Grund - nur nicht aus persönlicher Zuneigung und Entscheidung. Andere hatten es so gewollt: der wohlmeinende Vater, die besorgte Oma, der strenge Pastor, nur nicht der oder die Betroffene selber. Und nun soll die Zeche bezahlt werden - lebenslang. Eine Zeche, die nicht seine oder ihre ist. - Ähnliches gilt vom Priester. Kann es nicht sein, dass einer in den zölibatären Priesterberuf flüchtet, weil er hier seine womöglich kirchlich zu verantwortende sexuelle Verklemmtheit mit einer göttlichen Aura umgeben kann? Was für ein Gott, der den Menschen auf seine Unreife oder seine psychische Fehlentwicklung für alle Zeiten festlegen wollte! Was für ein Gott, dem das Gesetz wichtiger wäre als das Heraustreten des Menschen aus seiner Unmündigkeit und Fremdbestimmtheit!

    2. Identität ist gefragt.
    "Euer Ja sein ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen." Dieses Wort ermutigt zu Selbständigkeit und Eigenverantwortung, es verbietet geradezu jede Außensteuerung. Ich will es in der Ich-Form sagen: Ich bin nicht die Marionette meiner Eltern, nicht die Marionette der Kirche oder des Papstes, nicht einmal die Marionette des lieben Gottes, sondern ich bin ich, von Gott zur Freiheit berufen. Kein Über-Ich oder Außer-Ich hat über mich zu bestimmen, sondern ich selber. Genau das ist gemeint mit dem zitierten Wort aus der Bergpredigt: dein Ja sei dein ureigenstes Ja, und dein Nein sei dein ureigenstes Nein, alles andere ist böse. Das angemahnte Ja und Nein bezieht sich auf identisches Handeln, zu dem wir berufen sind. Man kann nämlich zu einem gegebenen Wort nur dann stehen, wenn man zuvor gelernt hat, selbständig zu sein, d. h. in der eigenen Persönlichkeit festen Stand zu haben. Wer die Bergpredigt anders versteht, unterstellt ihr eine Vergewaltigungssprache. In Wirklichkeit aber spricht das Evangelium die Sprache der Befreiung. Das also will Gott: das in Freiheit und aus eigener Überzeugung gesprochene Ja und Nein. Das und nur das hat vor Gott und den Menschen Geltung.

    3. Aber die Konsequenzen.
    Ich bin mir der Konsequenzen bewusst, die in dieser Auslegung stecken können. Ich fürchte sie nicht. Ich fürchte sie weder für mich noch für Sie. Aber ich befürchte, dass die Kirchenleitenden diese Freiheit des Evangeliums nicht wollen und deshalb weiterhin der Moral das Wort reden. Jesus war kein Moralist, sondern ein Freiheitskämpfer. Und darum ist es wohl wichtiger, die Freiheit einzuüben als sich der Moral zu versklaven. Denn nur die frei verantwortete Moral verdient diesen Namen.

    "Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein." Wenn man davon ausgeht, dass die Bibel zuallererst ein Glaubensbuch ist und nicht eine Morallehre, dann sagt uns die Bergpredigt: Du bist von Gott her berechtigt, selber Ja und Nein zu sagen, und zwar endgültig, d. h. mit letzter Gültigkeit. Und alle Ja-Worte, die nicht aus dieser Freiheit, sondern aus Angst und unter Druck irgendwelcher Autoritäten gesagt wurden, sind grundsätzlich revidierbar. Es müsste der Kirche und ihren Seelsorgern in der Verkündigung ein Anliegen sein, zur Entfaltung der Persönlichkeit aus einem freimachenden Glauben beizutragen und eine Kultur der Freiheit zu entwickeln, anstatt mit moralischen Appellen die Ängste vor dem Verderben zu schüren. Ich für meine Person werde jedenfalls nicht müde, immer wieder an die Freiheit zu erinnern, die die christliche Botschaft zu einer frohen macht.

    Amen.





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    Mt 6, 24-34: Lebt richtig! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der heutige Evangelientext gehört zu den schönsten und tiefsten Worten, die uns von Jesus überliefert sind. Sie stehen unter der Überschrift: "Niemand kann zwei Herren dienen - Gott und dem Mammon." Das ist zu Menschen gesagt, die ihr Leben buchstäblich zersorgen, als wären Geld und Reichtum, Schmuck und Wertgegenstände die Schlüssel für das Gelingen des Lebens. Diesen Menschen erklärt Jesus in wunderschönen Bildern und Vergleichen, worauf es wirklich im Leben ankommt. Es ist eine kleine Philosophie der christlichen Lebenseinstellung. Für mich persönlich ergeben sich aus diesem Text drei wichtige Einsichten. Und die möchte ich Ihnen jetzt mitteilen.

    1. Lebet den Augenblick!
    Es gibt viele Menschen, die plagen sich von morgens bis abends und fühlen sich als Sklaven der wirtschaftlichen Zwänge. Da muss der Lebensunterhalt stimmen, auch ein bisschen Luxus soll sein, kleine Rücklagen sind notwendig (es könnte ja mal ein Notfall eintreten), fürs Alter muss man heute sowieso selber vorsorgen und und und. Aber das eigentliche Leben wird vertagt: auf den Ruhestand oder auf den Feierabend oder auf den Urlaub. Das Leben ist dann deutlich zweigeteilt: in den sinnlosen Arbeitsprozess, der die Bedingungen für das eigentliche Leben sicherstellen soll, und das eigentliche Leben, das aber erst in ferner Zukunft oder im Feierabend sein wird. Wie schnell kann es da passieren, dass das sog. eigentliche Leben völlig aus dem Blickwinkel gerät und das Sklavendasein überhand nimmt. Ja, es gibt Menschen, die sind nur noch auf Gelderwerb aus, abhängig von der Arbeit wie ein Alkoholiker vom Alkohol. Workholiker nennt man so einen. Das eigentliche Leben findet nicht statt: weder im Feierabend noch im Ruhestand. So kann man nicht leben, meint Jesus. Das Leben insgesamt muss einen durchgehenden Sinn haben. Da ist jeder Augenblick wichtig, soll jeder Augenblick als wertvoll und sinnvoll angesehen und gelebt werden.

    2. Macht euch nicht zu viele Sorgen!
    Jesus veranschaulicht an den Beispielen der Lilie auf dem Feld und den Vögeln des Himmels, dass Gott für seine Geschöpfe sorgt. Er sorgt also auch für den Menschen, der deshalb gar keinen Grund hat, sich in den Sorgen ums Alltägliche zu verlieren. Jeder von uns weiß, dass Glück und Zufriedenheit, dass Geborgenheit und Lebenssinn Werte sind, die man für Geld nicht kaufen kann oder die automatisch mit dem Einkommenszuwachs ebenfalls wachsen. Gewiss braucht der Mensch das Lebensnotwendige, und das soll er sich auch erarbeiten. Aber hier ist vor allem das Gottvertrauen angesprochen. Gott wird schon dafür sorgen, dass wir alle Tage satt werden.

    Zugegeben: so kann man nur reden zu Hörern, die in einem gewissen Wohlstand leben. Weltweit machen viele Menschen die gegenteilige Erfahrung, dass nämlich Gottvertrauen allein nicht satt macht. Doch wer so zum Gottvertrauen animiert, steckt in der Pflicht, durch eigenes Tun zu zeigen, dass das Vertrauen auf Gott kein leeres Versprechen ist. Christentum ist schließlich keine Gottestheorie, sondern eine Lebenspraxis. So hat ja auch Jesus seiner Predigt durch entsprechende Taten Glaubwürdigkeit verliehen.

    3. Sucht vor allem das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit!
    Was ist das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit? Es ist das, was uns heil macht. Denn unser Leben ist Stückwerk, auch wenn wir es noch so sorgfältig planen, auch wenn wir noch so aufrichtig lieben und vorbildlich leben. Es gibt Dinge im Leben, die bringen wir nicht zusammen. Warum gibt es Naturkatastrophen, die Tausende von Menschen dahin raffen, oft die Ärmsten, die ohnehin nichts vom Leben hatten? Warum gibt es Krankheiten, die ja nie als Strafe Gottes verstanden werden dürfen. Das verbietet uns unser Gottesbild. Warum trifft ausgerechnet mich das Schicksal, das mein Leben zerstört? Warum gibt es Tod und nicht nur Leben? Fragen über Fragen, die unser Weltbild, ja sogar unser Gottesbild sprengen.

    Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit sind das, was uns heil macht. Diese Offenheit für das Unmögliche, dieses Ur-Vertrauen, dass alles gut wird, diese Hoffnung, dass allem ein letzter Sinn eingestiftet ist, auch wenn wir ihn nicht erkennen, das nennen wir Glauben. Nicht an Wunder im Hier und Jetzt glauben wir, sondern an eine Versöhnung der Zeit mit der Ewigkeit, an eine Versöhnung des Todes mit dem Leben, an eine Versöhnung des Schmerzes mit der Freude. Wie? Das wissen wir nicht. Aber an die Möglichkeit eines allumfassenden Sinnzusammenhangs zu glauben, das heißt das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit ins Leben zu holen.

    Es geht uns nicht anders als Jesus: sein grausamer, gewaltsamer Tod lässt an allem Lebenssinn dieses Gutmenschen zweifeln, aber seine Auferstehung macht uns ahnen, dass doch Sinn möglich ist. Ich bin davon überzeugt, dass unser Leben gelingt, wenn es offen ist für Gott, den unbekannten, den unberechenbaren. Er kann unser aller Leben mit all den vielschichtigen Problemen zu einem großartigen Puzzle zusammensetzen. Und wir werden staunen - wenn wir´s denn erfahren - wie wunderbar Gottes Fügungen waren, die wir als Zumutungen erleiden mussten. Ich glaube an diesen Sinn in meinem Leben.

    Amen.



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    Mt 7,21-27: Schinghellige sin messrodene Hellige (Prädig op Kölsch 2011) Wilhelm Weber

    Leev Mädcher un Junge vun Maye,
    leev Fründinne un Fründe us Berghem,
    leev Fastelovendsjecke!

    Wat is dat schön,,
    dat mer widder all zosamme sin.
    Mer han us lang nit gesinn, - stimmp et?
    An mer hät et nit geläge.
    Un no well ich üch jet sage üvver dat Evangelium,
    dat ich grad vörgelesse han.
    Dat wor quasi der Schlussakkood vun der Bergprädig:
     Dot ein för alle Mol dat, wat ich üch gesaht han!
    Originalton vun usem Här.
    Matthäus, dä us dat ganze Spill üvverlivvert hät,
    muss wohl ne gode Grund gehatt han,
    en singer Gemeinde Klartext zo spreche.
    Denn nit alles, wat en der Jesus-Gemeinde fromm doher kom,
    wor och en ech fromm.
    Et gov evvens och Schinghellige  wie hüggzedags och.
    Schinghellige sin Lück,
    die hinge nit esu sin, wie se vörre schinge.
    Vörre gonn die met fromm Spröch hauseere  Här, Här
    un hingeneröm dun se ander Lück avzocke
    un sich selver en Rötsch Privilegie en der Sack sorge.
    Han ich nit Rääch?

    Esu hät neulich uns Landesregierung der Sonndag neu entdeck.
    Die deit no aal chresstliche Wääte verteidige.
    Av sofort darf sonndags keine Trödelmaat mih avgehalde wääde.
    Sonndagsrauh, basta!
    Esu mobiliseert mer chrestlich-konservative Wähler.
    Öm die geiht et nämlich en drei Woche,
    wann der Landtag neu gewählt weed.
    Leiddragende sin die klein Lückcher,
    die sich met dem Trödel luuter e paar Nüsele nevvenbei verdeene kunnte.
    Dat es nu vorbei!
    Is dat nit ärg schinghellig?

    Wä wirklich dä Sonndag rette well,
    dä muss en Maria Laach aanfange.
    Do kannste jeden Sonndag enkaufe:
    Botter, Eier, Kies,
    Obs un Gemös,
    Fleisch un Woosch,
    Planze, Blome un Kaktusse,
    jede Menge Böcher un ander Gedöns.
    Dat es die benediktinische Sonderform vun Sonndagsheiligung.
    Han ich nit Rääch?

    A propos Schinghellige.
    Et einzig Echte an däjinnige es ehr Falschheit.
    Ne Schinghellige kanns de do dran erkenne,
    dat hä sich luuter üvver ander Lück entröste deit:
    üvver denne ehr Aat zo levve,
    üvver denne ehr Aat ze gläuwe,
    üvver denne ehr Aat Puute groß ze trecke un esu wigger.
    Die ständige moralische Entröstung
    is der Helligesching vun de Schinghellige.
    Ganz am Rande kann ich et üch jo verrode:
    unger de Schinghellige is dä ein dem andere singe Deuvel.
    Schinghellige sin missrodene Hellige!
    Han ich nit Rääsch?

    Üvverigens:
    En jeder Gemeinde gitt et e paar Schinghellige, ävver nor e paar:
    sage mer 0,5 Promille.
    Dat sin im Pastur singem Großrevier vun 9000 Katholike 
    loss mich üvverläge  vier un e half.
    Kennt Ihr die vier un e half,
    die he frei erömlaufe?
    Ich kenne die,
    ävver ich han se hee hügg noch nit entdeck.
    Ich vermute mol,
    dat die sonndags luuter en St. Clemens en de Fröhmess woren.
    Nu hätt der Pastur die Mess vor kootem ersatzlos gestriche,
    un zwar us Mangel an& & näh, nit wat ihr meint,
    us Mangel an Kirchenbesuchern.
    Pastur, han ich nit Rääch?

    Am Engk vum Evangelium steiht dat bekannte Dubbelgleichnis:
    dat Gleichnis vum Huusbau.
    Einmol es et stabil, hält alem stand,
    un et andere Mol krach et en sich zosamme
    Dat stabile Huus, op Fels gebaut,
    meint die, die dun, wat der Häär sage deit.
    Dat Levvenshuus vun denne hät vörm Hergodd Bestand.
    Ävver die ärm Schinghellige,
    die för sich selvs un för ander Lück en dubbelte Moral han,
    die han kein Chance vörm Herrgodd.
     Ich kennen üch nit , krige die zo hüre.

    Wat ben ich fruh,
    dat mer vun dä Zoot he nor vier un e half han.

    Amen  Mayoh




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    Mt 9, 9-13: Barmherzigkeit statt Opfer Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Es gibt Bibeltexte, die sind ungeheuer provokativ. Das soeben gehörte Evangelium ist so ein Text. Nach der Berufungsgeschichte des Zöllners Matthäus sagt Jesus: "Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer". Was ist gemeint?

    1. Opferpraxis in allen Religionen
    In fast allen Religionen finden wir die Praxis, dass die Gläubigen ihrem Gott oder ihren Göttern Opfer darbringen: die ersten Früchte des Feldes, Jungtiere oder andere Gaben, die einen besonderen Wert darstellen. Man will damit zum Ausdruck bringen, dass Gott eigentlich alles gehört und dass man ihm diesen Besitzanspruch auch nicht streitig machen will. Manchmal hat das Opfer auch den Sinn, die erzürnte Gottheit zu besänftigen und gnädig zu stimmen. In anderen Fällen soll das Opfer Zeichen der Sühne für begangene Schuld sein. Eine extreme Form des Opfers ist das Menschenopfer. Abraham z. B. fühlte sich vor Gott verpflichtet, seinen einzigen Sohn Isaak auf einem Altar zu opfern wie ein Stück Vieh. Lang und ausführlich wird im Buche Genesis Kap. 22 das Vorbereitungsritual beschrieben, wobei das Opfer selber in die Vorbereitung eingebunden ist. Erst im letzten Augenblick kommt es durch Gottes Einschreiten nicht zur Tötung, sondern zu einer Ersatzhandlung. Ein Stier wird statt Isaak geopfert. Man darf davon ausgehen, dass Menschenopfer damals durchaus üblich waren.

    2. Jüdisch-christliche Kritik am Opfer
    Erstaunlich ist folgendes: obwohl die Opferpraxis in Israel mit dem Tempelkult fest verankert und geregelt ist, gibt es zugleich deutliche Kritik am Opferkult. Der Fall Isaak macht unwiderruflich klar, dass es Menschenopfer auf gar keinen Fall geben darf. Aber auch der übliche Opferkult wird schon von den Propheten hinterfragt. Bei Hosea (8. Jh. v. Chr.) etwa lesen wir die Jahwe-Worte: "Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer" (6,6). Oder bei Jesaja (Trito-Jesaja), der das Fasten als besondere Form des Opfers sehr kritisch sieht, lesen wir: "Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht: wenn man den Kopf hängen lässt, so wie eine Binse sich neigt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt? Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Joches zu entfernen, die Versklavten frei zu lassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen. Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Wunden werden schnell vernarben" (58,5-8a). Also: Opfer in Form der Selbstkasteiung und des Fastens will Gott nicht, wohl aber Werke der Barmherzigkeit und Nächstenliebe.

    Von Jesus selbst ist nicht bekannt, dass er irgendwann im Tempel geopfert hätte. Sehr wohl bekannt ist dagegen Jesu Einschreiten gegen eine Opferpraxis, die mit unerträglichem Geschäftsgebaren verbunden ist. Er jagt nämlich die Händler aus dem Tempel. Statt zu opfern heilt Jesus im Tempelbezirk Lahme und Blinde (Mt 21,14). Genau das ist gemeint mit dem aus Hosea zitierten Wort Jesu: "Liebe und Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer." Für diese Haltung steht die Berufung des Zöllners Matthäus und die anschließende Tischgemeinschaft mit vielen Zöllnern und Sündern. So ist es richtig, will Jesus sagen.

    3. Fragen, die sich ergeben
    Wie konnte die spätere Theologie den Tod Jesu erneut als Opfer interpretieren und deuten? Als wenn Gott durch die Sünde des Menschen so beleidigt gewesen wäre, dass es eines Menschenopfers, nämlich seines eigenen Sohnes, bedurft hätte, um wieder versöhnt zu werden!? Was ist das für ein Gottesbild! Man denkt unwillkürlich an Abraham und an das göttliche Verbot, Menschen zu opfern. Ein ausgesprochen schlechtes Interpretationsmodell. Gänzlich unverständlich ist dann in der Folge die Bezeichnung der Eucharistiefeier als unblutige Erneuerung des blutigen Opfers am Kreuz. Und wir sprechen vom Messopfer, ohne gedanklich noch wahrzunehmen, was wir da sagen. Diese Vorstellungen waren zur Zeit ihrer Entstehung schon problematisch; heute sind sie überholt und gehören korrigiert. "Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer", sagt Jesus.

    Aus der Berufung des geächteten Zöllners und der Forderung Jesu nach Barmherzigkeit ergeben sich noch viele weitere Fragen. Jesus hebt Ausgrenzungen einfach auf - sehr zum Ärger der Pharisäer. Er tut es nicht in der Hoffnung, dass die Zöllner und Sünder später werden wie die Pharisäer, nein, jede Ausgrenzung ist unmenschlich und gehört deshalb korrigiert. Das können wir uns alle hinter die Ohren schreiben: ich, Sie und die ganze Kirche. "Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer", sagt Jesus.

    Amen.



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    Mt 9,36-10,8: Jesu Auftrag zur Seelsorge Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Wenn es irgendwo im Neuen Testament einen eindeutigen Auftrag zur Seelsorge gibt, dann eben hier im Matthäusevangelium. Jesus hat die müden, erschöpften, verwahrlosten Menschen vor Augen, die wie Schafe sind, die keinen Hirten haben. Mit ihnen hat Jesus Mitleid. Und darum schickt er die Zwölf zu ihnen mit dem Auftrag: Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Und lasst die Menschen spüren: das Himmelreich ist euch nahe! Das ist ein klarer Auftrag zur nachgehenden Seelsorge. Es geht um den helfenden und heilenden Beistand für Menschen, die in schwierigen Grenzsituationen ihres Lebens Hilfe brauchen. Dass solche Seelsorge personalintensiv ist, weiß schon der Evangelist, weshalb er ausdrücklich anempfiehlt, den Herrn der Ernte um Aussendung möglichst vieler Erntearbeiter zu bitten.

    Die Beschränkung auf die "Schafe des Hauses Israel" entspricht dem Horizont des Matthäus, der als Jude für Judenchristen schreibt und die Heidenvölker noch nicht im Blick hat.

    Die Kirche versteht sich zu Recht als Nachfolgerin der Zwölf und hält den Seelsorgeauftrag auch für sich verpflichtend. Es ist kritisch zu fragen, ob die Kirche diesem Auftrag heute gerecht wird.
    Sie wird es nicht!

    Zwar ist die seelsorgliche Befindlichkeit der Menschen heute keineswegs anders - sie sind müde, erschöpft, verwahrlost, orientierungslos, allein gelassen, krank, vereinsamt, ausgegrenzt, zum Teil lebensuntüchtig - aber die Kirche gibt sich zufrieden mit immer weniger Seelsorgern und rechtfertigt den Mangel als Gottes Willen. Das ist ein Verrat am Evangelium. Der Mangel liegt nämlich darin begründet, dass man die falschen Bedingungen für die Zulassung als Erntearbeiter stellt. Notwendige Eigenschaften für einen Seelsorger oder für eine Seelsorgerin wären: die Fähigkeit auf Menschen zuzugehen; sie zu ermutigen, ihr Schicksal selber zu wenden; Orientierung oder auch Führung anzubieten; Ausgrenzungen aufzuheben; lebenstüchtig zu machen. Mit dem im Christentum verankerten Menschenbild ist das kein Unterfangen. Stattdessen stellt die Kirche als Bedingung für den priesterlichen Dienst: Männlichkeit und Bereitschaft zur Ehelosigkeit - als wenn Weiblichkeit und Ehe für den priesterlichen Dienst disqualifizierten! Solche Bedingungen sind dem Evangelium fremd.

    "Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden." Die Kirche sieht in dieser Aufforderung, möglichst viel um Priesternachwuchs zu beten. Aber damit ist das Problem nicht zu lösen. Es ist geradezu rührend, was in den Generalvikariaten an Werbung für Priesternachwuchs und Berufe der Kirche fabriziert wird. Entsprechend ist der Erfolg. "Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden" heißt nicht, unaufhörlich zum Himmel zu schreien; es heißt vielmehr, unüberhörbar Seelsorgerinnen und Seelsorger anzumahnen beim Herrn der Ernte in Rom. Eigentlich wäre das die Aufgabe der Bischöfe, die vor Ort den Seelsorgenotstand kennen und in Rom nach Lösungen suchen müssten, anstatt ihn als Gottes Fügung schön zu reden.

    Meine Kritik ist hart, aber nicht härter als das Evangelium. Es ist für mich der Maßstab, an dem kirchliches Handeln zu messen ist, und wird es hoffentlich immer bleiben.

    Amen.



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    >Mt 11, 28-29: Wo nichts ist, da wohnt keiner Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Es gibt ein Sprichwort, das sagt: "Wo nichts ist, da wohnt keiner." Dieses Sprichwort erinnert man dann, wenn man unverhofft erfährt, dass jemand schwer erkrankt ist oder dass eine Ehe zerbricht oder Kinder aus dem Ruder laufen oder jemand arbeitslos geworden ist oder jemand alkohol- oder medikamenten- oder drogenabhängig geworden ist oder jemand einen Schwerstkranken pflegt oder, oder, oder. Wo nichts ist, da wohnt keiner. Mit anderen Worten: Hinter jeder Hausnummer leben Menschen mit mehr oder weniger Problemen, und jeder hat sein Päckchen zu tragen. Die meisten Lasten und Belastungen bleiben jedoch im Verborgenen, und nur durch Zufall erfährt man das Eine oder Andere.

    Wenn Jesus sagt: "Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen" (Mt 11,28), dann hat er genau diese Menschen im Auge, die ich gerade angesprochen habe: Menschen, die nicht wissen, wie es weitergehen soll, die am Ende ihrer Kraft sind, die nicht mehr können. - Jesus sagt nicht: ich werde euch die Lasten abnehmen. Er sagt nicht: es ist alles halb so schlimm, wie ihr meint. Nein, der Einladung an alle Beladenen, zu ihm zu kommen, fügt er die Verheißung an: "Ich werde euch Ruhe verschaffen." - Wie denn?

    Das sagt der nächste Vers: "Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele." Das Joch ist nicht die Last, schon gar nicht eine Last, die Jesus auferlegt. Ein Joch ist ein Zuggeschirr, mit dem zwei Ochsen vor einen Wagen oder Pflug gespannt werden. Joch ist auch eine Schultertrage, mit der Körbe und Eimer getragen werden, also eine Transporthilfe für Träger. Das ist ein Bild, das gedeutet werden will. Denn es handelt sich ja im Wesentlichen um seelisches Leid, das die Menschen tragen müssen. Und was ist mit der Transporthilfe gemeint? Jesus sagt: "Lernt von mir!" Er trägt seine Last mit Güte und Demut (= Mut zum Dienen). In der Sprache Jesu aber sind Güte und Demut Aspekte der Liebe. Jesus meint, dass beim Tragen der Lebenslasten die Liebe eine ungeheure Hilfe sein kann. Diese Tragehilfe (die Liebe) macht die Last buchstäblich er-träglich. Sie schenkt dem Träger sogar Ruhe für die Seele.

    Ein Beispiel: Vor kurzem lernte ich eine Frau kennen, über 70 Jahre alt, die seit fünf Jahren ihren schwerst demenzkranken Mann zuhause pflegt. Der Kranke erkennt keinen mehr, ist zu keiner emotionellen Regung fähig, wird künstlich ernährt und bedarf der Rundumpflege 24 Stunden am Tag. Auf die Frage, wie sie das schaffe, antwortete die Frau: "Er ist doch mein Mann. Ins Heim gebe ich ihn nicht." Wie heißt es im 1. Korintherbrief (Kap. 13)? "Die Liebe prahlt nicht, bläht sich nicht auf, erträgt alles, hält allem stand." - Das meint Jesus mit der Tragehilfe "Joch" : Güte, Demut, Liebe.

    Amen.





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    Mt 13, 1-9.18-21: Wider die Resignation Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Evangelium, das wir soeben gehört haben, enthält das Gleichnis vom Sämann und die Deutung dieses Gleichnisses. Zwischen dem Gleichnis und der Deutung gibt es im Originaltext noch einen längeren Abschnitt, den ich weggelassen habe, wo Jesus auf die Jünger-Frage eingeht, warum er überhaupt in Gleichnissen zu den Menschen rede. So haben wir nur zwei Texte gehört: das Gleichnis und die Deutung. Beide Texte sollten wir strikt auseinander halten. Warum?  das werden Sie sehen, wenn ich gleich beide Texte nacheinander erkläre.

    Das Gleichnis.
    Es ist ein Bild aus der Landwirtschaft. Der Bauer streut den Samen aus. Und nun werden vier einzelne Samenkörner wie mit einer Zoom-Kamera eingefangen und beobachtet. Das Ergebnis kennen Sie: aus drei Samenkörnern wird nichts, aber das vierte Korn bringt reiche Frucht - vielleicht hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach. Und dann kommt die Aufforderung: "Wer Ohren hat, der höre!" Wir haben alle zwei Ohren und haben gehört, aber die meisten haben wohl mehr gehört als das Gleichnis, weil wir zugleich mit dem Gleichnis auch die Deutung schon im Ohr haben. Doch wollten wir beides voneinander trennen.

    Das Gleichnis für sich genommen ist ein wunderbares Bild gegen die Resignation. Es will sagen: es kann gar nicht alles gelingen. Und deshalb macht auch keiner dem Bauern einen Vorwurf, dass er etwa nicht sorgsam genug mit dem Samen umgegangen wäre oder dass er bei der Aussaat besser hätte aufpassen müssen, dass ja keine Körner dahin fliegen, wo sie nicht gedeihen können. Jesus meint: so ist es in jedem Leben. Es gelingt nicht alles. Und das ist auch nicht schlimm. Es reicht, wenn nur etwas von dem gelingt, was wir uns vorgenommen haben. Und wie der Bauer im Gleichnis nicht resigniert, weil da etwas auf dem Feld nicht aufgeht, sondern sich an der reichen Frucht der anderen Körner freut, so sollen auch wir im Leben nicht resignieren, wenn mal etwas schief geht, sondern uns freuen an dem, was gelingt. Das Gleichnis ist eine unglaubliche Ermutigung zum Leben. Wie der Optimist ein zur Hälfte gefülltes Glas als halbvoll bezeichnet und nicht wie der Pessimist als halbleer, so sollen wir uns freuen am Gelungenen und nicht resignieren, wenn etwas misslingt. Das ist typisch Jesus: er erklärt die Lebenswirklichkeit und ermutigt zum Leben, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Jesus will sagen: Nehmt das Leben an, wie es ist, mit seinen Höhen und Tiefen, mit seinen Erfolgen und Misserfolgen, mit Gesundheit und Krankheit, mit Ehre und Verachtung, sogar mit dem Tod. Übrigens war das ja auch die Einstellung zum Leben, die Jesus selbst vorgelebt hat. Ihm war die höchste Anerkennung und Verehrung durch die Menschen so vertraut wie die tiefste Erniedrigung; Tabor und Golgotha gehören zusammen. Doch an ein endgültiges Scheitern seines Lebens und seiner Sendung konnte er nicht glauben, weil er auf die unendliche Liebe Gottes vertraute. Und die lässt keinen im Stich, auch nicht im Tod. Zu diesem Gottvertrauen will Jesus ermutigen, und dann wird alles gut - manchmal erst im Tod oder durch den Tod.

    Die Deutung.
    Wie anders ist der Geist, der aus der Deutung des Gleichnisses spricht. Da gibt es moralische Seitenhiebe am laufenden Band. Da weiß ein Dreimalkluger, wie alles zusammenhängt und woran der Misserfolg liegt. Das atmet nicht den Geist Jesu, obwohl alles so erzählt wird, als hätte Jesus es gesagt.

    Wahrscheinlicher ist, dass die Deutung des Gleichnisses von Gemeindeleitern jener Zeit stammt, als das Evangelium aufgeschrieben wurde. Die hatten nämlich ihre liebe Last, die Gemeindemitglieder - besonders die neuen - bei der Stange zu halten. Die Anfangsbegeisterung war groß, aber dann gab es doch Vorbehalte. Und dann wird in der Verkündigung schon mal übers Ziel hinausgeschossen wie immer, wenn sich eine Krise anbahnt. Da gibt es dann die Guten und die, die nichts taugen; die Erwählten und die Verworfenen; die Geretteten und die Verdammten. Nicht jede Auslegung des Wortes Gottes würde Jesus als authentisch unterschreiben - weder damals noch heute. Zum Glück hat er selber nichts Schriftliches von sich gegeben, sondern darauf vertraut, dass die Seinen von ihm weiter erzählen. Aber es ist schon etwas gewagt, jedes Wort der Bibel unbesehen als "Wort Gottes" zu bezeichnen.

    Wir halten uns am besten an das Gleichnis selbst. Und das besagt, dass nicht alles im Leben gelingen muss. Aber wer so liebt wie Jesus und so auf Gott vertraut, wie er es getan hat, dessen Leben kann gar nicht misslingen. Und auch das ist klar: Jesus ist unser Vorbild, das wir nie einholen können. Muss auch nicht; der ernsthafte Versuch reicht.

    Amen.




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    Mt 13,24-30: Seid tolerant zueinander! Wilhelm Weber

    Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

    Der Sinn dieses Gleichnisses ist ganz einfach. Unkraut rupfen ist verboten, weil man damit oft mehr kaputt macht als richtig. Und da es sich um ein Gleichnis handelt, muss das Bild gedeutet werden. Und dann heißt das: Ihr sollt euren Eifer nicht darin zeigen, dass ihr stets das Böse oder was ihr für das Böse haltet, verurteilt oder zu verhindern sucht, sondern ihr sollt tolerant sein und die Beurteilung ob gut, ob böse – ob richtig oder falsch Gott überlassen Der wird´s am Ende schon richten. Es ist nicht eure Aufgabe, den Sittenrichter zu spielen.

    Hätten wir in der Vergangenheit nach diesem Grundsatz gelebt, dann wäre z.B. mancher Familienkrach vermieden worden. Dann wäre dem Sohn von seinen Eltern die Freundin nicht mies gemacht worden oder der Tochter der Freund oder dem schwulen Sohn der Partner. In solchen Fällen sagt der Kölner in seiner toleranten Art ganz richtig: et is wie et is un et kütt wie et kütt. Denn Besserwisserei bringt immer Ärger, nie Segen. Sie selber werden Beispiele genug in ihrem eigenen Leben finden, wo sie manchmal besser den Mund gehalten hätten und so viel Ärger vermieden hätten.

    Aber nun stellen Sie sich mal vor, die Kirche hätte als Institution nach diesem Grundsatz gehandelt. Der ist ja auch für sie verbindlich. Dann hätte es keine Kreuzzüge gegeben, keine Hexenverbrennungen, keine Inquisition, keine Glaubenskriege – und Küng, Drewermann, Hasenhüttel und Imbach z.B. wären heute noch im Dienst der offiziellen Kirche. Es ist schon ernüchternd, wenn wir unser eigenes Verhalten oder das der Kirche insgesamt an den grundlegenden Maßstäben, die Jesus verkündet hat messen. Erschütternd ist es allerdings, dass die Verurteilungen, die ja ständig und massenhaft in der Kirche verbreitet werden, von uns gar nicht mehr als gegen das Evangelium verstoßend empfunden werden.

    Warum hat Jesus eigentlich so ein Gleichnis in die Welt gesetzt? Ich denke, es ging ihm nicht nur um etwas mehr Toleranz. Vielleicht wollte er damit anschaulich machen, wie Gott mit uns umgeht. Gott hält auch uns nicht zurück, wenn wir Böses planen. Und selbst die Kirche, die ja mit dem Anspruch der Unfehlbarkeit in Glaubens- und Sittensachen daherkommt, wurde in der Geschichte von Gott nicht daran gehindert, schlimmste Verbrechen zu begehen. Warum? Das weiß keiner. Das ist Gottes Geheimnis. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Gott greift überhaupt nicht in das Geschehen dieser Welt und auch nicht in den Lauf der kosmischen Abläufe ein. Wie sonst hätte der Tsunami 300.000 Menschenleben vernichten können? Wie sonst konnte Präsident Bush trotz unzähliger Friedensinitiativen und Friedensgebetsgruppen Krieg im Irak führen, wo unendlich viel Leid angerichtet wurde? Wie sonst können Kindesentführer und Kinderschänder ihr Werk treiben? Gott greift nicht ein.

    Und damit kommen wir zum eigentlichen Problem. Warum reagiert Gott nicht auf unser Bittgebet? Auch dann übrigens nicht, wenn unsere Bitten total bescheiden oder im Sinne der Kirche oder ganz einfach menschlich sind? Keiner von uns kann beweisen, dass Gott ihm je sein Bittgebet erhört hat. Er kann beweisen, dass er selbst das Geschehen als Gebetserhörung gedeutet hat. Aber dass das Gebet Ursache des Eingetretenen war, kann keiner beweisen. Er darf es glauben – für sich ganz persönlich.

    Das Gottesbild hat sich seit den Tagen der Bibel gewaltig verändert. Wir können uns nach all den Erkenntnissen der Physik, der Biologie wie der ganzen Naturwissenschaften Gott nicht mehr vorstellen als jemanden, der auf unsere Bitten hin ganze Kausalabläufe, nach denen die Welt und der ganze Kosmos funktionieren, außer Kraft setzt, um uns den einen oder anderen Gefallen zu tun. Alle Dinge haben ihre eigene Gesetzlichkeit, und Gott greift nicht ein.

    Trotzdem ist er da. Er ist da als einer, der unsere Freiheit respektiert, der unsere Entscheidungen toleriert und uns zutraut, dass wir das Leben bestehen – die schönen und angenehmen Seiten, aber auch die schweren, die er uns nicht erspart. Er ist da als einer, der uns liebt, wie ein Vater oder eine Mutter die eigenen Kinder liebt, auch wenn die Dinge tun, die sie als Eltern nicht verstehen können. Gott ist unendlich tolerant mit uns. Und so soll es auch unter uns Menschen zugehen. Das tut der Liebe keinen Abbruch, im Gegenteil: das ist Ausdruck der Liebe.

    Amen.


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    Mt 13,44-46: Werde du selber! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Zwei Gleichnisse haben wir gerade gehört: das vom Schatz im Acker, den einer auf kluge Weise in seinen Besitz holt, und das von der kostbaren Perle, die ein Kaufmann entdeckt und für sich selber einkauft. Die Bildhälften sind anschaulich und verständlich. Doch als Gleichnisse meinen sie eine andere Wirklichkeit, nämlich das Reich Gottes. Und da beginnen die Verständnisschwierigkeiten.

    Das Reich Gottes bzw. die Herrschaft Gottes ist nicht ein Reich irgendwo über den Wolken, auch nicht ein Reich, das erst nach diesem Leben eine Rolle spielt, sondern es meint das, was Gott jetzt will, in dieser Zeit, mit diesen oder diesem Menschen. Gemeint ist das, was wir in den Vaterunserbitten aussprechen, wenn wir beten: "Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden."

    Was nun der Wille Gottes ist, das ist gar nicht so leicht herauszufinden. Wir haben uns in der Vergangenheit gerne auf das Lehr- und Hirtenamt der Kirche verlassen, um uns sagen zu lassen, was der Wille Gottes ist. Das ist manchmal gut so, aber eben nur manchmal. Denn die Kirche ist nicht identisch mit dem Reich Gottes und was sie anordnet, ist nicht gleichzusetzen mit dem Willen Gottes. Jeder Mensch hat in sich ein zwar nicht unfehlbares, aber verpflichtendes Gespür dafür, was er in seinem Leben als Wille Gottes umzusetzen hat. Wir können das auch Berufung nennen. Wenn einer seiner Berufung folgt, erfüllt er den Willen Gottes und wird dadurch er selber. Denn nur wer tut, wovon er überzeugt ist und wozu er sich innerlich verpflichtet fühlt, lebt und handelt identisch: nicht fern gesteuert durch vorgegebene Verbote und Gebote, sondern selbstbestimmt aus eigener Überzeugung.

    Beim Wort Berufung denken wir gleich an geistliche Berufung und freuen uns, dass sich endlich mal wieder ein Mann oder eine Frau zum geistlichen Stand als Priester oder Ordensfrau hingezogen fühlt. Auf diese Berufungen warten wir jedoch zunehmend vergeblich. Indes gibt es Berufungen, für die in der Kirche kein Platz ist - wenn z.B. eine Frau dafür kämpft, dass auch sie etwa priesterliche Dienste übernehmen dürfe, oder wenn Verheiratete um ebendieses Recht kämpfen. Sie würden in ihren Bestrebungen voll diesen Gleichnissen entsprechen. Denn Berufungen gehen nicht immer konform mit dem in der Kirche Bestehenden, sondern Berufungen können das Bestehende durchaus auch stören und für Aufregung sorgen. Es gibt übrigens viele Fragen im kirchlichen Leben, wo tiefgläubige und kirchlich engagierte Leute für menschlichere und fortschrittlichere Lösungen kämpfen, also für Veränderungen. Nicht selten ist durch solche "Störenfriede" gesamtkirchliches Umdenken eingeleitet worden.

    Fazit: Nicht Ruhe ist die erste Christenpflicht, sondern die leidenschaftliche Umsetzung des Evangeliums, wie der Geist Gottes es uns eingibt.

    Amen.


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    Mt 14,13-21: Gebt ihr ihnen zu essen! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Es gibt nur wenige Wundererzählungen im Neuen Testament, die selbst dem heutigen, kritisch denkenden Menschen so leicht zugänglich sind, wie das Wunder der Brotvermehrung.

    Da sind weit über 5000 Menschen Jesus nachgegangen, um ihn zu hören, um geheilt zu werden oder um ganz einfach bei ihm zu sein. Es wird nicht gesagt, welcher Art die Erwartungen waren. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, da brauchen alle was zu essen. Die Jünger verspüren den Hunger wahrscheinlich an erster Stelle. Sie haben auch gleich eine Lösung parat: jeder soll für sich selber sorgen. (Private Vorsorge würde man das heute nennen.) Doch Jesus antwortet auf diesen Vorschlag: "Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!" Und dann suchen sie zusammen, was sie haben. Es wird vorne und hinten nicht reichen. Fünf Brote haben sie und zwei Fische. Jesus nimmt das Wenige, das sie haben, spricht den Lobpreis, bricht das Brot, und die Jünger teilen aus. Alle werden satt, sogar zwölf Körbe voll bleiben übrig.

    Gebt ihr ihnen zu essen! Teilt, was ihr habt! Das ist die Weisung Jesu. Und wer diese Weisung befolgt, erlebt wahrhaft ein Wunder. Es ist in der Tat mehr als genug für alle da. Es bleibt sogar noch etwas übrig. - Stellen Sie sich vor: alle Menschen, nicht nur die Reichen, sondern auch die Armen, würden diese Weisung Jesu befolgen, und zwar weltweit; dann wäre das Problem des Hungers in der Welt gelöst. Zwar würden alle, und die Reichen an erster Stelle, sagen, es reicht nicht, eigentlich haben wir nur gerade genug für uns selber; doch wenn wir ernsthaft zusammenlegen würden, was wir haben, um mit allen zu teilen, wäre das Wunder perfekt - auch heute.

    Es soll allerdings nicht verschwiegen werden, dass in dieser Wundererzählung noch mehr an Wegweisung durch Jesus zu lesen ist. Zehn Kapitel vor dieser Geschichte zitiert Matthäus ein Wort Jesu, das wir alle kennen: "Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt" (4,4). Des Menschen Hunger ist umfassender als das Bedürfnis nach Essen und Trinken. Und wenn Jesus sagt: Gebt ihr ihnen zu essen! Dann ist damit sicher auch die Nahrung gemeint, die das Wort Gottes ist. Und diese Nahrung kann man nicht kaufen in irgendwelchen Geschäften. Von daher war der Vorschlag der Jünger: "Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen!" völlig daneben. Das Brot, das das Wort Gottes ist, gibt es immer nur umsonst, nie für Geld (auch nicht für Kirchensteuer).

    Wunderbar passt daher die Lesung aus dem Profeten Jesaja zu diesem Evangelium:

    "Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser!
    Auch wer kein Geld hat, soll kommen.
    Kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld,
    kauft Wein und Milch ohne Bezahlung!
    Neigt euer Ohr mir zu, und kommt zu mir,
    hört, dann werdet ihr leben!" (55,1.3a)

    Amen


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    Mt 16, 13-20: Zweideutiges Zeugnis Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Die ersten drei Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) erzählen weitgehend dasselbe. Das Markusevangelium ist das älteste und kürzer als alle anderen. Matthäus und Lukas haben, als sie ihre Evangelien schrieben, den Text des Markusevangeliums offensichtlich gekannt, vielleicht sogar vieles abgeschrieben. Es ist nun interessant, die drei Evangelien miteinander zu vergleichen. Da sind die Übereinstimmungen bedeutsam, aber noch bedeutsamer sind die Unterschiede. Am Beispiel des heutigen Evangelientextes nach Matthäus möchte ich mal die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede darstellen und deuten.

    Alle drei Evangelisten berichten, wie Jesus seine Jünger fragt: "Für wen halten mich die Leute?" Dann folgen die Antworten fast übereinstimmend: "für Johannes den Täufer, für Elias oder einen anderen Propheten." Dann fragt Jesus: "Für wen haltet ihr mich?" Da antwortet Petrus: "Du bist der Messias." Wir halten das für eine gute Antwort. Um so erstaunlicher ist die Reaktion Jesu: "Dann verbot er den Jüngern streng, irgend jemand zu sagen, dass er der Messias sei." Mit anderen Worten: Presst mich nicht in dieses Klischee, denn es ist falsch. In der Tat erwarteten die Juden damals als Messias einen politischen und militärischen Supermann, der die römischen Besatzer vertreiben und das alte Reich wiederherstellen würde. Damit aber wollte Jesus nicht gleichgesetzt werden. Wie gesagt: alle drei Evangelien berichten fast gleich lautend diesen Hergang. Einzig Matthäus schiebt nach dem Bekenntnis des Petrus, dass Jesus der Messias sei, ein großes Lob und die große Verheißung ein: "Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben; was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein." Nach diesen starken Worten ist es schier unverständlich, wenn es im nächsten Satz heißt: "Dann befahl Jesus den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Messias sei." Der ursprüngliche Zusammenhang ist gesprengt. Die Bibelwissenschaftler sprechen von einem späteren Einschub. Es stehen sich hier zwei unterschiedliche Messias-Bilder gegenüber: eines, mit dem Jesus nicht identifiziert werden will, weshalb er dessen Verbreitung verbietet, und ein zweites, an das Jesus die große Verheißung anfügt. Offensichtlich hatte Petrus in der Gemeinde des Matthäus eine besondere Bedeutung, und die sollte herausgehoben werden. Allerdings ist die Einpassung des Einschubs nicht sehr gelungen.

    Diese starke Verheißung an Petrus an dieser Stelle des Evangeliums ist auch schon deshalb wenig glücklich, weil im selben Evangelium - nur drei Verse weiter (wir hören es am nächsten Sonntag) - Jesus zu Petrus sagt: "Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen." Das stimmt übrigens wieder haargenau mit der Vorlage des Markus überein. Es ging da um den Einwand des Petrus auf Jesu Leidensvorhersage. So etwas dürfe nicht eintreten, hatte Jesus gemeint.

    Wir sehen: das Zeugnis des Petrus über Jesus ist im Matthäusevangelium ausgesprochen doppeldeutig. Bis heute weiß keiner, warum dieser Einschub mit der großen Verheißung an Petrus ins Matthäusevangelium gemacht wurde und wo sein eigentlicher Ursprung liegt. Es sind nur drei Verse, die allerdings Geschichte gemacht haben. Sie - und nur sie - wurden zur biblischen Grundlage einer sich im Laufe der Zeit immer mehr aufblähenden Papst-Idee (um nicht zu sagen: Papst-Ideologie). Aus diesen drei Versen wurden alle Vorzüge des Petrus bzw. des späteren Petrus-Amtes hergeleitet - angefangen vom Primat bis zur Unfehlbarkeit. Kein Wunder, dass evangelische Christen, die sich ja nicht minder der Bibel verpflichtet fühlen, im Papsttum der katholischen Kirche eine Überinterpretation der Verheißung an Petrus sehen. Und so bleibt das Papsttum eines der größten Hindernisse in den ökumenischen Bemühungen.

    Um in der Ökumene weiter zu kommen, bedarf es der Klärung noch vieler Fragen, die sich aus dem heutigen Evangelientext ergeben. Ich will einige nennen:
    1. Wie sieht das Messias-Bild aus, zu dem Petrus sich bekennt und das mit der großen Verheißung belohnt wird? Es ist offenbar nicht das Messias-Bild, von dem Jesus sich distanziert. Das herauszuarbeiten wäre ein überkonfessionelle Aufgabe der Bibeltheologie.
    2. Die Verheißung Jesu gründet sich auf das persönliche Glaubensbekenntnis des Petrus. Ist damit schon die Gründung eines Petrus-Amtes für alle Zeit gegeben, die Gründung einer Institution, der ohne Bindung an einen persönlichen Glauben alle Verheißungen gelten? Um diese Klärung werden sich die Dogmatiker bemühen müssen; denn die Bibel gibt da keine Anhaltspunkte.
    3. Hat Jesus mit der Verheißung "die Mächte der Unterwelt werden die Kirche nicht überwältigen" wirklich die Unfehlbarkeit eines institutionalisierten Papst-Amtes gemeint? Das lässt sich biblisch nicht klären. Da müssten schon die Kirchenhistoriker den Nachweis erbringen, dass päpstliche Entscheidungen in der Geschichte der Kirche tatsächlich immer unfehlbar waren. Und das wird schwer nachzuweisen sein.
    Es wird in der Ökumene keinen entscheidenden Durchbruch geben, wenn sich die katholische Kirche in dieser Frage nicht bewegt. Ob sie sich bewegt, hängt auch von der Großwetterlage ab, wie viel Forschungsfreiheit und Lösungsideen in der Kirche zugelassen werden. Unter Papst Johanns XXIII. war die Großwetterlage günstig, heute ist sie es weniger. Aber das kann sich schnell ändern - so schnell wie Sonne auf Regen und der Frühling auf den Winter folgen.


    Amen


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    Mt 17, 1-9: Verklärung: ein Traum gegen die Wirklichkeit Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Evangelium von der Verklärung Jesu klingt wie ein Traum. Man stelle sich vor: Jesus, der Wundertäter und Freund der armen Leute, spricht zu seinen Jüngern vom bevorstehenden Leiden und von seinem Tod. Und auch denen, die ihm nachfolgen, also die so leben und sein wollen wie er, verspricht er genau dasselbe: Leid und Kreuz und Tod. Das ist der Rahmen, in den hinein die Verklärung Jesu gestellt wird. Sie ist wie ein Traum, der ins Bild setzt, wie man sich Jesus eigentlich wünscht: als Lichtgestalt, durch den Vater bestätigt als Gottessohn, in enger Gemeinschaft verbunden mit den beiden Großen des Alten bzw. Ersten Testaments: Mose und Elia. Und dabei sein dürfen die Säulen der frühen Kirche: Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes. Das ist heile Welt - kein Leiden, kein Kreuz, kein Tod. Kein Wunder, dass Petrus da Hütten bauen will für die Großen der Vergangenheit und für Jesus. Domestizieren möchte Petrus sie und festhalten für immer. Doch als Jesus sie anrührt, ist der Traum aus: kein Glanz mehr, kein Gloria, kein Licht, aber viel Schatten. Die harte Wirklichkeit hat sie wieder eingeholt. - Es gibt Augenblicke der Ahnung von einer heilen Welt, aber diese Augenblicke spiegeln nicht die Realität. Die ist immer anders: grausamer, brutaler.

    Es gibt ähnliche Erfahrungen im privaten Leben oder auch in der Kirchengeschichte. Ich will zwei benennen:

    1. Beispiel.
    1958 stand ich ein Jahr vor meinem Abitur und war voll damit beschäftigt, welchen Beruf ich einmal ergreifen sollte. In diesem Jahr wurde ein neuer Papst gewählt: Johannes XXIII. Ein Jahr später am 25. Januar 1959, das war einige Wochen vor meinem Abitur, kündigte dieser Papst an, er werde ein Konzil einberufen. Das sollte die Kirche pastoral und ökumenisch erneuern. "Aggiornamento" (Heutigwerden) nannte er als Ziel. Allein schon diese Ankündigung fand in der ganzen Welt viel Beachtung. Nach dem Pontifikat Pius XII., der ein Aristokrat und Alleinherrscher war und eigentlich jeder Reform abgeneigt, wurde Kirche nun plötzlich interessant. Dieser neue Papst war wie eine Lichtgestalt: bescheiden, gütig, reformfreudig. Es kam zu einem weltweiten Dialog darüber, was in der Kirche wie geändert werden sollte. Als ihre Berater durften die Bischöfe Theologen mitbringen, sogar auch Laien. Andere christliche Konfessionen und andere Religionen waren als Beobachter geladen, mit denen auch geredet und diskutiert wurde. Es begann in der Kirche Frühling zu werden. Dieser kirchliche Aufbruch hat mich in der Wahl meines Berufes bestärkt. Es war eine Situation, ähnlich der, die im Evangelium als Verklärung geschildert wird. Hütten bauen wäre angesagt gewesen, um den Aufbruch in der Kirche zu domestizieren. - Heute wissen wir, wie es weiterging. Das Konzil hat vieles angestoßen und geändert. Aber die Nachfolger im Bischofs- und Papstamt haben die meisten Reformen wieder eingesammelt und den Traum von einer heutigen Kirche beendet. Hofiert werden jetzt wieder Gruppen, die das Konzil ganz ablehnen (wie die Piusbruderschaft) oder das Überwundene wieder einsetzen wollen. Küng und Ratzinger - fast gleich alt - waren hoffnungsvolle theologische Berater, mutig, weit blickend und reformfreudig. Küng ist es geblieben, Ratzinger hat sich während seiner steilen Karriere im vatikanischen Milieu ins Gegenteil verkehrt. Die Kirche ist heute in einem überaus bedauernswerten Zustand. Die "konziliare" Verklärung ist schon lange beendet. Die Ernüchterung war für viele groß.

    2. Beispiel.
    2010 war für die Kirche ein schmerzhaftes Jahr. Missbrauchsskandale, die jahre- und jahrzehntelang vertuscht worden waren, wurden aufgedeckt. Der Mut eines einzigen Pädagogen, jenes Jesuitenpaters Mertes im Canisianum in Berlin, hat den Stein ins Rollen gebracht. In der Eliteschule, die er leitet, hat er hin- und nicht weggeschaut und hat öffentlich gemacht, was dort in der Vergangenheit an sexuellem Missbrauch durch Priester und andere Pädagogen geschehen war. Und nun wurde überall nachgeforscht, übrigens auch in nichtkirchlichen Einrichtungen, und es kam Unglaubliches ans Tageslicht. Die Kirche verlor massiv an Ansehen, Autorität und Vertrauen. Es hat Kirchenaustritte gegeben wie seit der Nazizeit nicht mehr. Unser Trierer Bischof Ackermann wurde von der Bischofskonferenz beauftragt, alle kirchlichen Missbrauchsfälle aufzuarbeiten und hat diese Mammutaufgabe gut bewältigt. (Dass er jetzt die einzelnen Missbrauchsopfer mit einer Geldsumme von höchstens 5000 ¬ abspeisen will, finde ich nicht gut. Aber das ist eine andere Sache.) In dieser Notsituation der Kirche hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Erzbischof Zollitsch einen tabulosen Dialog in der Kirche angekündigt. "Wir werden über den Zölibat reden, wie wir über alles andere reden. Jedes Thema darf angesprochen werde." Das klingt wie die Ankündigung einer Tabor-Zeit in der Kirche. Doch inzwischen verlautet aus allen Ecken der Diözesanleitungen, dass der Zölibat auf gar keinen Fall in Frage gestellt werden dürfe. Es scheint, dass mal wieder eine Chance abgewürgt wird, bevor ernsthaft der Versuch einer Kirchenreform angegangen wird.

    Es gibt gelegentlich Sternstunden in der Kirche, und es hat sie immer mal gegeben. Sie halten die Hoffnung hoch, dass es doch noch zu einer wirklichen Reform kommen könnte. Doch werden wir nie aus der irdischen Kirche ein himmlisches Jerusalem machen. Wie der Leidens- und Kreuzweg Jesu erst im Nachhinein, also im Osterlicht, als notwendig und sinnvoll erkannt werden konnte, so mögen wir vielleicht in der Ewigkeit mal erkennen, wie diese Kirche von ihren menschenverachtenden Gesetzen, von ihrer reformresistenten Sturheit und dem veralteten Welt- und Menschenbild erlöst werden kann. Trotzdem hoffen wir zutiefst, noch einmal einen wirklichen Frühling der Kirche und Frühling in der Kirche zu erleben.

    Amen.


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    Mt 18, 15-20: Vom Umgang miteinander Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Die Texte des heutigen und des nächsten Sonntags gehören inhaltlich zusammen. Es geht um den Umgang miteinander in einer Gemeinde. Selten sind nämlich in einer Gemeinde alle ein Herz und eine Seele. Da gibt es Quertreiber, da gibt es Störenfriede, da gibt es Abweichler, da gibt es Sünder. Wie geht man mit ihnen um?

    Im heutigen Text geht es um Abweichler, die zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Gleich zu Beginn nennt Matthäus den Sünder einen Bruder. Damit wird deutlich, dass der Quertreiber oder Sünder durch sein Tun nicht aufhört ein Bruder zu sein. Am Anfang soll das Gespräch unter vier Augen stattfinden. Ziel ist es, den Bruder zurück zu gewinnen. Also: Gewalt ist ausgeschlossen, ausgeschlossen ist auch, gleich an die Öffentlichkeit zu gehen und öffentlichen Druck gegen den Bruder zu erzeugen; ebenfalls ausgeschlossen ist das Reden mit anderen über den Bruder, sondern das direkte Gespräch mit ihm ist das Beste. Wenn das nicht fruchtet, sollen Zeugen hinzu gezogen werden. Wenn das auch nicht zum Ziel führt, soll die Gemeinde eingeschaltet werden - offenbar mit Autoritäten, deren Wort und Ansichten etwas gelten. Diese Reihenfolge in der Beilegung eines Konfliktes klingt schon ganz modern und entspricht durchaus dem Niveau heutiger Konfliktforschung. Doch der letzte Schritt ist problematisch. " Hört er auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner." Zwar wird es in der Praxis oft so sein, dass man sich einfach trennt von dem, mit dem kein Auskommen ist; doch entspricht das nicht der Art Jesu. Vor allem sind im Umgang Jesu Zöllner und Sünder nie Ausgeschlossene, gewissermaßen Exkommunizierte. Vielmehr geht Jesus auf sie zu, hält mit ihnen Mahl, besucht sie zuhause - sehr zum Ärger der Frommen. Und auch die Heiden sind für Jesus keine Menschen, die man meiden sollte oder die als weniger wertvoll einzustufen wären. Im Gegenteil: in der Szene vom Weltgericht (Mt 25, 31-46) werden die Heiden wie die Gläubigen einzig nach ihren Werken der Barmherzigkeit beurteilt, nicht nach ihrem religiösen Bekenntnis. Und im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25-37) stellt Jesus den Juden einen Heiden als Beispiel vor Augen, weil er unkompliziert hilft, wo Hilfe nötig ist. "Geh, und handle genau so!" sagt Jesus.

    So modern diese Strategie der Konfliktbewältigung im heutigen Evangelium klingt, so sehr muss man daran zweifeln, dass es sich um ursprüngliche Worte Jesu handelt. Heiden und Zöller sind im Munde Jesu nie Negativbeispiele. Eher handelt es sich um ein ursprüngliches Wort des Matthäus, der - noch stark dem jüdischen Gesetzesdenken verhaftet - die Liebesbotschaft Jesu in ein Gesetz ummünzt. Liebe ist nämlich gesetzesuntauglich, will sagen: Liebe kann man nicht zum Gesetz erheben. Das wird deutlich im Evangelium des nächsten Sonntags, wo Petrus fragt: "Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben? Siebenmal?" Da antwortet Jesus: "Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzig mal", und das heißt: immer, ohne Begrenzung. Liebe ist grenzenlos.

    Die letzten beiden Verse des heutigen Evangeliums lauten: "Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." Es handelt sich um zwei selbständige Sprüche, die man eigentlich so oder anders öfter finden kann. Sie sind gewissermaßen biblische Redensarten, die überall ein- oder angefügt werden können. In diesem Zusammenhang erinnern sie daran, dass die Einheit zwischen Menschen immer auch eine Einheit mit Gott bedeutet. Wer sich um Frieden und Einheit unter den Menschen müht, hat Gott auf seiner Seite. Das ist manchmal der einzige Trost beim undankbaren Geschäft des Schlichtens und Versöhnens.


    Amen


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    Mt 18,15-20: Redet miteinander! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Sie haben das Wort noch im Ohr: "Wenn dein Bruder sündigt, dann gehe zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen" (18,15). Hört er aber nicht auf dich, so soll der Kreis derer, die sich darum kümmern, immer größer werden. Zwei Dinge werden hier angemahnt, wenn man an jemand etwas auszusetzen hat: 1. Gespräch miteinander und 2. die Absicht, den Bruder zu gewinnen. Was hier angesprochen wird, gilt ganz allgemein im Leben und ist nicht nur eine spezielle Christenpflicht. Aber auch Christen müssen eben gelegentlich an ganz profane und eigentlich selbstverständliche Umgangsformen erinnert werden.

    1. Miteinander reden.

    Die meisten Leute reden lieber übereinander als miteinander. Das ist nicht nur in der Kirche so, sondern das ist Alltag. Wenn man übereinander redet, dann ist man meist ungerecht. Dann hat man längst die Sache für sich entschieden, die Wahrheit zurechtgebogen und dem Anderen Böses unterstellt. Jesus sagt: Redet miteinander! Dann hat jeder die Chance, seine wahren Motive und Absichten darzulegen. Außerdem ist man im allgemeinen viel vorsichtiger mit Behauptungen und Beschuldigungen, wenn einem der Betroffene gegenüber steht und die Möglichkeit hat, ungerechte Beschuldigungen zurückzuweisen oder falsche Behauptungen zu korrigieren. Ein wirkliches Gespräch setzt Offenheit auf beiden Seiten voraus. Dann kann es durchaus sein, dass der Bedenkenträger im Unrecht ist und der sog. Sünder dem Evangelium näher steht als zunächst behauptet. Ein Gespräch ist niemals eine einseitige Belehrung, sondern Dialog, wo jeder zu Wort kommt.

    Was ich sage, ist eigentlich eine totale Selbstverständlichkeit, und jeder Vater und jede Mutter wissen, dass sie mit ihren Kindern einen echten Dialog führen müssen, wenn sie miteinander klar kommen wollen. Und so ist es auch in der Kirche. Dialog ist gefragt.

    Am Rande sei vermerkt: auch der Papst wollte mit der Jugend am Weltjugendtag ins Gespräch kommen. Ob das gelungen ist, wage ich zu bezweifeln. Ein Mittagessen mit zwölf ausgewählten Jugendlichen kann wohl nicht der große Dialog gewesen sein.

    2. Die Absicht, den Bruder zu gewinnen, ist wichtig.

    Man kann gegen den Dialog einwenden, es gehe um die Wahrheit, und die Wahrheit sei nicht verhandelbar. Wer so denkt, macht es sich zu einfach. Ich kann jemanden mit der sog. Wahrheit tot schlagen, ich kann ihn tief verletzen, beleidigen, bloß stellen. Aber genau das hat Jesus nicht angemahnt. Für ihn war es wichtig, Menschen zu gewinnen. Das zeigen sämtliche Geschichten von Jesu Umgang mit Zöllnern, Sündern, Dirnen, Betrügern und gesellschaftlich Geächteten. Er hat nicht nur großmütig vergeben, sondern er hatte ein Herz für diese Menschen. Und so hat er sie jenseits jeder Wahrheitsfragen mit der Liebe und Wärme seines Herzens gewonnen.

    Übrigens: Ich glaube persönlich nicht, dass Jesus gesagt hat: "Hört er auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner" (18,17b). Im Gegenteil: Noch in diesem 18. Kapitel des Matthäusevangeliums (Sie werden es am nächsten Sonntag hören) spricht Jesus von der ständigen Vergebungsbereitschaft, die notwendig ist, damit Menschen überhaupt zusammen leben können. Keiner hat das Recht zu verurteilen, aber jeder soll großzügig vergeben. Nicht die Sünder sind das Problem, sondern die, die aus ihnen ein Problem machen.

    Amen.


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    Mt 18,21-35: Vergebt einander! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Um die Vergebung geht es im heutigen Evangelium. Es ist uns meistens gar nicht bewusst, dass menschliches Zusammenleben ohne ständige Vergebung überhaupt nicht möglich ist. Wie oft bittet man um Entschuldigung, weil man jemanden vielleicht ohne Absicht - wortwörtlich oder auch im übertragenen Sinn - auf die Füße getreten hat. Daraus wird deutlich, dass wir im Kleinen wie im Großen ständig der Vergebung bedürfen und dass wir auch anderen vergeben müssen.

    1. Wo sind die Grenzen der Vergebung?
    Die Frage ist natürlich immer: Wo sind die Grenzen? Hat Vergebungsbereit-schaft nicht auch natürliche Grenzen? Auf diese Frage antwortet Jesus: Du sollst deinem Bruder nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal vergeben. Das heißt aber: immer, ohne Begrenzung. Das ist natürlich schwer nachzuvoll-ziehen. Und selbst Matthäus, der Evangelist, baut in seinem Gleichnis, das die Vergebungsbereitschaft eigentlich erläutern soll, die übliche Drohgebärde auf. Als nämlich der Knecht, dem alle Schuld geschenkt worden war, selber nicht bereit war, seinem Mitknecht die Schuld zu erlassen, wird er von seinem Herrn den Folterknechten übergeben, bis die ganze Schuld zurückgezahlt ist. Und dann die Drohung des Matthäus: "Ebenso wird der himmlische Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von Herzen vergibt" (V. 35). Mit dieser Drohung will er der Forderung Jesu nach gegenseitiger Vergebung Nachdruck verleihen - und übersieht dabei, dass er übers Ziel hinaus schießt. Damit hängt er Gott jene Härte an, die Jesus gerade überwinden wollte. Die Kommentare haben schon Recht: das letzte kann kein Wort von Jesus sein.

    2. Welche sind die Bedingungen der Vergebung?
    In der Schule haben wir im Religionsunterricht gelernt, dass Vergebung eigentlich Gottes Sache ist. Und das geschieht im Beichtsakrament. Diese einfache Mechanik nahmen unsere evangelischen Klassenkameraden zum Anlass, uns vorzuhalten, es wäre doch wohl zu einfach, im Bußsakrament von Gott Vergebung zu erlangen, ohne selber Schuld aufzuarbeiten oder selber anderen zu vergeben. Zugegeben - in der Beichte musste man Besserung versprechen, und nur unter dieser Voraussetzung war Vergebung zu erwarten. Es war gewissermaßen die Bedingung. Im Evangelium steht davon nichts. In der Gleichniserzählung schenkt der Herr seinem verschuldeten Knecht alle Schulden, ohne Bedingung. Was hätte er auch für Bedingungen erfüllen sollen? In den meisten Fällen ist Schuld sowieso nicht wieder gut zu machen. Da kann man nur einen Schlussstrich ziehen und es dabei bewenden lassen.

    Das hat seinerzeit eindrucksvoll und medienwirksam Papst Johannes Paul II. getan, als er den, der auf ihn ein Attentat verübt hatte, im Gefängnis besuchte, um ihm das Wort der Vergebung zu sagen.

    3. Wer vergibt eigentlich?
    Vergebung ist etwas, das sich unter Menschen abspielen soll. Am vergangenen Sonntag hörten wir das Wort: "Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein" (Mt 18,18). Das heißt doch: eure gegenseitige Vergebung hat Gültigkeit bis in den Himmel, bis vor Gott. Aber auch das gilt: Wenn ihr nicht vergebt, dann bleibt die Schuld offen - auch vor Gott. Es gibt nicht den billigen Weg der Vergebung, der euch erspart, was euer Anteil ist. So darf man übrigens auch das Wort aus dem Johannesevangelium verstehen: "Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, und wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert" (20,23).

    Übrigens: wer vergeben kann, ärgert sich nicht zu Tode, er hat es leichter im Leben. Denn blinder Rechtsfanatismus und Vergeltungsdenken schaden der Gesundheit - bestätigt jeder Arzt und Apotheker.

    Amen.


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    Mt 21,28-32: Wer macht´s richtig? Wilhelm Weber

    Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

    Es erstaunt immer wieder - wenn man die Bibel liest, wie einfach und anschaulich die Bilder sind, die Jesus gebraucht, wenn er Grundlegendes über Gott und die Welt sagen will. Wir haben´s gehört: Zwei Söhne bekommen von ihrem Vater einen Auftrag. Der eine sagt ja und tut`s nicht; der andere sagt nein und tut´s letztendlich doch. Natürlich ist in den Augen des Lesers oder Zuhörers der zweite der bessere.

    1. Die damalige Situation

    Zum wem spricht Jesus diese Worte? Zu den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes. Sie waren diejenigen, die das Sagen hatten in allen religiösen Fragen, sie waren gewissermaßen die Berufsfrommen. Und mit ihnen hat Jesus immer im Klinsch gelegen. Sie waren die Ja-Sager, die zu ihrer Religion standen, sie nach außen vertraten und sie auch äußerlich erkennbar in Kleidung und Redeweise identifizierten.

    Doch obwohl sie sich den ganzen Tag über mit religiöser Pflicht- bzw. Gesetzeserfüllung beschäftigten, war ihr Herz weit weg von Gott. Denn der will keine Frömmigkeitsakrobaten, sondern herzliche Menschen, die lieben können und helfen und anpacken, wenn´s nötig ist. Das war doch die Lektion, die Jesus mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter erteilt hatte. Aufs Herz kommt´s an, nicht auf zur Schau gestellte Frömmigkeit.

    2. Übertragung ins Heute

    Und heute? In der Tradition der Hohenpriester und Ältesten stehen heute vielfach jene Kirchenbeamten, deren Hauptsorge der Fortbestand der kirchlichen Institution ist. Schon in der Kleidung identifizieren sie die heilige römisch-katholische Kirche. Aber ihr Herz ist selten da, wo Jesus meint, dass es sein sollte: bei den Armen, bei den Kranken, bei den Benachteiligten, bei den sozial Schwachen, bei den Ausgegrenzten und Obdachlosen. Diese Kirchenbeamten - es sind sicher nicht alle - sind zu vergleichen mit jenen Ja-Sagern, die niemals da ankommen, wozu sie einmal ja gesagt haben. Sie sind keine Vorbilder des Glaubens.

    Und dann gibt es jene, die nein sagen, und am Ende doch da sind, wo Jesus zu finden ist. Wer sind die denn? Es sind jene, die nein sagen zum Kirchenbetrieb und was darin so wichtig genommen wird. Es sind Menschen, die der Kirche fern stehen, nicht aus Unglauben oder Gleichgültigkeit oder Geiz. Nein, es gibt Menschen, die mit der Kirche, dem offiziellen Glaubensinstitut und Sittenwächteramt nichts zu tun haben wollen, weil es ihnen zu oberflächlich, zu geldorientiert, zu kleinkariert zugeht. Und daher gehen sie einen anderen, eigenen Weg. Und manchmal kommt ihr Herz da an, wo Jesus meint, dass es sein soll. Es sind mehr Menschen, als wir wahrhaben wollen; denn über sie wird in der Kirche nicht gesprochen. Sie werden als Ausgetretene gar nicht mehr zur Kenntnis genommen, sie existieren für die da oben nicht mehr.

    Mal einige Zahlen: im Erzbistum Köln (von diesem Bistum kenne ich die Zahlen) treten im Jahr zwischen 12.000 und 14.000 Menschen aus der Kirche aus. 1992 waren es sogar 24.600. Das sind alles Menschen, die getauft sind, die über Jahre schulischen Religionsunterricht bekommen haben, die zur Erstkommunion geführt und gefirmt worden sind. Sie sagen heute zu dieser Kirche nein - bestimmt nicht alle nur aus Unglauben. Aber weder im Erzbistum Köln noch im Bistum Trier kann ich bei dem derzeitigen Bemühen um die Zukunftssicherung der Kirche einen Ansatz erkennen, wo es um die Rückgewinnung dieser Menschen ginge oder um die selbstkritische Frage, was man wohl falsch gemacht habe, weshalb diese Menschen die Kirche verlassen.

    Wir brauchen dringend eine Neubesinnung auf den Menschen, für den Kirche da ist. Er muss der Angelpunkt kirchlicher Sorge sein. Das Überleben der Kirche ist weniger eine Frage des Geldes, sondern vielmehr eine Frage der Wahrhaftigkeit und Treue zu ihrem Gründer Jesus Christus. Für ihn gab es nur ein einziges Gebot: Gott und den Nächsten zu lieben.

    Amen.


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    Mk 1,14-20: Folgt mir! Wilhelm Weber

    Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

    Zwei Brüderpaaren sagt Jesus im Vorübergehen: Folgt mir! Zufällig waren alle im Fischfang tätig. Die so Berufenen lassen alles liegen und stehen und folgen. Wie einfach war das doch in den Anfängen! - Und heute?
    Was hat die Kirche Not, dass es keine Priesterberufungen mehr gibt. Zwar wird seit dem Weltjugendtag immer wieder beschworen, ein neuer Aufschwung sei in Sicht, aber Marktforscher äußern die Befürchtung, dass das fröhliche Treffen der Jugend nahezu folgenlos verpufft ist.

    Wir bleiben beim Thema Berufung: Der Ruf in die Nachfolge Christi und die Berufung in den kirchlichen Dienst sind zweierlei.

    Wir müssen unterscheiden: Jesus beruft in seine persönliche Nachfolge, die Kirche dagegen ruft in den Dienst ihrer Institution. Das ist nicht dasselbe. Im kirchlichen Denken und Sprachgebrauch fällt das allzu gern zusammen. Wenn Jesus beruft, dann - so meint man vorschnell - beruft er in den Dient der Kirche. Wo ist der Unterschied?

    Jesus beruft bedingungslos, d. h. er stellt keine Bedingungen, keine Fragen, keine Prüfungen. Wer sich dagegen für den Dienst in der Kirche berufen fühlt, der muss viele Bedingungen erfüllen. Bevor er für den kirchlichen Dienst als geeignet befunden wird, muss er viele Fragen richtig und aufrichtig beantworten; etwa folgende:
    Bist du ein Mann?
    (Denn als Frau könntest du niemals in Persona Christi sprechen.)
    Bist du gläubig und bekennst du alles, was im nicaenokonstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis steht?
    (Denn geeignet für den kirchlichen Dient ist nur der, der die Siege der geistlichen Glaubensschlachten von zwei Jahrtausenden gewissermaßen für den Ausweis der Rechtgläubigkeit hält.)
    Bist du stark genug, die Protestanten so lange für Irrgläubige zu halten, wie dein Bischof das befiehlt?
    (Denn wenn du eigenmächtig versöhnlichere Praktiken einführst, wirst du suspendiert und fliegst raus. Das kann dir auch passieren, wenn du schon 73 Jahre alt bist.)
    Bist du etwa schwul und plagen dich tiefsitzende homosexuelle Tendenzen, so dass du keine korrekten Beziehungen zu Männern und Frauen aufbauen kannst?
    (Denn letztere Unreife dürfen allenfalls heterosexuell geprägte Seminaristen aufweisen, aber auf keinen Fall schwule.)
    Ich könnte diese ironische Fragerei noch eine Weile fortsetzen. Aber es macht mir keinen Spaß, es macht mich eher traurig, dass die bedingungslose Berufung durch Jesus zu einer so bürokratisch verkommenen Schnüffelei in der Kirche verkommen ist. Ahnen Sie, warum keiner mehr Priester werden will?

    Nicht (nur) die Pfarrstrukturen müssen verändert werden, sondern die Inhalte unserer Verkündigung.

    Amen.


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    Mk 1, 29-39: Wunder. Gibt´s die? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!
    Immer wieder lesen wir in der Bibel, dass Jesus Kranke geheilt hat. Auf wunderbare Weise hat er sie heil gemacht. Muss man das glauben? Oder gibt es einen Trick, wie man das Ärgernis auflöst? Wir brauchen keinen Trick, um den Sinn solcher Wundererzählungen zu verstehen.

    Der Schlüsselbegriff ist Heilung, heil machen. Was kaputt ist, kann man wieder heil machen. Ein kleines Mädchen, was seiner Puppe ein Bein ausgerissen hat, kommt zum Vater und sagt: Papa, mach die Puppe wieder heil! Und der Vater betätigt sich als Puppendoktor und macht die Puppe wieder heil. Das geht nur, wenn er sich höchstpersönlich mit der Puppe beschäftigt. Zu sagen: Nun bete mal schön, dann wird´s der liebe Gott schon richten, nützt nichts. Davon wird die Puppe nicht heil.

    Was macht Jesus? Er geht höchstpersönlich zu den Menschen, die wieder heil werden wollen, und wendet sich ihnen zu. Er fasst sie an, scheut nicht den Körperkontakt, um wieder heil zu machen, was irgendwie kaputt gegangen war. Im Fall der fieberkranken Schwiegermutter des Petrus heißt das: „Jesus fasste sie an der Hand und richtete sie auf.“ Aufrichten ist ein vieldeutiger Begriff. Man kann einen am Boden Liegenden aufrichten; man kann einen Traurigen aufrichten; man kann einem, der sein Selbstwertgefühl verloren hat, wieder Selbstbewusstsein geben u. s. w. Immer ist es eine extrem persönliche Angelegenheit, einem Kranken zu begegnen, und zwar so, dass er ein bisschen Heilung verspürt. Dafür braucht man Zeit, sehr viel Zeit. Zuwendung für Kranke, psychisch Gestörte, Suchtabhängige oder andere Daniederliegende ist sehr zeitaufwendig. Wer keine Zeit hat oder sich die Zeit nicht nimmt, kann nicht heilen. So einfach ist das. – Der Seelsorger oder die Seelsorgerin, die in direkter Nachfolge jenes heilenden Jesus stehen, brauchen Zeit, um ihre Aufgaben am Menschen erfüllen zu können. Wenn diese Zeit nicht da ist, läuft ihr Tun ins Leere. Dem kranken und hilfsbedürftigen Menschen helfend und heilend zu begegnen, ist seelsorglich gesehen das Wichtigste überhaupt, wichtiger noch als Gottesdienste zu feiern oder feierliche Sonntagsreden zu halten.

    Ärzte machen übrigens dieselbe Erfahrung: Kranke, die geheilt werden wollen, brauchen vor allem Zuwendung durch den Arzt und erst in zweiter Linie Medikamente. Zuwendung aber kostet Zeit, die oft nicht ausreichend zur Verfügung steht. Stattdessen werden Medikamente verschrieben, die eigentlich überflüssig sind; in Wirklichkeit sind sie Trostpillen, die über die nicht vorhandene Zeit hinwegtrösten sollen.

    Wir erinnern uns: Jesus hatte den Simon und den Andreas, den Jakobus und Johannes an die Hand genommen, um ihnen zu zeigen, wie das geht – das Heilen. Genau das sollten sie ja lernen, um es später ihm gleich auch zu tun. Ich sehe darin eine bleibende Aufgabe der Kirche: für die Kranken und Daniederliegenden da zu sein, für sie Zeit zu haben und sie aufzurichten. Wenn mich nicht alles täuscht, hat die Kirche diese Aufgabe aus dem Blick verloren. Seelsorge in dem beschriebenen Sinn gibt es nämlich praktisch nicht mehr. Als Entschuldigung muss immer wieder der Priestermangel herhalten. Doch der ist hausgemacht, solange Frauen und Verheiratete von diesem Beruf ausgeschlossen bleiben.

    Und so warten wir weiter auf einen neuen Frühling in der Kirche: auf die Einsicht, dass Frauen als Seelsorgerinnen genau so wertvoll sein können wie Männer, dass die Ehe kein Hindernis sein muss für den Dienst am Altar, dass Seelsorge am Menschen immer Vorrang haben muss noch vor dem sonntäglichen Gottesdienst, dass der Mut zu Reformen vom Geist Gottes ausgeht (nicht aber die Angst vor Veränderungen) und dass die Freude am Glauben wichtiger ist als die von unserem Papst geforderte Entweltlichung der Kirche. – Es wird irgendwann Frühling werden: wie in der Natur so auch in der Kirche.

    Amen.


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    Mk 2,1-12: Steh auf! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der Text des heutigen Evangeliums enthält zwei ganz verschiedene Dinge: einmal die Heilung eines Gelähmten und dann - damit verknüpft - das Streitgespräch über die Sündenvergebung. Die wichtigste Botschaft ist natürlich die von der Sündenvergebung. Und damit man die auch glauben kann, wird der Gelähmte geheilt. Die Heilung ist gewissermaßen der Beweis dafür, dass man an die Vergebung der Sünden durch Gott glauben kann.

    Wodurch der Gelähmte seine Krankheit bekommen hat, wird nicht gesagt. Vielleicht ist es auch nur ein Bild für alles, was den Menschen physisch oder psychisch lahm legt. Wir unterliegen alle einem Vollkommenheitswahn. Jeder will der Klügste, der Gesündeste, der Schönste, der Schlaueste, der Reichste, der Vollkommenste sein. Aber das sind wir ja nicht, keiner ist das. Und so machen wir uns gegenseitig runter, gegenseitig schlecht. Das geht an die Substanz, das macht krank. Jede Krankheit hat ja auch eine psychische Ursache: kommt aus einer Kränkung, einer Verachtung, Erniedrigung. Und so entstehen Schuldbewusstsein, Minderwertigkeitsgefühle, Ängste, Psychosen. Alles das zusammen lähmt unser Leben, wirft uns aus der Bahn, macht uns lebensuntüchtig.

    Zu einem solchen Menschen - die Bibel nennt ihn einen Gelähmten - sagt Jesus: Steh auf! Erhebe dich! Denn Gott liebt dich. Daher bist du von allen Vorwürfen frei. Deine Sünden, Fehler, Schwächen sind dir längst vergeben, ja, in Wirklichkeit sind sie dir von Gott niemals vorgeworfen worden. Nimm dich selber an so, wie du bist, und geh aufrechten Ganges deinen Weg! Lass die Menschen reden, was sie wollen. Lass auch die Kirche sich aufregen. Du bist als von Gott Geliebter oder Geliebte unverletzbar. Und das macht stark. Das heilt den Menschen von innen heraus.

    Wer die Kraft eines solchen Glaubens hat - und den will Jesus ja wecken - , der geht auch heute als Geschiedener und Wiederverheirateter erhobenen Hauptes in die Kirche und zu den Sakramenten; der holt sich die Kraft und den Zuspruch aus den Sakramenten, auch wenn er einer anderen Konfession angehört; der lässt sich nicht als Sünder diffamieren, wenn er in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt, weil das seiner Veranlagung entspricht. Das sind nur einige Beispiele. Die Botschaft Jesu ist immer: Du darfst sein - auch mit deinen Schwächen und Fehlern, Eigenarten und Sonderheiten. Keiner hat das Recht, dich zu verurteilen, keiner hat das Recht, dich auszugrenzen. Denn Gott steht auf deiner Seite.

    Für diese Wahrheit hat Jesus sich kreuzigen lassen, nicht um die große Schuld der Menschen zu sühnen, wie es immer heißt, sondern um zu zeigen, dass man für eine solche Wahrheit auch einstehen muss, wenn nötig mit seinem Leben. Wenn die Kirche gelegentlich anders denkt und handelt und an alten Kategorien wie Würdig und Unwürdig, Gut und Schlecht, Drinnen und Draußen festhält, dann vertritt sie nicht die Sache Jesu.

    Eine Bemerkung zum Schluss. Josef Imbach, der ein Büchlein über die Wunder Jesu geschrieben hat, beschließt seine Gedanken zu diesem Wunder mit folgenden Worten: "Jesus sagt zu dem Gelähmten: Steh auf! Aber er fügt hinzu: Nimm deine Tragbahre und geh nach Hause! Das kann nur heißen: diese Bahre, auf der du danieder lagst, gehört zu dir. Du darfst deine Vergangenheit nicht verdrängen. Erst wenn du fähig bist, auch zu dieser Vergangenheit zu stehen, kannst du wieder aufrecht gehen. Sag Ja zu dir selber, dann fühlst du das Leben neu in dir..."

    So ist das - auch bei uns.

    Amen.


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    Mk 2,1-12: Heilung eines Gelähmten (Prädig op Kölsch 2009) Wilhelm Weber

    Leev Fründinne un Fründe!

    Bevür ich jet zom Evangelium sage,
    well ich ganz koot drei Froge beantwoode,
    woröm mer he su en Mess op Kölsch maache.

    Eeschte Frog:
    Woröm üvverhaup Dialek?
    Ich will et üch sage:
    Als ich vür Johre Kaplon in Kölle wor,
    do saht en Frau, die sich üvver jet ärg fies opgeräg hatt, för mich:
    "Jung, loss mich Platt kalle,
    dann han ich mih Wööd."
    Un dann hät die Madam vum Ledder getrocke.
    Wat die mir do all jesaht hatt,
    hätt die im Levve nit op Huhdeutsch hingerenander gebraht.
    Der Dialek is die ursprüngliche Sproch vun de einfache Lück;
    dat Huhdeutsch es et Esperanto vun de Gebildete und Engebildete.
    Ich ben davun üvverzeug,
    dat och der Jesus Dialek gesproche hät
    (villleich kei Kölsch, ävver Aramäisch,
    und dat is ene hebräische Dialek).
    Dialek wor die Sproch vun der Lück op der Stroß.
    Un doröm däte die Uhre krigge wie Rhabarberbläddere,
    wann se der Jesus in ihrer Sproch prädige hööte.
    Wer Dialek sprich es nöher bei de Minsche.
    Han ich nit Rääch?

    Zweite Frog:
    Woröm kölsche Leedcher?
    Wenn e kölsch Leed im Fastelovend gesunge weed
    un en der Äugelskiss üvverdrage weed,
    es dat noch keine Grund,
    dat Leed för de Mess zo sperre.
    Op der Inhalt kütt et aan.
    Mer han vürhin gesunge:
    "Nimm mich su wie ich ben,
    einfach su wie ich bin.
    Ich weiß genau, dat ich Fähler han,
    doch anders kann ich nit sin."
    Dat es e Eingeständnis vun Schuld vür Godd un de Minsche.
    Ich finge dat ehrlicher un nöher am Levve als wie:
    "Herr, wir kommen schuldbeladen
    vor dein heilig Angesicht,
    öffne uns den Quell der Gnaden,
    geh mit uns nicht ins Gericht"
    (GL Nr. 900 Kölner Ausgabe).
    Ov denk doch ens an dat Leed vun de Bläck Föss,
    dat em Vürspann en ganze Schöpfungstheologie brängk.
    Wann ich ens för Kölle Maye insetze,
    dann fängk dat Leed esu aan:
    "Als unser Vatter do bovven de Welt gemaht,
    do hätt hä et schönste Fleckche Ääd
    he an de Nette gelaht.
    Dann nohm hä de Mayener an de Hand und saht:
    Dat is jetz üch - et gelobte Land.
    He künnt ihr klüngele, bütze, singe un fiere,
    ävver halt mer all die Saache
    öm Goddeswille en Ihre,
    un maat och nit nur ein Deil dovun kapott,
    denn ihr wisst: ich sin alles;
    und dann nemm ich et üch widder fott!"
    Un dann kütt dat wunderbare Leed:
    "Oh leever Godd, gevv uns Wasser,
    denn ganz Maye hät Doosch,
    oh leever Godd, gevv uns Wasser,
    un helf uns in der Nut!
    Dat Wasser vun Maye es god!"
    Kölsche Leedcher han jet!
    Han ich nit Rääch?

    Dritte Frog:
    Woröm Laache in der Kirch?
    In der Lesung han mer et gehoot:
    "Dot üch alle Dag vun Hätze freue!
    Mer kann et nit off genog sage:
    Dot üch freue!"
    Un woröm freue mer us?
    Weil die Botschaff vum Jesus en Fruhbotschaff es.
    Un üvverhaup:
    Vun Hätze laache künne es en god Gabe Goddes,
    un die bruche mer in der Kirch nit zo versteche.
    Mutzepuckele, die för ze laache en der Keller gonn,
    die künne jetz in de Krypta eravsteige.
    Han ich nit Rääch?

    Und nu denkt noch ens an dat,
    wat ich üch vürgelesse han us der Bibel.
    Alsu die Saach met dem Gelähmte,
    dä durch et Daach an der Jesus eraan kütt.
    Met e bessche Fantasie küss de nämlich üvverall hin.
    Vür Johre han ich in enem Kirchenkabarett
    folgende Satz gehoot:
    "Ne Rollstuhlfahrer kütt eher in der Himmel
    als in en Kirch eren."
    Un dann han all Pastürsch aangefange,
    Rampe för Rollstuhlfahrer ze baue - Pastur Schneider och.
    Dä wor nämlich bang,
    de Lück vum Rude Krütz hätte bei im ähnlich vill Fantasie entwickelt
    wie die Dräger em Evangelium.
    Die Eeschte-Hölp-Rabaue hätte am Eng e Loch en et Daach
    vun der schön Hätz-Jesu-Kirch gemaht,
    för de Rollstuhlfahrer do ganz höösch erav ze looße.
    Als Pastur muss mer fies oppasse,
    dat de Lückcher nit zo vill Fantasie entwickele.
    Dat künnt nämlich de Kirch kapott maache.
    Han ich nit Rääch?

    Ävver mol ganz avgesinn vun däm künstliche Zogang,
    den die Männer vum Rude Krütz do gebaut hatte,
    die Geschichte, öm die et do eigentlich geiht,
    hat zwei Deil:
    einmol die Red vum Sünde vergevve
    un dann die Heilung vun dem Gelähmte.
    Der Markus, also dä dat Evangelium geschrivve hätt,
    muss dat irgendwie zosammegeknüddelt han.
    Woröm? Dat weiß keiner.

    Vun wäge Sünde vergevve.
    Der Jesus dät nit sage und nit froge,
    wat dä Gelähmte en singem Levve all aangestallt hatt.
    Der Häär hätt sich doch eesch schlau maache künne,
    wat hä do för e Kaliber vür sich hatt.
    Wann hä die entscheidende Froge nit em Kopp hatt,
    kunnt hä jo nohluure en enem ahle Gebeddbooch.
    Do steiht et dren:
    Häs do Unschamhaftiges gedonn? Allein oder met andere?
    Un wie off?
    Do hät hä esch jet gewahr weede künne.
    Ävver nix, hä säht einfach: ding Sünde sin dir vergovve.
    Su geiht mer nit met de Schulde vun andere Lück öm.
    Der Jesus kunnt fruh sin,
    dat singe Professor für Moraltheologie nit in der Nöh wor;
    dä hätt däm jet anderes verzallt.
    Moraltheologen sin nämlich Anwälte vun der Geräächtigkeit!
    Un Jesus? Es dä nit gerääch?
    Ja, jo es dä gerääch!
    Ävver dä mäht de Lück nit kapott met singer Geräächtigkeit,
    sonder gitt dene en neu Chance,
    et besser ze maache.
    Han ich nit Rääch?

    Un dat met der Heilung vun däm Gelähmte,
    dat es en Saach för sich.
    Villleich darf mer dat nit ganz esu wörtlich nemme.
    Ich han ens en Prädig gehoot,
    do braht der Pastur folgende Vergleich.
    En Frau deiht morgens ehre Ehemann (dat Altargeschenk) wecke,
    der wie gelähmp in de Feddere lett
    un partu nit opstonn well.
    Op eimol kräht se de Wod
    un dät schreie:
    "Tünnemann opstonn!
    Wer suffe kann, kann och arbeide!"
    Un do kunnt hä opstonn.
    Nä, han ich gedaach: dat is zo banal.
    Un dann han ich hin un her üvverlaht
    un dann hatt ich et:
    Mer muss dat Wunder psychiolonisch verstonn.
    Der Jesus hätt dem ärme Höösch Moot gemaht,
    ob sing eigen Kraff un op Godd ze vertraue.
    Un do hätt et geklapp.
    Un wann mir jetz einer säht,
    er hätt dat nit kapeert,
    dann gläuv ich im dat sugar.
    Denn richtig begriffe han ich dat och nit.
    Mer muss och im Levve nit alles begriefe.
    Han ich nit Rääch?

    Ich hüre jetz op.
    Ehr sid jo doch luuter am laache.
    Wat soll ühre neue Pastur nur vun üch denke?
    Maht dat nur nit bei däm am Äschermeddwoch in der Kirch!
    Ja, jo dürft ehr kumme,
    ävver benemme mööt ehr üch!

    Statt Amen sage ich hügg Tschüß
    und dreimol Maye Mayoh!



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    Mk 6, 7-13: Yes, we can! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Yes, we can - ja, das schaffen wir! Mit diesem Schlachtruf der Zuversicht hat der damalige Präsidentschaftskandidat Barack Obama das Vertrauen der Wähler gewonnen. Obama legte in seinen Reden den Finger auf die Wunden der Zeit: Krieg im Irak, Guantanamo, Verletzung der Menschenrechte, soziale Ungerechtigkeiten - und dann: yes, we can change - ja, wir können das ändern!

    An diese Worte musste ich denken, als ich das heutige Evangelium las. Jesus ruft die Zwölf zu sich, sendet sie aus und gibt ihnen Vollmacht, unreine Geister auszutreiben. Diese Vollmacht meint: yes, we can - ja, das schafft ihr! Ihr habt das Zeug, einen neuen Geist in diese Welt zu bringen - wie Jesus es allen voran getan hat. Ihr könnt dem Geist des Immer-mehr-haben-wollens den Geist der Bescheidenheit entgegensetzen. Ihr könnt den zerstörerischen, kriegerischen Geist der Vergeltung mit dem Geist der Barmherzigkeit besiegen. Ja, ihr könnt das - yes, you can change! Unreine Geister sind keine Fabelwesen, sondern falsche, zerstörerische Lebenseinstellungen. Und die kann man ändern, indem man alternativ dazu lebt.

    Die Welt kann man sicher nicht verändern, solange man selber ihrem Geist verbunden bleibt. Darum heißt es ausdrücklich: kein Wanderstab, keine Vorratstasche, kein Brot, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd. Das klingt übertrieben, ist es auch, aber es soll ja auch der etwas Stumpfsinnigere merken, worauf es ankommt. Das persönliche Umdenken ist Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit gegenüber der Welt. Vorleben, Vorbild sein, das überzeugt. Nichts Anderes hat Jesus getan.

    Und siehe da: die Zwölf tun das und machen die Erfahrung: Yes, we can! Sie treiben Dämonen aus, d.h. sie tragen in ihre Umgebung einen neuen Geist, der Schule macht, und bringen vielen Kranken Heilung und Linderung ihrer Leiden. Wer sich auf das Abenteuer der Sendung Jesu einlässt, macht unglaubliche Erfahrungen - auch heute noch.

    Ich bin davon überzeugt, dass es immer wieder Menschen geben wird, die sich senden lassen wie die Zwölf im Evangelium, die an ihre Vollmacht zur Geisteserneuerung der Welt glauben und die sich mit leichtem Gepäck auf den Weg machen. Es sind nicht nur zu Geistlichen geweihte Männer, sondern genau so wahrhaft geistliche Frauen. Und diese geistlichen Männer und Frauen rekrutieren sich nicht nur aus der römisch-katholischen Kirche oder den anderen christlichen Konfessionen, sondern überall da, wo im Einzelfall Berufung und Sendung durch Gott ernst genommen werden. Der Einfluss der etablierten Kirchen schwindet stetig. Zu groß ist der Ballast, den sie mit sich herumschleppen und der sie daran hindert, ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht zu werden. Es fehlt das Charisma, das den Menschen wieder Mut und Zuversicht vermittelt: Yes, we can change!

    Amen.



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    Mk 6,30-34: Das Menschenbild Jesu Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Es ist eigenartig und einzigartig: in jedem katholischen Gottesdienst wird ein mehr oder weniger kurzer Text aus einem Evangelium herausgetrennt, also aus dem größeren Zusammenhang gerissen, und dann soll er durch die Predigt zur Weisung werden für die Gemeinde. Das kann riskant sein, weil Sätze, die aus dem Kontext herausgetrennt werden, missverstanden werden können.

    1. Der zerstückelte Text
    So ist es auch mit dem heutigen Evangelientext. Er ist in dieser Kürze aussageschwach und missverständlich. Die Sammlung der Apostel, wozu Jesus einlädt, kommt nicht zustande. Schuld daran sind die Leute: ihr Kommen, ihre Gehen, ihr Nachlaufen. Das stört die Ruhe. Und so mag sich der gestresste Seelsorger in diesem Text wieder finden, dass ihm innere Sammlung und notwendiges Ausruhen versagt bleiben. Das führt schnell zum Lecken der eigenen Wunden, zum Selbstbedauern. - Allerdings gibt es zwischen damals und heute einen kleinen Unterschied: wie die Menschen damals Jesus und seinen Aposteln nachliefen, so laufen sie heute vor deren Nachfolgern weg. Die Situation hat sich grundlegend geändert.

    "Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben", heißt es am Ende des heutigen Abschnitts. Und dann folgt im Markusevangelium die Erzählung von der wunderbaren Brotvermehrung, die leider nicht mehr vorgelesen wird. So ist der heutige Kurztext nur die Einleitung zur Brotvermehrung. Und damit verbietet sich jede Überinterpretation.

    2. Das Menschenbild Jesu
    Das Bild von den Schafen und dem Hirten als Vergleich für Gemeinde und Seelsorger lässt den Verdacht aufkommen, als würde hier einem Anhängigkeitsverhältnis das Wort geredet. Vor allem wenn man das Wunder der Brotvermehrung als wirkliches Geschehen ansieht - also als hätte Jesus auf geheimnisvolle (eben wunder-bare) Weise viele Brote und Fische herbeigeschafft, wären die Merkmale der Abhängigkeit offensichtlich: also Jesus gibt und die Menschen nehmen. Aber das wird ja ganz anders erzählt. Jesus fragt: wie viel Brot habt ihr? Und mit ihr meint er nicht nur die Apostel, sondern alle hungrigen Menschen, die da vor ihm stehen. Er motiviert alle zum Teilen dessen, was da ist - und siehe: es reicht für alle und noch für viel mehr. Das ist das Wunder: die Liebe, die teilt, was da ist.

    Dahinter steckt ein ungeheuer modernes, geradezu emanzipatorisches Menschenbild. Was du von anderen - etwa von Gott - erwartest, nimm selber in die Hand, such dir Verbündete und dann löse das Problem! Und du wirst sehen, es geht. Denn darin liegt der Segen Gottes, wahrlich ein Wunder!

    3. Das Menschenbild der Kirche
    Ich sagte vorhin: wie die Menschen damals Jesus und seinen Aposteln nachliefen, so laufen sie heute vor deren Nachfolgern weg. Wie kommt das? Es hängt ganz sicher mit dem Menschenbild zusammen, das die Kirche vertritt. Es ist ein Menschenbild der Abhängigkeit, und das nimmt der moderne Mensch nicht mehr hin.

    Allein schon die hierarchische Struktur der Kirche degradiert den Laien zum Konsumenten, der allenfalls Weltdienst tun darf, aber kein echtes Dienstamt in der Kirche übernehmen darf. Und wer als Frau geboren wurde, hat in der Kirche keine Chance. Hierarchische Strukturen sind Machtstrukturen und zutiefst menschenfeindlich. Zur Verneigung vor diesen Strukturen oder wenigstens zu deren Akzeptanz ist der moderne Mensch immer weniger bereit. Kein Wunder, dass die Menschen sich von der Kirche entfernen. Aller oberhirtlicher Jammer über Glaubensschwund und Gottvergessenheit, wie man ihn bei Priesterweihen, Altarweihen und anderen Gelegenheiten hören kann, übersieht den eigenen Anteil am Problem.

    Der Jesuitenpater Rupert Lay hat 1995 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: Nachkirchliches Christentum - Der lebende Jesus und die sterbende Kirche. Darin legt er dar, dass mit dem Sterben der Kirche das Christentum keineswegs von der Bildfläche verschwindet. Er sagt: "Es mag sein, dass einmal das Christentum zurückkehrt in die Kirchen, aber das werden dann andere Kirchen sein" (S. 62)

    Ich bin mir darüber im Klaren, dass meine Predigt mal wieder Diskussionen auslöst. Aber eine Predigt, über die man nicht spricht, wäre keine gute Predigt.

    Amen.


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    Mk 6,34: Schafe ohne Hirt Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der letzte Satz des Evangeliums hat sich in meinen Gedanken fest gekrallt: "Als Jesus ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben." Drei Gedanken möchte ich an diesen Vers anschließen - kritische Gedanken gegen das Schönreden der gegenwärtigen Kirchenkrise.

    1. Zur Problematik des Bildes von Hirt und Herde
    Wir wissen, was gemeint ist, wenn Jesus von Hirt und Herde spricht. Er greift ein alttestamentliches Bild aus der Viehzüchter-Kultur auf, um die liebevolle Sorge Gottes für sein Volk auszudrücken. Längst haben wir uns daran gewöhnt, Jesus als den guten Hirten zu sehen (er selbst hat sich ja so bezeichnet), der die seinen kennt oder sein Leben für sie hingibt. Und in einem abgeleiteten Sinn ist der Priester der Hirt seiner Gemeinde - deshalb nennt man ihn ja auch Pastor, d.h. Hirte.

    Das Bild genießt heute jedoch nicht mehr die eindeutig positive Zustimmung der Gläubigen wie zur Zeit Jesu. Es ist ein patriarchalisches Bild, wo einer der Sorgende ist und alle Anderen die Versorgten sind. So hat man früher in der Religion und im Gemeinwesen gedacht. Heute sind wir uns in Kirche und Gesellschaft bewusst, dass ein jeder Sorgerechte und Sorgepflichten hat und damit nicht nur Versorgungsempfänger ist - es sei denn im Alter. Trotzdem ist das Bild von Hirt und Herde immer noch positiv besetzt. Aber man muss es weiterentwickeln, wie sich die gesellschaftlichen Strukturen ja auch weiter entwickelt haben. Und auch die Theologie darf da nicht unbeweglich am Alten festhalten, sondern muss die Verantwortung, die früher der Eine (Pastor z.B.) hatte, heute auf viele ausdehnen. Konkret heißt das etwa: die Kirchengemeinde mit dem Pastor an der Spitze muss sich wandeln von der versorgten zur mitsorgenden Gemeinde. Die Gläubigen in den Kirchengemeinden haben das längst begriffen und praktizieren ja auch diese Mitverantwortung in den zugestandenen Grenzen. Wer das noch nicht begriffen hat, sind die Bischöfe. Sie billigen den sog. Laien nicht zu, dass sie in der Seelsorge und Gemeindeleitung wirklich verantwortlich mitentscheiden. Für die Kirchenleitungen sind die Laien immer noch dumme Schafe.

    2. Gemeinden ohne Hirten
    "Sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben." So stellen sich heute im gesamten europäischen Raum die Kirchengemeinden dar. Der Priestermangel ist enorm, und er wird sich in den nächsten Jahren rasant verstärken. Dabei ist der Mangel ein hausgemachtes Problem. Verstehen Sie, warum ein verheirateter Mann für das Priesteramt ungeeignet sein soll? Jesus hat solche Forderungen nicht gestellt. Petrus, nach unserem Verständnis der erste Papst, war verheiratet, als Jesus ihn berief. Jesus hat nämlich seine Schwiegermutter geheilt - wie die Bibel berichtet. Oder warum sollten Frauen, nur weil sie Frauen sind, für das Priesteramt disqualifiziert sein? Solange unsere Kirche unfähig ist, ihre eigenen Strukturen weiter zu entwickeln, wird es mit ihr bergab gehen. "Als Jesus & .die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben." Hätten doch auch unsere Bischöfe Mitleid mit den Gemeinden, die keinen Pastor mehr haben!

    Das Ziel ist nicht, die Kleriker-zentrierte Kirche, wie sie vor fünfzig Jahren war, wieder herzustellen. Ziel muss sein, die Laien mit voller Verantwortung mit einzubinden. Trotzdem brauchen wir mehr Priester, um den Beruf attraktiv zu erhalten. Denn was einem Pfarrer heute aufgebürdet wird, ist abschreckend für junge Leute, die vielleicht Freude daran hätten, wirklich Seelsorger zu sein. Und den Priestermangel als Willen Gottes schön zu reden, wie es mittlerweile üblich ist, halte ich für gotteslästerlich.

    3. Gemeinden ohne Schafe
    Es heißt im Evangelium: "Die Leute liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin (wo Jesus und die Zwölf mit dem Schiff hinfuhren) und kamen noch vor ihnen an." Das ist nicht mehr unsere Situation. Die Leute rennen nicht mehr in diesen Scharen zur Kirche, sondern eher das Gegenteil ist der Fall: sie laufen der Kirche davon. Warum? Das hat viele Gründe, die ich hier gar nicht in der Kürze einer Predigt aufzeigen kann. Aber eines ist klar: wir brauchen heute eine nachgehende Seelsorge; eine Seelsorge, die dem Einzelnen nachgeht, um ihn ins Boot zurück zu holen. Das ist nicht einfach. Denn wer einmal gegangen ist, hat sich mit dem Thema Glauben und Kirche mehr auseinander gesetzt als der Pastor oder Gemeindeleiter mit der Frage, warum da wohl einer gegangen ist.

    Keine bequemen Gedanken habe ich da geäußert. Ist auch nicht meine Art. Eine Predigt, die man vergessen hat, wenn man die Kirche verlässt, hätte man sich auch sparen können. Jesus war radikaler. Das machte seine Glaubwürdigkeit aus.

    Amen.


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    Mk 7,1-8.14-15.21-23: Tut, was Gott will; und nicht, was Menschen wollen Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Evangelium enthält Sprengstoff. Da sind auf der einen Seite die Pharisäer und Schriftgelehrten: fromme und gottesfürchtige Leute, die alles richtig machen wollen. Sie halten sich an die überlieferten Vorschriften. Ihr Gehorsam gegenüber dem Gesetz und den Überlieferungen der Väter durchdringt den Alltag bis hin zum Waschen der Hände vor dem Essen und dem Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln. Konventionen geben Sicherheit. Sie sind vernünftig, und darum muss sich jeder daran halten.

    Auf der anderen Seite stehen die Jünger Jesu. Sie kümmern sich nicht um die Überlieferungen der Alten und geben damit Ärgernis. Ausgerechnet auf ihrer Seite steht Jesus. Das Brotessen mit ungewaschenen Fingern - welch ein wichtiges Ereignis! - nimmt Jesus zum Anlass, den Pharisäern und auch den Jüngern klar zu machen, worauf es im Leben ankommt und worauf nicht. Es kommt darauf an, dass das Herz bei Gott ist und nicht, dass man allen Firlefanz im Namen Gottes für wichtig hält. Menschensatzungen, also Gesetze von Menschen, sind absolut unwichtig gegenüber dem, was Gott will. Und der Wille Gottes definiert sich immer als die größere Liebe. Im Namen dieser größeren Liebe verlieren nicht nur so belanglose Reinheitsvorschriften ihre Bedeutung, sondern ganze Gebote, die wir als Kinder als die heiligen 10 Gebote auswendig gelernt haben. So kann Jesus sagen: der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat (2,27f.). Der Menschensohn ist nicht Jesus allein, sondern jedes Menschen Kind.

    Interessant: der heute vorgelesene Text ist zusammengestückelt. Herausgefallen ist ein konkretes Beispiel, das Jesus zum Grundsätzlichen sagt. Jesus spricht: Mose hat euch geboten, Vater und Mutter zu ehren, d. h. für sie zu sorgen und sie im Alter zu pflegen. Ihr aber macht ein Korban-Gelübde, d. i. ein Opfer-Gelübde für den Tempel, das euch davon entbindet, für eure Eltern aufzukommen. So entzieht ihr euch unter dem Schein der Frömmigkeit der Verantwortung für und der Liebe zu den Eltern. Das nennt man Schein-Heiligkeit.

    Und wenn Sie jetzt glauben, das wäre alles nur längst überholter Bibelverzäll, dann will ich Ihnen zwei Beispiele aus unseren Tagen bringen, wie unter dem Schein der Heiligkeit die Liebe zu den Menschen auf der Strecke bleibt. Kronzeuge dafür ist kein geringerer als der derzeitige Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert mit seiner mutigen Rede zum 850jährigen Jubiläum der Weihe der Abtei-Kirche in Maria Laach.

    Der engagierte Katholik Lammert sagte, die Autorität der Kirche hänge auch davon ab, die Zeichen der Zeit zu erforschen und sie im Lichte des Evangeliums zu deuten. Dazu gehörten ganz wesentlich die Bereitschaft und Fähigkeit, Neues wahrzunehmen und zuzulassen. So sei die Kirchenspaltung im Lichte der Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft ein schwer erträgliches Ärgernis. Angesichts dieser Herausforderungen seien die konfessionellen Trennungen nicht mehr zu rechtfertigen. - Das sind deutliche Worte an hochrangige Kirchenvertreter, die ihre Menschensatzungen hoch halten und damit die konfessionellen Trennungen verewigen.

    Das zweite Beispiel stammt aus ebendieser Rede. Es spricht den Ausstieg der katholischen Kirche aus der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung an. "Das habe ich für einen schweren Fehler gehalten", sagte Lammert. Ganz unabhängig davon, ob man diese Entscheidung für begründet oder unbegründet halte, habe sie ein Vakuum entstehen lassen, das dringend gefüllt werden müsse. Ungeborene Kinder könne man nicht ohne ihre Mütter schützen, schon gar nicht gegen sie. - Soweit die Rede des Bundestagspräsidenten. Ich darf rückblickend ergänzen, alle Bischöfe, zuletzt auch der Bischof von Limburg, haben sich dem römischen Diktat gebeugt. Daraufhin hat sich eine Initiative katholischer Laien gebildet, die die gesetzlich vorgeschriebene Beratung unter dem Namen Donum Vitae weiterführt. Wie neulich verlautete, sollen nun katholische Mitarbeiter, die in diesen Einrichtungen tätig sind, von allen kirchlichen Ehrenämtern ausgeschlossen werden. Es dürfe nicht der Schein entstehen, dass die Kirche in irgendeiner Form an Abtreibungen mitwirke. So bewahrt man wenigstens die Schein-Heiligkeit. Doch die Schwangeren, die in einer Konfliktsituation sind, brauchen für ihr Entscheidung Hilfe.

    Ein Wort zum Schluss: meine Predigten bringen mir gelegentlich Widerspruch ein. Ich bitte sogar darum, solange damit eine echte Dialogbereitschaft verbunden ist. Ich fühle mich dem Evangelium noch mehr verpflichtet als meinen kirchlichen Vorgesetzten.

    Amen.



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    Mk 7,31-37: Effata! Öffne dich! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Wunder zu erzählen, war schon immer eine Lust gläubiger Menschen. In den Evangelien bilden die Wundergeschichten sogar eine eigene literarische Gattung. Sie wollen nicht Protokoll eines übernatürlichen Geschehens sein, sondern sie sind eine Art zu erzählen, wie Jesus mit seiner Liebe die Welt und die Menschen verändert hat.

    Wenn Sie gestatten, erzähle ich das Wunder noch einmal nach, aber mit kleinen Anmerkungen und Hinweisen auf Kleinigkeiten, die man sonst so leicht übersieht. Also denn.

    Der Taubstumme kommt nicht aus eigener Initiative zu Jesus, sondern "man" bringt ihn. Diese mangelnde Eigeninitiative scheint sein Problem zu sein. Jesus - so wird erzählt - soll ihn nur berühren, von einem Wunsch nach Heilung ist nicht die Rede. Jesus nimmt den Taubstummen beiseite von der Menge weg. Denn was jetzt geschieht, will Jesus nicht als Öffentlichkeitsarbeit für seine messianische Sendung verstanden wissen. In Wirklichkeit hat sich Jesus nach dem Markusevangelium selber auch gar nicht als der Messias gewusst. Dann legt Jesus die Finger in die Ohren des Taubstummen und berührt dessen Zunge mit Speichel. Das ist ein deutlicher Zeigegestus, worum es hier geht: um Hören und Sprechen. Dann blickt Jesus zum Himmel auf und seufzt. Das ist eine Form nonverbaler Kommunikation mit dem himmlischen Vater. Diese Nähe zum Vater wird in den Evangelien häufig erwähnt. Es folgt das entscheidende Wort: Effata! Öffne dich! Der Taubstumme selber soll sich öffnen, und zwar die vorher durch Fingerzeig deutlich bezeichneten Organe: Ohren und Zunge. Jesus heilt nicht einfach, sondern fordert den Taubstummen zur Eigeninitiative auf. Man beachte das Menschenbild, das Jesus in diesem Wunder (wieder einmal) zu erkennen gibt. Der Taubstumme kommt sogleich der Aufforderung nach und ist anschließend ein kommunikationsfähiger Mensch, der hören und sprechen kann. Übrigens sind Hören und Sprechen die beiden entscheidenden Komponenten für jeden Dialog. - Soweit die Erzählung.

    Dass es auch heute Menschen gibt, die kommunikationsunfähig sind oder auch kommunikationsunwillig, das kennen wir aus eigener Erfahrung; oder auf den Dialog bezogen heißt das: es gibt Menschen, die können nicht zuhören und mit denen kann man nicht reden. Manchmal sind darunter Frauen und Männer mit einem hohen Bildungsniveau, die jedoch im wahrsten Sinne des Wortes kommunikationsunfähig sind. Die Erzählung zeigt, dass sie das selber ändern können. Sie bedürfen manchmal nur der geduldigen Ermutigung zu dieser Eigeninitiative.

    Diese Wundererzählung ruft uns so manche Sprachlosigkeit - etwa zwischen Eheleuten - in Erinnerung, wo man einander nicht zuhört oder vielleicht gar nicht miteinander redet. An der Dialogunfähigkeit scheitert so manche Ehe. Aber dieselben Schwierigkeiten bestehen oft auch zwischen Eltern und Kindern. Man kann oder man will nicht aufeinander hören und miteinander reden. Es ist paradox, dass im Zeitalter der Massenmedien und elektronischen Kommunikationsmittel die persönliche Dialogfähigkeit eher ab- denn zugenommen hat.

    Übrigens: auch die Kirche leidet unter dieser Gehörlosigkeit. Sie sehen es im Fernsehen: der Papst in Bayern. Er hält pausenlos gescheite und geschliffene Reden. Aber ob er am Ende auch mitbekommt, was die Menschen hier bewegt?

    Amen.



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    Mk 8,27-35: Für wen haltet ihr mich? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Markusevangelium ist jesuanisches Urgestein, d.h. im Markusevangelium kann man den geschichtlichen Jesus am besten wieder erkennen; denn es ist das älteste von allen Evangelien. Hier kann man noch herausfinden, wie Jesus über sich selber gedacht und wie er sich selber verstanden hat. Und gleichzeitig gibt es Spuren, wie die Menschen ihn in vielen Dingen missverstanden haben und ihn am liebsten ihren Bedürfnissen angepasst und auf den Sockel der Verehrung gehoben hätten. So im heutigen Evangelientext. - Konkret:

    Jesus fragt: Für wen halten mich die Menschen? Und dann kommt als Antwort: für Elija oder sonst einen Profeten, vielleicht für Johannes den Täufer. Jesus sagt darauf nichts. Stattdessen stellt er die Frage an die Jünger: Für wen haltet ihr mich? Petrus antwortet stellvertretend für alle übrigen: Du bist der Messias, d.h. der Christus, der Gesalbte. Wir halten das immer für eine gute Antwort, ist es aber nicht. Denn Messias war damals ein politischer Begriff. Als Messias erwartete man einen politisch mächtigen Heilbringer, der Israel von der Herrschaft der Römer befreien würde. In solchen Begriffen über ihn zu reden, verbittet sich Jesus ausdrücklich. "Er verbot ihnen, mit jemand über ihn zu sprechen." Messias ist nicht das, was Jesus sein will und sein soll. Petrus bekommt Redeverbot, wenn er so über Jesus sprechen sollte.

    Es folgt die Leidensweissagung. Wieder ist Petrus es, der einen Rüffel bekommt; denn er möchte auf gar keinen Fall, dass sein Messias Jesus leiden soll. Die Zurechtweisung durch Jesus kann nicht schlimmer ausfallen: "Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen."

    Was wollen denn die Menschen? Sie wollen - so lehrt uns dann die Dogmengeschichte -, einen Messias-Jesus auf einem hohen Thron. Sie wollen einen über alle anderen erhöhten Christus, einen Sohn Gottes, der verherrlicht ist, zur Rechten Gottes sitzt und herrscht. Und so machen sich die Menschen Schritt für Schritt einen Erlöser-Messias nach ihrem Gustus - und vergessen total, was im Markusevangelium steht. Und in dem Augenblick, wo dieser Erlöser-Messias auch noch einen unfehlbaren Stellvertreter auf Erden bekommt, der sich im Papamobil bejubeln und beklatschen lässt, ist der Jesus des Markusevangeliums nur noch schwerlich wieder zu erkennen.

    Sie werden sagen, dass Jesus in den anderen Evangelien und vor allem bei Paulus durchaus als Sohn Gottes mit den bekannten Hoheitstiteln geschildert wird, und das stimmt sogar. Es ist also im Neuen Testament selber schon ein schöpferischer Umgang mit der Jesus-Überlieferung zu erkennen. Grundsätzlich hat die Kirche das für legitim anerkannt, als sie nämlich so unterschiedliche Schriften im einen Kanon des Neuen Testaments als verbindliche Glaubensgrundlage festlegte. Doch hat das Markusevangelium, das zeitlich das erste ist, eine sehr einfache und menschliche Sicht von Jesus, die weitgehend frei ist von Überhöhungen und Vergöttlichungen der Person Jesu. Im Markus-Jahr - wir lesen dieses Jahr das Markusevangelium - muss es erlaubt sein, auf diese Unterschiede im Jesus-Zeugnis der Bibel aufmerksam zu machen.

    Was bedeutet das für uns heute? Es bedeutet, dass wir erst einmal zur Kenntnis nehmen müssen, dass es schon in der Bibel unterschiedliche Jesus-Bilder und Jesus-Interpretationen gibt. Sie widersprechen sich zum Teil. Es bedeutet weiterhin, dass auch heute Jesus in unsere Zeit hinein interpretiert werden muss. Ob man das nun in Großveranstaltungen nach Art von Open-Air-Rock-Konzerten macht oder im weniger spektakulären Friedensdienst über die Grenzen von Konfessionen und Religionen hinaus, das ist letztlich eine kirchenpolitische Entscheidung. Ich persönlich bin der spektakulären Darstellung der Kirchenstrukturen weniger zugetan. Ich halte es da mehr mit dem Evangelisten Markus, der als Jesus-Wort überliefert: "Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben..." (10,43b-45).

    Amen


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    Mk 9,2-10: Verklärung Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Die Verklärung Jesu wird in den ersten drei Evangelien erzählt, und zwar immer in engem Zusammenhang mit der ersten Leidensweissagung Jesu. Der Sinn ist folgender: In einer Vision, die alle überwältigt und beglückt und die zum Verweilen einlädt (zum Hüttenbauen), soll die endzeitliche Herrlichkeit für einen Augenblick aufleuchten. Leiden und Tod Jesu sind die dunkle Seite, der die Auferstehung und Verherrlichung als Ende und Ziel des Lebensweges Jesu gegenüberstehen. Insofern hat die Verklärung Ähnlichkeit mit den nachösterlichen Erscheinungen des Auferstandenen. Die Verklärung ist gewissermaßen ein Augenblick des Trostes, der den Kreuzweg Jesu zwar nicht verstehen, so doch bestehen hilft.

    Es gibt solche Augenblicke der Verklärung immer wieder. Ich habe das erlebt und ähnlich empfunden, als Papst Johannes XXIII. Ganz plötzlich und ohne große Vorankündigung ein allgemeines Konzil ankündigte. Was keiner mehr für möglich gehalten hatte, dass nämlich die Bischöfe aus der ganzen Welt mit theologischen Beratern nach Rom eingeladen würden, um gemeinsam den künftigen Kurs der Kirche zu bestimmen, das war auf einmal Wirklichkeit. Ich war zu der Zeit Student der Theologie und habe die unglaubliche Euphorie miterlebt, die damals die Kirche und die ganze Welt beflügelte. Es war eine Lust, katholisch zu sein. Jeden Tag hörten wir am Rundfunk die Konzilsberichte, freuten uns, wenn wieder einmal verkrustete Strukturen aufgebrochen und überholte Maßnahmen wie Index, Freitagsgebot und dgl. aufgegeben wurden. Es ging ein Hauch von Freiheit durch die Kirche. Und alle freuten sich auf die neu angestoßene Liturgiereform. Besonders stolz waren wir Kölner auf unseren Bischof Kardinal Frings. Obwohl er in seiner Heimatdiözese als sehr konservativ galt, entpuppte er sich auf dem Konzil als eine der fortschrittlichsten Persönlichkeiten überhaupt. Küng und Ratzinger gehörten zu seinen Beratern. Es war eine Zeit, in der man hätte verweilen mögen, wahrlich eine Zeit der Verklärung. - Aber der Fortgang dieser Verklärung war dann ähnlich wie in der Bibel beschrieben. "Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemand mehr bei sich außer Jesus." Die konziliare Euphorie ist längst verflogen, die gewährten Freiheiten sind längst wieder eingesammelt von verängstigten Bischöfen. Der kirchliche Alltag ist wieder dunkel geworden. Manchmal herrscht Untergangsstimmung. Aber es muss wohl gelegentlich solche Erlebnisse der Hochstimmung geben, damit man die dunklen Zeiten bestehen kann.

    Manche halten auch den Weltjugendtag, der im vergangenen Jahr in Köln stattfand, für ein solches Verklärungserlebnis. Für die teilnehmenden Jugendlichen mag das so gewesen sein. Vor allem haben sie ein starkes innerkirchliches Wir-Gefühl entwickelt. Es war ein Phänomen, wie wir es ein Jahr später bei der Fußballweltmeisterschaft auf säkularer Ebene erlebt haben. Und immer werden an solche Ereignisse Hoffnungen geknüpft, die sich nicht erfüllen. Weder hat es nach dem Weltjugendtag in der Kirche einen Neuaufbruch gegeben, noch hat die Fußballweltmeisterschaft Deutschland verändert. Beim Weltjugendtag war ohnehin kein geistiger Neuanfang geplant, die katholische Jugend der Welt sollte vielmehr auf das Bestehende eingeschworen werden. Und das passt nun mal überhaupt nicht zur Jugend.

    Trotzdem brauchen wir in der Kirche wie in der Gesellschaft Sternstunden der Euphorie, Erlebnisse der Verklärung. Sie sind wichtig, damit der lichtlose Alltag ertragen werden kann und die Hoffnung auf das, was wir religiös Auferstehung nennen, nicht stirbt. Doch sollten wir nicht vergessen: Verklärungserlebnisse sind nicht von Dauer. Schon in der Bibel ist es nicht zum Bau der Hütten gekommen.

    Amen.


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    Mk 9,38-41: Denkt positiv! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Ein wunderschönes Wort, das uns da von Jesus überliefert ist. "Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns." Was ist der Hintergrund?

    Johannes, einer der Zwölf, ein Apostel also, der Sohn des Zebedäus und Bruder von Jakobus dem Älteren - er regt sich im Angesicht Jesu auf und hofft, Recht zu bekommen. Er hat nämlich gesehen, wie jemand im Namen Jesu Dämonen austrieb. Aber weil er uns nicht nachfolgt, hat Johannes versucht, ihn daran zu hindern. Dafür erwartet Johannes eine Belobigung. Uns, das sind die Apostel mit Jesus, vor allem aber ist es Johannes, der die Gruppe sauber halten will. Ein Fremdling, der sich untersteht, im Namen Jesu Gutes zu tun, hat kein Recht dazu, wenn er sich nicht zuvor der Jüngerschaft anschließt. Johannes empfindet solches Handeln jedenfalls als Skandal. - Jesus nicht. Er sagt: "Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns." Ähnlich berichtet auch Lukas den Vorfall, nur mit einer winzigen Änderung. Jesus sagt: "Hindert ihn nicht; denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch" (Lk 9,50). Dieser kleine Unterschied macht deutlich, worum es eigentlich geht: nämlich um die Eifersucht der Jünger. Es geht ihnen nicht in erster Linie darum, dass Menschen geholfen wird, sondern dass eine bestimmte Ordnung eingehalten wird. Wer im Namen Jesu Gutes tut, muss auch zum Jüngerkreis gehören; sonst ist das eben nicht in Ordnung.

    Wenn man das liest, meint man darin erstes ökumenisches Gerangel wahrzunehmen. Ihr gehört nicht zu uns, darum gehört euch Jesus nicht! Basta! Wie wohltuend ist dagegen die Großherzigkeit Jesu: "Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns." Jesus denkt positiv.

    Wäre das nicht ein toller Ansatz für neues ökumenisches Denken? Ist es nicht wichtiger und eigentlich nicht sogar das Wesentliche, Gutes zu tun im Namen Jesu, als zuerst mit den Jüngern im Gleichschritt zu gehen? Jesus gibt der mimosenhaften Gruppeneifersucht keine Chance - Nebenbei bemerkt: hätte Papst Benedikt in seinen Äußerungen über den Islam diese Haltung Jesu als Grundhaltung des Christentums erkennen lassen, hätte er Lob geerntet statt Protest. Zumal im Evangelientext anschließend der kleine Liebesdienst, dem Bruder einen Becher Wasser zu reichen, nicht ohne Lohn bleiben wird.

    Was so einfach aussieht, ist indes doch nicht so einfach. Denn ein anderer Evangelist, Matthäus nämlich, überliefert das Jesus-Wort im genau entgegen gesetzten Sinn. Da heißt es: "Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut" (Mt 12,30).

    Es ist unwahrscheinlich, dass Jesus sich selbst so widersprochen hätte. Daher stellt sich die Frage, welche Version denn wirklich Jesu Wort ist. Es gibt gute Gründe, das Markus-Wort als ursprünglich anzunehmen. Matthäus hat sich da offensichtlich im Eifer des Gefechts verrannt. Aber immerhin steht auch dieses Wort in der Bibel. Und so können alle späteren Generationen sich auf die eine oder andere Formulierung berufen und somit eigene Engstirnigkeit oder Großzügigkeit mit Jesu Wort rechtfertigen. Damit wird eigentlich deutlich, dass die Autorität der Bibel auch Grenzen hat. Man kann die Bibel nicht lesen, ohne das eigene Herz und den eigenen gesunden Menschenverstand zu Wort kommen zu lassen. Im Zweifelsfall ist immer die barmherzigere, die wohlwollendere, die menschlichere, die aus der Liebe geborene Einstellung die christlichere. Denn die Bibel ist für den Menschen da, nicht umgekehrt.

    Amen


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    Mk 10, 35-45: Dienen, nicht herrschen! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der Evangelist Markus hat in dem Text, den wir soeben gehört haben, ein für die Kirche sehr sensibles Thema angesprochen: nämlich das Thema vom Herrschen und vom Dienen. Worum geht es?

    1. Das Zeugnis der Bibel
    Die Zebedäus-Söhne bitten Jesus um die besten Plätze im Himmel. Der eine will zur Rechten, der andere zur Linken Jesu sitzen. Sie möchten gewissermaßen an Jesu Herrschaft im Himmel teilhaben. Auch im Matthäusevangelium wird diese Szene überliefert. Doch da sind es nicht die Brüder selber, die Jesus bitten, sondern ihre Mutter, die Jesus für ihre Söhne um dieses Privileg angeht. Die Antwort Jesu ist in beiden Fällen gleich. "Wer unter euch der Größte sein will, soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, soll der Knecht aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen..." Im Lukas-Evangelium sind es nicht namentlich die Zebedäus-Söhne, die sich um die besten Plätze balgen, sondern alle streiten sich, wer wohl der Größte von ihnen sei. Jesus darauf: "Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende. Welcher von beiden ist größer: der bei Tische sitzt oder der bedient? Natürlich der, der bei Tische sitzt. Ich aber bin bei euch wie der, der bedient" (Lk 22, 25-27). Noch eindrucksvoller behandelt der Evangelist Johannes das Thema vom Dienen, indem er Jesus das gemeinsame Mahl unterbrechen lässt, damit dieser den Jüngern die Füße wäscht (Jo 13, 1-11). Und dann sagt er: "Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch getan habe" (13,15). "Dienen, nicht herrschen" ist die eindeutige Botschaft Jesu durch alle vier Evangelien. Das heißt umgekehrt: Keine Form von Machtausübung kann sich auf Jesus berufen: weder in weltlichen Systemen noch in der Kirche noch irgendwo anders wie etwa in Familie, Schule oder Arbeitswelt.

    2. Das Gottesbild Jesu
    Jesus verkündigt in Wort und Tat sein Gottesbild; und das ist nicht das Bild eines allmächtigen Gottes und Herrschers, sondern das eines barmherzigen Vaters. Dieser Vater geht dem Verlorenen nach, bis er es findet. Die Gleichnisse vom guten Hirten bezeugen das eindrücklich. Damit stellt Jesus die üblichen Gottesbilder der Macht auf den Kopf und erweist sie als falsch. Gott steht auf Seiten der Menschen, gerade auch der Armen, der Unterdrückten und Gescheiterten oder - theologisch ausgedrückt - der Sünder. Und Gottes Botschaft, die Jesus selber in seiner Person ist, lautet: ich bin bei euch alle Tage wie einer, der dient und nicht wie einer, der herrscht oder Macht ausübt oder euch unter Druck setzt. Darum ist die Anrede Gottes als "allmächtiger Gott" - wie in den meisten liturgischen Gebeten üblich - religionsgeschichtlich antiquiert und nach christlichem Glaubensverständnis schlichtweg falsch. Trotzdem tun wir es - gedankenlos; vielleicht aber auch bewusst in der perfiden Absicht, uns selber als Gottesmänner mit dieser Herrscherfolie zu bekleiden. Die Anrede Gottes als "allmächtiger Vater", die es auch in der Liturgie gibt, ist ein Widerspruch in sich. "Macht", "Allmacht", "Herrscher", "Allmächtiger" sind keine positiven Schlüsselbegriffe der christlichen Religion, und es ist höchste Zeit, dass wir sie durch eine liturgische Revision aus den Gebetstexten der Kirche entfernen.

    3. Die Wirklichkeit in der Kirche
    Wie sieht es mit den Machtphantasien in der Kirche aus? Wie bereits angedeutet: die liturgische Sprache verrät uns. Aber auch die Struktur der Ämter ist ein Machtgefüge, "heilige Macht" nennt man sie: Hierarchie. Der Papst nennt sich zwar "Servus Servorum Die" , d.h. "Diener der Diener Gottes", aber ich glaube, das ist nicht so ernst gemeint. Wenn man die kirchliche Praxis einmal unter die Lupe nimmt, dann stellt man (leider) fest, dass Macht - ähnlich wie in der Politik - eine buchstäblich "gewaltige" Rolle spielt. In der Politik gibt es wohl Machtkontrollen und Begrenzungen der Macht, nicht aber in der Kirche. Im Kleinen Katechismus, den Kardinal Ratzinger 2005 herausgegeben hat, lesen wir wörtlich über die Sendung des Papstes: "Er ist der Stellvertreter Christi, das Haupt des Bischofskollegiums und der Hirte der Gesamtkirche. Aufgrund göttlicher Einsetzung hat er über die ganze Kirche die höchste, volle, unmittelbare und allgemeine Vollmacht" (Nr. 182). Wie unterscheidet sich diese Sprache von der Sprache Jesu: "Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende" (Lk 22,25f.)!

    In diesem Zusammenhang muss ich an den früheren Bischof der französischen Diözese Evreux denken: Jacques Gaillot. Er hat einmal gesagt: "Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts." Das war denn auch sein Lebensgrundsatz. So hat er persönlich gelebt, und so hat er auch sein Bischofsamt verstanden. Das konnte nicht gut gehen. Nach fast 13 Bischofsjahren wurde ihm am 12. Januar 1995 in Rom eröffnet: "Morgen, Freitag, den 13. Januar um 12 Uhr mittags sind Sie nicht mehr Bischof von Evreux". Dieser Machtspruch wurde in Frankreich und im Ausland als große Ungerechtigkeit empfunden und hat bei Christen und vielen Nichtchristen tiefe Wunden geschlagen. Die Art und Weise, wie sich Bischof Gaillot für Einzelne, für Randgruppen oder für politisch Unerwünschte eingesetzt hat, ist ihm in seiner eigenen Kirche zum Verhängnis geworden. Es waren keine Häresien, die er verbreitet hätte, sondern sein Dienst gemäß dem Evangelium.

    Manchmal denke ich, dass die Krise der heutigen Kirche eher eine Krise des Amtes ist als eine Krise der Gläubigen. Wie sagt Jesus in der Bergpredigt: "Nicht jeder, der zu mir sagt Herr! Herr! wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt!" (Mt, 7,21). Der Wille des himmlischen Vaters aber ist, dass wir einander dienen.

    Amen.


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    Mk 10,46-52: Finde dich nicht mit deinem Schicksal ab! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Was sind Wunder? Wunder sind - ganz einfach ausgedrückt - Ermutigungen zum Leben. Ich will das an der soeben gehörten Blindenheilung erläutern.

    Da ist ein Blinder, der am Wegrand bettelt. In den Augen der Vorübergehenden (das sind die, die von Blindheit keine Ahnung haben) ist er hilflos und zum Nichtstun verurteilt. Sie geben ihm Almosen. Das ist der Preis, dass er ihre Kreise nicht stören soll. Doch Bartimäus schreit ganz laut, als er hört, dass Jesus vorbeigeht: "Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!" Wie ärgerlich für die, die mit einem Almosen sein Schweigen kaufen zu können meinten. Aber Bartimäus lässt sich nicht zum Schweigen bringen; er schreit noch viel lauter, weil er sich mit seinem Schicksal nicht abfinden will. Sein Schicksal ist ja nicht nur die Blindheit, sondern auch die ihm von der Gesellschaft zugewiesene Rolle des Schweigens. Und da scheint die Frage Jesu fast überflüssig zu sein, wenn der sagt: "Was soll ich dir tun?" "Ich möchte wieder sehen können." Was sonst? Da sagt Jesus: "Geh! Dein Glaube hat dir geholfen." Keine Aufforderung zur Nachfolge, keine Bedingung, lediglich Bestätigung seines Lebens- und Überlebenswillens. Jesus bestätigt damit: es ist richtig, was du gemacht hast. Find dich mit deinem Schicksal nicht ab! Schrei deinen Lebenswillen und das Verlangen, sehen zu können, in die Welt hinaus - entgegen den Ratschlägen derer, die nur um sich kreisen und sich selbst genügen. Das hilft, das heilt, das bringt dich weiter.

    Klar, dass diese Begebenheit später als Glaubensgeschichte erzählt wurde. Doch was hier als Glaube bezeichnet wird, war wohl ursprünglich der reine Überlebenswille, der Schrei nach Leben, nach einem Leben ohne Einschränkungen. Das wird in der frommen Deutung dann zum Ausdruck des Glaubens an den Gott des Lebens - Solche Deutung der Wirklichkeit und des Lebensalltags auf Gott hin gehört zu den ganz wesentlichen Aufgaben von Religion in dieser Welt.

    Und heute? Welchen Wert hat das Weitererzählen dieser Glaubensgeschichte für uns heute noch? Mich fasziniert immer das Menschenbild, was vor allem im Markusevangelium als das christliche gezeichnet wird. Da wird die Eigenentfaltung des Menschen geschützt, bestätigt. Er soll sich eben nicht in sein Schicksal ergeben, schon gar nicht im Namen Gottes. Im Gegenteil: Gott achtet den Eigenwillen des Menschen und traut ihm eine Menge zu und gibt - so oft die fromme Deutung - dem Streben auch das Gelingen.

    Ich denke, wir müssen die Bibel mit den Augen unserer Zeit und dem aufgeklärten Wissen von heute lesen. Da wird gewiss eine Menge Fundamentalismus auf der Strecke bleiben, aber trotzdem behält die Bibel eine einzigartige Faszination. Und fürs Leben taugt sie dann einfach mehr, weil darin unendlich viel Ermutigung für unsere konkrete Lebensgestaltung drin steht. Auch ganz profan kann man ja einem, dem schier Unglaubliches gelungen ist, sagen: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen.

    Amen.


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    Mk 13, 24-32: Alles ist endlich, nur die Liebe nicht Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das 13. Kapitel des Markusevangeliums, aus dem wir einige Verse gehört haben, nennt man die apokalyptische Rede Jesu. Jesus spricht vom Ende der Welt und verbindet das Chaos des Untergangs mit der Wiederkunft des Menschensohnes. Viel ausführlicher noch als Markus beschreiben Matthäus und Lukas den Weltuntergang und mahnen zur Wachsamkeit. Durch Wachsamkeit kann zwar das Ende der Welt nicht verhindert werden, aber die Jünger könnten darüber den Glauben verlieren, wenn sie nicht Acht geben. Es ist eine sehr bilderreiche und z. T. bedrohliche Sprache, die zart besaiteten Menschen sogar Angst machen kann. Ein schwieriger Text. Die Sprache ist uns fremd, die Bilder sind nicht unmittelbar zu verstehen und die eigentliche frohe Botschaft, die darin enthalten ist, ist nicht auf Anhieb zu erkennen. - Worum geht es hier?

    1. Alles ist endlich, und das ist gut so.
    Der unmittelbare Anlass für diese apokalyptische Rede wird wohl die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahre 70 n. Chr. gewesen sein. Nun ist es schwer vorstellbar, dass Jesus selber dieses Ereignis im Nachhinein, also nach seinem Tod, kommentiert hätte. Es handelt sich also um Geschichtsdeutung des Evangelisten, der die Wirren der Zeit mit seiner Frohbotschaft in Einklang bringen will.

    Angesichts der Vergänglichkeit der Welt warnt Markus vor jeder Panikmache. Er will sagen: Wie die Erde einen Anfang gehabt hat, so wird sie auch ein Ende haben. Und wir könnten hinzufügen: Bis zum Ende wird es wohl noch etliche Milliarden Jahre hin sein, aber die Zeit läuft. In viel kleinerer Dimension gilt das aber auch von jedem Menschenleben: wie es einen Anfang hat, so hat es auch ein Ende. Im Buche Jesus Sirach heißt es: "Der Tod ist das Los, das allen Sterblichen von Gott bestimmt ist. Was sträubst du dich gegen das Gesetz des Höchsten? Ob tausend Jahre oder hundert oder zehn, im Totenreich gibt es keine Beschwerde über die Lebensdauer" (41,4). Oder an anderer Stelle (Jesus Sirach 14, 17f.): "Wir alle werden alt wie ein Kleid; es ist ein ewiges Gesetz: alles muss sterben. Wie sprossende Blätter am grünen Baum / das eine welkt, das andere wächst nach -, so sind die Geschlechter von Fleisch und Blut: / das eine stirbt, das andere reift heran." Und was vom Leben gilt, das gilt auch von den Kulturen: sie kommen und gehen. Die altägyptische Kultur hat 3 ½ tausend Jahre bestanden und ist dann untergegangen. Dieses Werden und Vergehen kennzeichnet alles Sichtbare auf der Welt, auch die Religionen, das Christentum und die Kirche nicht ausgenommen. Nichts bleibt, wie es ist; der Wandel ist das einzig Beständige, das Ende unaufhaltsam. Der evangelische Theologe Klaus-Peter Jörns deutet dieses ständige Werden und Vergehen im positiven Sinn. Er sagt: "Alles Leben im Kosmos ist sterbliches Leben, Sterblichkeit ist keine Folge der Sünde, sondern der Kunstgriff des Schöpfers, durch den ein Vergreisen des Lebens verhindert wird."

    2. Einzig das Wort Jesu hat Bestand.
    "Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen" (Mk 13,30). Damit ist nicht dieses oder jenes Wort gemeint, sondern Jesu Botschaft insgesamt. Und die heißt: "Liebet einander, wie ich euch geliebt habe" (Jo 13,34). Liebe ist das Einzige, was zählt - über den Tod hinaus. Manchmal ahnen wir das, z. B. am Grab eines Menschen, den wir geliebt haben und der uns geliebt hat. Da wird uns für einen Augenblick bewusst, dass der Tod eben nicht alles wegwischt und in Frage stellt. Aber schon bald holt uns der Alltag wieder ein: nämlich die Gier nach Geld und Gut, als ob wir damit unser Leben verewigen könnten. Nichts können wir.

    Darum verbinden die anderen beiden Evangelisten Matthäus und Lukas mit dem Thema Weltuntergang die eindringliche Mahnung: "Seid wachsam!" Denn wie schnell ist die Botschaft Jesu vergessen, dass nur die Liebe zählt! Es könnte also geschehen, dass am Ende eben doch das Ziel des Lebens oder der Sinn des Lebens verfehlt werden. Sie kennen das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen bei Matthäus, die durch ihre Dusseligkeit sich selber ins Abseits bringen. Und Sie kennen die Vision vom Weltgericht (ebenfalls bei Matthäus), wo letztlich nur die Werke der Barmherzigkeit Bedeutung haben. Das ist die eigentliche frohe Botschaft im ganzen Untergangsszenario: Liebe ist alles!

    3. Was meint das Wort vom Kommen des Menschensohnes?
    Jesus gilt als der Menschensohn, und das heißt: er ist ein Sohn der Menschen wie du und ich und zugleich ein Sohn mit göttlicher Sendung. Sein Erscheinen am Ende wird uns Menschenkindern bestätigen und einsichtig machen, dass die Botschaft des Menschensohnes Jesus wahr ist: nämlich, dass nur die Liebe zählt. Wir werden erkennen: Für diese Liebe hat es sich gelohnt zu leben, für diese Liebe hat es sich gelohnt zu sterben. Wer in diesem Leben liebt, kommt nicht zu kurz - auch wenn es manchmal den Anschein hat.

    Oft findet man große Wahrheiten in kleinen Sprichwörtern treffend ausgedrückt. So sagen die Chinesen, wenn sie der Liebe wegen auf etwas verzichten: "Für Menschen, die lieben, ist sogar das Wasser süß."
    Amen.



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    Lk 1,1-4; 4,14-21: Wes Geistes Kind bist du? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das, was dieser Evangelientext über Jesus sagt, klingt wie ein Programm: der Geist ergreift diesen Menschen Jesus und bestimmt fortan sein Leben. Es wird ein Leben sein für die Armen und sozial Abhängigen, für die Gefangenen und Ausgestoßenen, für die Kranken und Behinderten, für die Niedergeschlagenen und psychisch Belasteten, für die Verschuldeten und Schuldigen. Was nach dieser Programmansage dann im Evangelium folgt, ist Erläuterung und Veranschaulichung dieses Programms. Und so werden anschließend jede Menge Heilungen erzählt, die auf wunderbare Weise konkret werden lassen, wes Geistes Kind dieser Jesus ist.

    Wozu ein Mensch fähig sein kann.

    Erstaunlich, wozu ein Mensch fähig sein kann, wenn er keine Berührungsängste hat: wenn er auf Besessene zugeht, Aussätzige berührt, Blinde und Gelähmte anspricht, Schuldigen und gesellschaftlich Geächteten Gemeinschaft anbietet. Auf der Stelle verändert er durch seine Menschlichkeit alles zum Besseren, so dass die Menschen drum herum von Wundern sprechen. Radikale Menschlichkeit - das ist das Geheimnis jener Geistbegabung, von der am Anfang die Rede ist.

    Was man bei Jesus nicht findet: Abgrenzung von Menschen aufgrund bestimmter körperlicher oder geistiger Defizite, Ablehnung Andersdenkender oder von Menschen mit abweichenden Lebenseinstellungen. Nicht einmal Andersgläubige sind ihm suspekt, im Gegenteil: im Gleichnis vom barmherzigen Samariter lobt Jesus die Barmherzigkeit und Menschlichkeit des Samaritaners, dessen Religiosität eher minimal ist. Jesus lebt vor, wo es richtig drauf ankommt: nicht auf theoretische Bekenntnisse, sondern auf das geistkonforme Tun. Gerade im Lukasevangelium zeigt Jesus eine Offenherzigkeit und Weite, die einfach gut tun, weil sie die unterschiedlichsten Menschen miteinander verbinden und in Gemeinschaft bringen.

    Wozu man andere anstiften kann.

    Interessant ist, dass die Wundergeschichten im Lukasevangelium verwoben sind mit Berufungsgeschichten. Was Jesus macht, ist Anstiftung zu radikaler Menschlichkeit. Was er tut, sollen auch andere tun. Darum beruft er die, denen er das zutraut. Und die meisten können sich seinem Ruf nicht entziehen.

    Zwar lesen wir auch, wie schwer es den Berufenen oft fällt, diese radikale Liebe und Offenheit konsequent zu leben. Immer wieder mauert die Angst und trennt die vermeintlich Bösen von denen, die sich selbst für die Guten halten. Immer wieder grenzen die Rechtgläubigen die vermeintlich Irrgläubigen aus und kündigen die Gemeinschaft mit ihnen auf. Immer wieder lassen Egoismus und Eigennutz neue Klassen entstehen und dienen zur Rechtfertigung unchristlicher Ordnungen und Verhaltensweisen. Trotzdem bleibt Jesus der Maßstab, und viel Gutes ist in der Welt geschehen durch die, die dem Geist Jesu in sich Raum gegeben haben.

    Warum die Angst heute so groß ist.

    Was heute in der katholischen Kirche nicht zu übersehen ist, ist die Angst vor Identitätsverlust. Man befürchtet, durch allzu große Offenheit und allzu liebevolles Miteinander mit Nichtkatholiken die eigene Identität zu verlieren. Darum verbietet der Kölner Kardinal Meisner vehement, in Schulen mit muslimischen Kindern gemeinsam religiöse Feiern abzuhalten. Es sei eben nicht derselbe Gott, zu dem die katholischen und die muslimischen Kinder beten. Dabei vergisst der Kardinal, dass die legendären drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar, deren Gebeine er im Schrein des Kölner Domes zu beherbergen glaubt, eben Heiden waren und sich damals die Freiheit nahmen, das Kind in der Krippe anzubeten. - Und Angst treibt auch den Trierer Bischof Marx um, wenn er eucharistische Gastfreundschaft unter christlichen Brüdern und Schwestern so strikt ahndet, dass ein Priester, der zu dieser Gastfreundschaft einlädt, mit Suspension und mehr rechnen muss. Dabei wird der Mitgliederschwund unserer Kirche nicht aufgehalten durch disziplinäre Maßnahmen oder Abgrenzungen aus Angst.

    Jesus hat das Gegenteil praktiziert. Seine Offenheit und radikale Menschlichkeit waren der Grund, weshalb die Menge ihm nachgelaufen ist. Eine Umkehr im Denken täte der Kirche gut.

    Was sollen wir tun?

    Bleibt die Frage für uns: was sollen wir tun? Übrigens wurde diese Frage ein Kapitel früher Johannes dem Täufer gestellt vom Volk, das in Scharen zu ihm kam. Und Johannes antwortete: "Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso." Den Zöllnern sagte er: "Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist." Und den Soldaten: "Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold!" (vgl. Lk 3,10-14) Das ist zwar noch nicht die radikale Menschlichkeit die wir von Jesus kennen, wohl aber ein deutlicher Hinweis auf das Wohlergehen des Mitmenschen. Jesus ist da noch viel konsequenter. Deshalb ist seine Offenheit und alle Grenzen überschreitende Liebe für uns verbindlich - auch wenn´s deswegen mal Konflikte mit den irdischen Autoritäten geben sollte. Ist nicht Gott der Gott und Schöpfer aller Menschen, und liebt er sie deshalb nicht alle in gleicher Weise, wie Jesus es getan hat? Ich denke, da gibt es keine Präferenzen für uns Katholiken!

    Amen.



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    Lk 4, 16-30: Heute ist die Zeit des Heiles Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der entscheidende Satz in diesem gewiss langen Evangelientext heißt: "Heute hat sich das Schriftwort (des Jesaja) erfüllt!" Jesus will sagen: Heute ist die Zeit des Heils, nicht morgen, nicht in naher oder ferner Zukunft, auch nicht erst nach dem Tod ist die Zeit des Heils, sondern heute. Ein neuer Geist muss her, der Geist Gottes, den Jesus hat. Dieser neue Geist bringt den Armen die frohe Botschaft, den Gefangenen die Entlassung, den Blinden das Augenlicht, den Zerschlagenen die Freiheit und allen ein Gnadenjahr des Herrn. Jesus macht Ernst mit dem Heil heute. - Dazu drei Gedanken:

    1. Das Heil ist für die Armen da.
    Wir haben früher gelernt: das Heil ist für die Braven da. Irrtum! Das Heil ist für die Armen und für die vom Leben Benachteiligten da. Wir haben früher gelernt: das Heil ist für die Gläubigen, vor allem für die Beter da. Irrtum! Das Heil ist für die körperlich oder geistig Beeinträchtigten da (früher nannte man sie die Behinderten). Wir haben früher gelernt: das Heil ist da für die, die sich nichts zu Schulden kommen lassen und die sich nicht verschulden. Irrtum! Das Gnadenjahr des Herrn entschuldet die Verschuldeten und gewährt den Schuldigen einen neuen Anfang. Sie sehen: der neue Geist, den Jesus bringt, kümmert sich um die Armen, nicht um die Braven, nicht um die Frömmler, nicht um die selbsternannten Glaubenshüter einer Gemeinde, auch nicht um die Reichen, die sich selbst genügen. Den Armen die Frohbotschaft zu verkündigen heißt ihnen helfen in ihren leiblichen und seelischen Nöten; Beistand leisten, wenn sie ausgegrenz, ausgenommen oder gemobbt werden; den Kopf für sie hinhalten, wenn sie bedroht werden. Das entspricht dem Geist Jesu.

    2. Das Heil kommt heute oder nie.
    Alle guten Vorsätze, die nichts taugen, sollen morgen oder am St Nimmerleinstag in Kraft treten. Jesus sagt: "Heute erfüllt sich das Schriftwort, das ihr gehört habt." Das ist typisch für Jesus: was er sagt, tut er; was seine Sendung ist, macht er und verschiebt es nicht. - Merken Sie, dass seine Sendung auch die unsrige ist? "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch" (Jo 20, 21). Der Auftrag, der sich aus einer Sendung ergibt, wird nicht auf die lange Bank geschoben. Sendung ist Verpflichtung heute. Konkret: der Arme in der Gemeinde, der uns als Christen beim Wort nimmt, steht neben uns und hält die Hand auf, und nicht nur die Hand, sondern auch das Herz. Er braucht mehr als unser Geld, er braucht unser Herz: das Zuhören, das Verstehen, die Zuwendung, die liebevolle Geste. Und das alles heute - nicht morgen oder übermorgen oder irgendwann. Heute oder nie - das ist die Alternative.

    3. Verantwortlich für das Heil sind wir alle.
    Jesus hat mit seiner Einstellung, oder besser: mit seinem neuen Geist etwas losgetreten, was nach ihm weitergehen soll. Und das tut es auch, Gott sei Dank. Manchmal ist die Kirche die Lobby der Armen (im christlichen Abendland zumal), manchmal ist sie das nicht. In Südamerika z. B. hat die Kirche versagt. Die von Theologen mit ihren Bischöfen entwickelte Theologie der Armen wurde von Rom beargwöhnt, eigentlich sogar verboten, weil sie das Heil angeblich zu sehr materiell innerweltlich definiere. Dieser innerkirchliche Streit hat die Reichen in Südamerika in ihrer sozialen Verantwortung entlastet, den Armen hat es geschadet, und die Kirche hat dort an Glaubwürdigkeit eingebüßt.

    Es muss nicht unbedingt die Kirche sein, die an der Seite der Armen steht, obwohl es ihr von ihrem Selbstverständnis her gut zu Gesicht stünde. Letztlich sind alle Menschen (ob gläubig oder nicht) dafür verantwortlich, dass Armut das Leben nicht entwürdigt. Gott sieht nicht auf die Konfession oder Religion, er sieht auf das Engagement des Herzens - für die Armen - heute.

    Amen.



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    Lk 5, 1-11: Berufung - damals und heute Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Evangelium erzählt eine Berufungsgeschichte, schön verpackt in die Wundererzählung vom reichen Fischfang. Das ist anschaulich, da hört man gerne zu. Diese Geschichte hat übrigens in der Vergangenheit viele Künstler inspiriert zu tollen Gemälden oder Kirchenfenstern. - Zwei Gedanken:

    1. Berufung damals
    Die Berufung durch Jesus hört sich total einfach an: es stimmt natürlich, dass er nur Männer berufen hat: Simon und die beiden Brüder Jakobus und Johannes. Nur sie sind namentlich genannt. Wenigstens von einem wissen wir, dass er verheiratet war: Simon. Aber diese Tatsache spielte offensichtlich gar keine Rolle. Niemals hat Jesus gefordert, dass die Menschenfischer - denn solche wollte er aus ihnen machen - unverheiratet sein müssten. In Wahrheit ist der Zölibat für die Menschenfischer erst Jahrhunderte später aus der Mönchsbewegung übernommen worden. In den ersten Jahrhunderten war die Ehelosigkeit des Priesters nicht zwingend.

    Apropos Priester: Jesus hat diejenigen, die er in seine Nachfolge berufen und dann als Zeugen des Glaubens ausgesandt hat, nicht erst zu Priestern geweiht. Jesus kannte keine Priesterweihe, wohl Berufung und Sendung. Um nicht missverstanden zu werden, will ich schnell hinzufügen: die Kirche hat selbstverständlich das Recht, sakramentale Weihen einzuführen und Bedingungen für die Übernahme des Priesteramtes zu stellen , d.h. eine Ordnung für diesen Dienst vorzugeben. Aber dann muss sie konsequenterweise auch sagen, dass solche Ordnungen kirchlichen Rechts sind und von der Kirche auch wieder geändert werden können. - Was in der Berufungsgeschichte übrigens nicht übersehen werden darf, ist das Vertrauen, das Petrus Jesus entgegenbringt. "Auf dein Wort hin, will ich die Netze auswerfen." Eigentlich ist es ein Unterfangen, am Tage zu fischen. Das darauf folgende Wunder macht deutlich, dass Vertrauen der Schlüssel zur Berufung ist.

    2. Berufung heute
    Heute scheint es kaum noch Berufungen zum Priesteramt zu geben. Woran das liegt, kann man sicher nicht in zwei Sätzen sagen. Aber vielleicht sollte man die Zugangsbedingungen zum Priesteramt mal überdenken. Der Zölibat war nicht immer und findet in unserer Gesellschaft immer weniger Zustimmung. Und auch dass Frauen vom Priesteramt ausgeschlossen sind, entspricht in keiner Weise der Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft. Es gibt kein Wort Jesu, das die Frau vom Priesteramt ausschließt. Mutige Entscheidungen müssen jetzt von der Kirchenleitung getroffen werden. Wer eine Lösung der gegenwärtigen Krise vornehmlich in der Wiederbelebung vorkonziliarer Positionen sieht, wird der Kirche keinen neuen Schwung geben.

    Dabei sind die Aussichten auf eine Wende gar nicht mal so schlecht. Allenthalben ist heute ein wachsendes Bedürfnis nach Religion und Spiritualität festzustellen. Es wird darauf ankommen, ob es der Kirche gelingt, eine befriedigende Antwort auf dieses Bedürfnis zu geben. Solange ihr das nicht gelingt, wird das Bild vom reichen Fischzug das Bild für eine Zielvorgabe sein und nicht ein Bild für die Wirklichkeit.

    Amen.




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    Lk 6, 17.20-23: Sillig, ihr ärm Hööschte (Prädig op Kölsch 2010) Wilhelm Weber

    Leev Rest-Christe vun Maye,
    leev Fründinne un Fründe us Berghem,
    leev Fastelovendsjecke!

    Is dat nit schön,
    dat mer all widder zesamme sin?
    Vun wäge Rest-Christe:
    Mir sin vill, wann et drop aankütt.
    Vür Johre wore mer noch läppsche 5000,
    jetz simmer 13.800 - stundt im vürletzte Parrbreef.
    Jojo, dat es inklusiv der Neuerwerbunge us der Nohberschaff.
    Stellt üch vür,
    die kömen all in de Kirch - jede Sunndag.
    Dann hätt uns Pastürche ävver e Problem.
    Und dat wolle mer jo nit.
    God, eimol loss ich mir dat jo gefalle;
    ävver jede Sunndag so vill Lück en der Kirch?
    Dot dem Pastur dat nit aan!
    Versproche?

    Wie ich de Prädig zesamme geknuuv han,
    hatt ich Bedenke,
    ov dat Evangelium vun de Silligpreisunge
    üvverhaup för en Mess met Fastelovendsjecke dat räächte es.
    Ich meine: Jo!
    Woröm?
    Weil keine Vernünftige begriefe kann,
    dat för ärm Hööschte dat Rich Goddes do is
    ov dat Hungerligger satt ze esse krige
    ov dat - wä jetz am Kriesche is - vill zo laache kritt.
    Dä Vernünftige säht:
    Wo gitt et dann esu jet?
    Dä Jeck sät:
    Dat han ich ald luuter jesaht
    un am eigene Liev erläv.
    Et gitt esu vill Schicksalsschläg,
    die der de Trone in de Auge drieve.
    Ävver met e bessche Goddvertraue
    kütt alles aan e god Engk.
    Dausenfach han Minsche esu en Lihr gemaht,
    un wann ehr ihrlich sid,
    is et üch och ald esu ergange.
    Han ich nit Rääch?

    Un och dat is wohr:
    Wä selver ärm es
    un nit alle Dags satt ze esse kritt,
    wä vör luuter Hätzeleid Trone vergosse hätt,
    dä kann och deile un trüste,
    wann et andere triff.
    Han ich nit Rääch?

    Un dann is da noch de Red vun Minsche,
    die malträteert, exkommelizeert, usgeschannt un gemobb wääde -
    vun wäge däm Minschesonn.
    Dat wor domals för die Christe in de eetste 300 Johre ene große Truus.
    Et woren Johre der Verfolgung - bis 313.
    Dann kom dä Konstantin mit singer Konstantinischen Wende,
    un dat Christentum woodt Staatsreligion.
    Un wie die Christe dat Sage hatte,
    han die et genau esu gemaht:
    se han eigene un fremde Lück malträteert,
    exkommelizeert, usgeschandt un gemobb.
    Dat is e Spill, dat hätt et immer schon gegovve
    un dat weed et immer gevve.
    Dat hät jet mit Maach zo dun.
    Wä et Sage hät, fängk an beklopp zu wääde.
    Han ich nit Rääch?

    Un wat säht Jesus dozo?
    Dot drüvver laache un losst üch de Freud nit nemme.
    Der Himmel is üch secher.
    Der Jesus hält üvverhaup nix vun Exkommelizeerunge,
    nit en der Gesellschaff un och nit en der Kirch.
    Drüvver laache is dat einzig Richtige.
    Denn mir sin nit dofür do,
    uns gägesiggig et Levve schwer ze mache,
    villmih uns gägesiggig zu helfe,
    damit dat Levve flupp.
    Es doch esu, ov nit?

    En der Fastelovendszigg spille se alle e Bissche verrück.
    Ävver dat is doch grad en große Chance,
    endlich üvver der eigene Schatte ze springe,
    met dem komische Typ vun nevveaan e Kölsch ze drinke
    un dat aale Kreegsbeil zu begrave.
    Ov nemm de Messe: eimol em Johr op Kölsch,
    un de Lückscher sind do.
    Han ich nit Rääch?

    Ich hüre jetz op,
    ich han alles gesaat,
    ich weiß nix mieh
    und an Plaatz vun Amen sagen ich - wie jedes Johr:
    dreimol Maye Mayoh!





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    Lk 7, 11-17: Lebe dein Leben! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Wunder von der Auferweckung des Sohnes einer Witwe in Nain: Muss man das glauben? Kann man das überhaupt glauben? Wir tun uns oft schwer, die biblische Redeweise zu verstehen. Bemerkenswert ist, dass nur Lukas dieses Wunder erzählt. Verdächtig ist, dass seine Erzählung viele Ähnlichkeiten aufweist mit den beiden Toten-Erweckungen in den Königsbüchern des Alten Testaments. Die Propheten Elija und Elischa erwecken in ganz ähnlicher Weise junge Männer wieder zum Leben. Hat Lukas da etwa abgeschrieben oder alttestamentliche Vorlagen ins Leben Jesu hinein kopiert? - Lassen Sie mich etwas weiter ausholen.

    Von der biblischen Sprache.
    Jeder Mensch, der an Gott glaubt und von ihm begeistert ist, schwärmt auch von ihm - und zwar nicht nur im Herzen, sondern auch in seiner Sprache. Er sieht in allem Schönen und Guten Gottes Wirken. Und selbst im Elend dieser Welt weiß der Gläubige, dass Gott rettet. Wer von diesem Gott erzählt, tut das, indem er Geschichten von ihm erzählt. Da kommt es nicht auf Historie an, da arbeitet die Phantasie für Gott.

    Ein Beispiel: Die beiden Schöpfungsgeschichten am Anfang der Bibel sind aus der Sicht der Schreiben ein einziger Lobpreis auf Gottes gute Schöpfung. Dass Gott die Welt gemacht hat, ist für die biblischen Schriftsteller eine Binsenwahrheit; wie er sie gemacht hat, hat ihre Phantasie dazu gedichtet. Übrigens gehört die Bibel zu den größten dichterischen Leistungen der Weltgeschichte.

    Natürlich wissen wir heute von den Naturwissenschaften, dass die Welt nicht so entstanden ist, wie in der Bibel beschrieben. Sogar in Rom weiß man das. (Nur noch nicht überall in Amerika, wo der biblische Fundamentalismus im sog. Kreationismus fröhliche Urständ feiert. Amerika hat nicht nur auf diesem Gebiet Nachholbedarf.) Man spricht heute von Evolution und sieht darin keinen Widerspruch mehr zur biblischen Darstellung einer Schöpfung in sieben Tagen.

    So ähnlich möchte ich auch das Wunder der Toten-Erweckung von Nain interpretieren. Der Evangelist Lukas ist fest davon überzeugt, dass Jesus einen Gott verkündet, der ein Gott des Lebens ist. Und darum erzählt Lukas eine Geschichte nach alttestamentlichem Vorbild, wo Jesus diesen Gott in seiner Eigenschaft als Gott des Lebens vorstellt. Die Sprache ist schwärmerisch, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes wunderbar. -
    Wie trocken, unverbindlich und leblos ist dagegen die Sprache der Dogmatik - etwa im Glaubensbekenntnis. Da gibt es keine Geschichte, die gefangen nimmt, begeistert oder wenigstens zum Nachdenken anregt. Dogmatik ist der Tod des Glaubens.

    Von der eigentlichen Botschaft.
    Die eigentliche Botschaft der Geschichte von der Auferweckung des Jünglings von Nain ist ganz einfach. Lukas will sagen: Jesus zeigt euch, wie Leben gelingt; denn offensichtlich war das Leben beider, der Mutter wie des Sohnes, nicht gelungen.

    Was sich so einfach anhört, ist in Wirklichkeit viel komplizierter. Zur Mutter sagt Jesus: Weine nicht! Er hat Mitleid mit ihr. Als Witwe hat sie ihren Sohn vielleicht mit zu viel Liebe und Fürsorge umgeben, dass diesem die Luft zum Leben ausgegangen ist. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn kann manchmal so eng und erdrückend sein, dass der Sohn das Leben verpasst: er ist für das Leben tot, bevor er gelebt hat. Und die Mutter, die alles so gut gemeint hat, hat in ihrer Liebe und Fürsorge ein gehöriges Maß an Eigenliebe und Egoismus versteckt. Vielleicht meint Lukas mit dem Mitleid, das Jesus zeigt, den Eigenanteil, den die Mutter am Tod ihres Sohnes hat. Es hätte nicht so zu kommen brauchen. -
    Und dem toten Jüngling befiehlt (!) Jesus: Steh auf! Und das könnte heißen: Nimm endlich dein Leben selber in die Hand! Lebe dein eigenes Leben - ohne schlechtes Gewissen der Mutter gegenüber! Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn war letztlich für beide lebensfeindlich. Jesus entflechtet durch sein Tun diese buchstäblich tödliche Beziehung .Er gibt der Mutter den Sohn zurück, damit sie nun beide ihr Leben neu definieren und gestalten mögen. - Was Lukas in dieser Geschichte an Lebenswissen mitteilt, kann heutige Psychologie in Begriffen und Gesetzmäßigkeiten ziemlich genau darstellen.

    Von der Botschaft für mich.
    Keine Botschaft der Bibel steht abstrakt im Raum, sondern ist immer Botschaft für mich und für dich. Und diese Botschaft lautet: Lebe dein eigenes Leben! Du darfst dich aus den Fesseln der Erwartungen und Ansprüche anderer an dich befreien. Du hast ein Recht auf dein eigenes Leben. - Und auf der anderen Seite gilt aber auch: Du darfst keinen daran hindern, dass er sein eigenes Leben lebt. Es gibt eine Liebe, die den anderen beherrschen will. Es ist nicht die Liebe, die Jesus vorgelebt hat.

    Was mich immer wieder erstaunt, wenn ich solche biblischen Texte meditiere, ist das Menschenbild, das hinter solchen Geschichten steht. Da gibt es keine Über- oder Unterordnung, keine Herrschaftsstrukturen, die von Jesus gerechtfertigt würden, keine Hierarchie und keine Unterdrückung im Namen Gottes. Liebe und Freiheit, das ist es, was wir aus alledem lernen können.

    Amen.



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    Lk 9, 23-36: Wer ist Jesus? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Wer war Jesus? Das ist eine Frage, die fast nicht zu beantworten ist. Und doch gibt es viele Antworten. Jeder, der sich mit Jesus beschäftigt, gibt seine persönlich gefärbte Antwort: Sie und ich und so auch die vier Evangelisten - und keineswegs sind alle Antworten gleich. Während Johannes die Verklärung Jesu überhaupt nicht erwähnt, erzählen die drei Synoptiker (Matthäus, Markus und Lukas) die Geschichte der Verklärung jeder auf seine Weise, also nicht gleich lautend. Nur Lukas verrät uns - vielleicht ein Scherz? - dass die drei Hauptgemeindeführer Petrus, Johannes und Jakobus bei diesem Ereignis glatt eingeschlafen sind. Ein böses Omen für die später Verantwortlichen in der Kirchenleitung? Ich hoffe nicht.

    Nun worum geht es? Lukas will - wie seine Parallelüberlieferer Markus und Matthäus - mit dieser Verklärungserzählung mehr Klarheit schaffen auf die Frage, wer Jesus ist. Folgende Aussagen gibt es im Lukasevangelium über Jesus bereits: Jesus ist der Sohn der Maria und des Josef ("Man hielt ihn für den Sohn Josefs" 3,23; "Sie sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs?" 4,22); er heilt Besessene und Kranke ("Er legte jedem Kranken die Hände auf und heilte sie." 4,40); er begeistert Menschen und ruft in seine Nachfolge (siehe die Berufung der ersten Jünger 5,1-10); er interessiert sich für die Sünder, nicht für die Gerechten ("Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu rufen, nicht die Gerechten" 5,31f.); er korrigiert die traditionelle Auslegung des Gesetzes und macht damit die Gesetzestreuen wütend (nach der Heilung eines Mannes am Sabbat: "Da wurden sie von sinnloser Wut erfüllt und berieten, was sie gegen Jesus unternehmen könnten" 6,11); sogar Tote erweckt er zum Leben (den Jüngling von Nain 7,11-17; und die Tochter des Jairus 8,49-56); er hat Macht über Wind und Wellen ("Was ist das für ein Mensch, dass sogar die Winde und das Wasser seinem Befehl gehorchen?" 8,22-25); er speist Tausende von Menschen (9,12-17). Das alles hat Lukas bereits über Jesus gesagt. Und nun die Verklärung. Welche Klärung liegt Lukas am Herzen?

    Lukas will den Leitern der späteren Gemeinden klar machen, dass Jesus auf dem Boden der großen jüdischen Tradition steht; denn er redet mit Mose und Elia (9,31f.), die zu den großen Lichtgestalten der Vergangenheit gehören. Und Lukas will klar machen, dass Jesus mit seinem Reden und Tun in Einklang steht mit dem verborgenen Judengott Jahwe, der sagt: "Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören" (9,35). Doch Petrus und seine Begleiter sind eingeschlafen, und vielleicht deshalb haben sie später nichts erzählt. Nur einen winzigen Augenblick sind sie wach und sehen Glanz und Gloria und wollen dann gleich Hütten bauen. Verstanden haben sie wahrscheinlich gar nichts. Denn als die Wolke über sie kommt und ihren Schatten auf sie wirft, bekommen sie Angst. - Die Wolke mit ihrem Schatten lässt nämlich die Wirklichkeit wieder bewusst werden: Jesus muss sterben: gewaltsam und ungerecht, bevor er der Herrlichkeit teilhaftig werden kann.

    Vielleicht ist die Verklärung Jesu eine Vision oder eine literarisch erdachte Erfahrung, deren Sinn der gleiche ist wie etwa die Leidensvorhersage Jesu nur wenige Verse vorher: "Der Menschensohn muss Vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und Schriftgelehrten verworfen werden; er wird getötet werden, aber am dritten Tag wird er auferstehen" (9,22). Das soll die Gemeinden in den frühen Jahren trösten und ermutigen, als sie den Verfolgungen ausgesetzt sind und Spott und Erniedrigung über sich ergehen lassen müssen. Jesus soll da das große Vorbild sein.

    Was mag sich Lukas dabei gedacht haben, wenn er schreibt, dass die späteren Kirchenoberen Petrus, Johannes und Jakobus diese Offenbarung verschlafen haben? Soll das eine versteckte Kritik an theologischen Einstellungen führender Gemeindeleiter sein? Zum Glück wissen Matthäus und Markus von diesem Schlaf nichts. Wir halten fest: Das Evangelium verspricht uns nicht den Himmel auf Erden - auch Jesus selber nicht - , sondern prophezeit Not, Verfolgung und Tod mit Hoffnung auf Auferstehung oder Verherrlichung. Das macht es leichter, den Kreuzweg des Lebens anzunehmen, ohne die Freude am Leben zu verlieren.

    Amen.



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    Lk 10,1-2: Sende Arbeiter in deine Ernte! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    "Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden" (10,2). Das Bild weckt Vorstellungen an polnische Spargelstecher, Tomaten- und Erdbeerpflücker oder an polnische oder rumänische Kranken- und Altenpflegerinnen, die zu Dumpingpreisen demenzkranke Alte rundum versorgen. Natürlich ist das nicht gemeint. Gemeint ist mit diesem Bildwort vielmehr die Arbeit, Jesus und das von ihm gepredigte Reich Gottes bekannt zu machen. Die Menschen warten darauf, wie die Erntefrüchte darauf warten, geerntet zu werden. Die Kirchen beanspruchen dieses Werben für das Reich Gottes als ihre ureigenste Aufgabe. Die Erntehelfer sind dann die Priester, von denen es viel zu wenige gibt. Darum "bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden". Und so beten die Gläubigen in Gebetskreisen, ganze Gemeinden und Klöster um Priesternachwuchs - doch mit wenig Erfolg. Der Priestermangel wird immer größer. Und auch das mit den Menschen, die darauf warten, als Ernte ins Reich Gottes eingebracht zu werden, scheint heute nicht mehr zu stimmen; eher das Gegenteil ist der Fall. Was läuft eigentlich verkehrt? - Drei Einschätzungen zu diesem sehr komplexen Thema:

    1. Der Priestermangel und der Mangel an Gläubigen bedingen sich gegenseitig.

    Vor Jahren, als der Priestermangel deutlich spürbar wurde, war die Diagnose der Bischöfe eindeutig: die Familien sind schuld. Sie beten zu wenig, sie vermitteln den Glauben nicht mehr an ihre Kinder, sie sind selber ungläubig, kommen nicht mehr in die Kirche, sind zu materiell eingestellt und sind nur auf Vergnügen aus. Eine ganze Palette von Vorwürfen, die zugleich verhindern, über den kirchlichen Eigenanteil dieser Entwicklung nachzudenken. Denn dass die Familien geworden sind, wie sie sind, das hat bei noch relativ hohem Personalbestand in den Kirchengemeinden stattgefunden. Dass vielleicht auch Seelsorger oder seelsorgliche Konzepte diese Entwicklung begünstigt haben, darüber wurde nie geredet - zumindest nicht laut.

    Inzwischen gehen der Kirche nicht nur die Seelsorger, sondern auch das Geld aus. Und jetzt wird gespart, was das Zeug hält. Die kleinen Gemeinden haben schon lange keinen Priester mehr, die großen werden auf Sparflamme versorgt. Kirche ist dabei, gesellschaftlich immer unbedeutender zu werden. Und wo keine Sendboten mehr ausgeschickt werden, kann auch keine Ernte eingebracht werden. Die Konzepte der Vergangenheit sind gescheitert: die ausschließlich männliche Klerikerkirche, die sich selbst feiert und den Laien nur zur Erhöhung der Feierlichkeit braucht, ist praktisch am Ende. Es ist an der Zeit, eine ehrliche und kritische Bestandsaufnahme zu machen, wo keiner verteufelt, aber auch nichts beschönigt wird. Zwar ist in letzter Zeit oft von einer neu erwachenden Religiosität gesprochen worden, doch ist bisher nicht erkennbar, dass die Kirche das neue Bedürfnis nach Religion an sich binden kann.

    2. Das Reich Gottes hat im 3. Jahrtausend ein anderes Gesicht als im 1. Jahrtausend.

    Kirche kann keine starre Größe sein, die durch alle Jahrhunderte und Jahrtausende gleich bleibt. Kirche muss immer sein: Kirche für die betreffende Zeit. Und deshalb darf und muss sie sich mitprägen lassen von gesellschaftlichen Entwicklungen und auch vom wissenschaftlichen Fortschritt. Sie kann die Augen nicht verschließen vor Wandlungen des Menschenbildes, vor der Gleichberechtigung von Mann und Frau, vor den freiheitlich demokratischen Entwicklungen bei den Völkern dieser Erde. Es hat Zeiten gegeben, da hat die Kirche diese Entwicklungen sogar maßgeblich mitgestaltet, vor allem die Anfänge der Naturwissenschaften. Doch dann gab es Konflikte, und die Kirche isolierte sich vom Zeitgeschehen und konservierte sich selbst: ihre Strukturen, ihre Lehren, ihre Sicht der Welt und des Menschen. Das aber ist nicht gut, wenn sie die Menschen, die nun mal den Fortschritt vorantreiben, auf Dauer begleiten will. Was zum Beispiel in den ersten Jahrhunderten in der Kirche an Strukturen gewachsen ist, das kann zu Beginn des 3. Jahrtausends nicht tabu sein. Dasselbe gilt für die Sprache unseres Glaubens, die Dogmatik. Sie muss den heutigen Menschen im Blick haben mit seinen Fragen, mit seinem naturwissenschaftlichen Vorverständnis, mit seinen spezifischen Problemen. Der heutige Mensch hat seine Antennen anders ausgerichtet als die vor 2000 Jahren, und auf diesen Frequenzen muss Verkündigung heute gesendet werden, wenn sie ankommen soll. Wir kennen in profanen Gesellschaften die Gewaltenteilung und halten das für richtig, damit Gemeinwesen menschlich funktioniert. Doch das ist an der Kirche vorbeigegangen. In der Gesellschaft wird Macht auf Zeit vergeben und muss immer neu legitimiert werden, vor allem muss sie kontrolliert werden. Alles das ist der Kirche fremd. Doch die Menschen haben heute für solche archaischen Gesellschaftsstrukturen kein Verständnis. Die Strukturen sollen helfen, dass die eigentliche Botschaft von Jesus und dem Reich Gottes ankommen. Strukturen sind nie Selbstzweck.

    3. Die Bewältigung der Krise verlangt ein radikales Umdenken.

    Wenn man sich mal von der Fessel der Unveränderbarkeit der Kirche frei macht, dann ist natürlich alles möglich. Dann ist eine Kirchenstruktur denkbar, wo die Führungsämter nicht nach dem Geschlecht, also männlich oder weiblich, vergeben werden, auch nicht nach dem Stand, also verheiratet oder unverheiratet, sondern allein nach Kriterien der Qualifikation. Das täte der Kirche gut. Dann wäre es auch denkbar, dass Jugend eine größere Rolle spielt als bisher. Bisher ist Jugendarbeit weitgehend Betreuung auf der Spielwiese  wenn die Spielwiese nicht ohnehin wegen Personalmangels geschlossen ist, also gar nicht stattfindet. Viele Jugendliche sind heute so aufgeschlossen, begeisterungsfähig und begabt, dass sie gut und gerne Impulse in "ihre" Kirche der Zukunft einbringen könnten. Es wäre auch denkbar, dass Laien in der Kirche an Entscheidungsprozessen gleichberechtigt teilnehmen und auch im Gemeindeleben viel mehr Verantwortung übertragen bekommen. Weiter könnte ich mir vorstellen, dass die Liturgie lebensnäher gestaltet würde, dass antiquierte Vorstellungen aufgegeben würden, dafür heutige Erfahrungsbilder eingebracht und die Sprache grundlegend neu überdacht würde. Liturgie muss allen Spaß machen und nicht nur denen, die auch sonst gern ins Museum gehen. Was ich auch für unverzichtbar halte, ist, dass die christlichen Konfessionen nun endlich ihre gegenseitigen Abgrenzungen aufgeben und gemeinsam Zeugnis ablegen für das, was ihnen wichtig ist. Als wenn Jesus auch nur im Entferntesten die Spitzfindigkeiten gutheißen würde, an denen die Kirchen heute ihre Trennung festmachen. - Ich will es bei diesen Beispielen belassen.

    Der Priestermangel ist keine Erscheinung, die man isoliert betrachten kann, er ist Teil eines mangelhaften Erscheinungsbildes unserer heutigen Kirche. Das II. Vatikanische Konzil, von Papst Johannes XXIII. einberufen, hatte Impulse gegeben, um die Kirche fit für die Zukunft zu machen. Diese Impulse sind nicht wirklich aufgenommen worden. Das II. Vatikanum hat Weichen gestellt, die nachher nicht befahren worden sind. Heute droht die Zeit über uns hinweg zu gehen und die Kirche zu einer bedeutungslosen Sekte werden zu lassen - wenn nicht bald ein radikales Umdenken erfolgt.

    Amen.



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    Lk 10,25-37: Wer ist mein Nächster? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Evangelium vom barmherzigen Samaritaner ist so anschaulich, so eindeutig, dass es sich eigentlich erübrigt, darüber viele Worte zu verlieren. Die Aufforderung am Ende "Geh und handle genau so!" schließt eine Fehlinterpretation aus. Daher nur ein paar Bemerkungen zur Aktualität dieses Themas für unser kirchliches und privates Handeln.

    1. Priester und Levit, die vorübergehen, sind Vertreter der jüdischenReligion - Religionsprofis gewissermaßen. Der Samaritaner dagegen ist einer, der keine Religionskompetenz hat. Er gilt als Ungläubiger. Ausgerechnet er bleibt stehen und hilft. Unseren Ohren wäre natürlich viel sympathischer, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre: wenn Priester und Levit geholfen hätten und der Ungläubige nicht; denn das entspräche eher unserer Art zu denken, weil wir Religion für so wichtig halten für die Hinwendung zum Nächsten. (Ist das nicht ein gängiges Argument für die Kindertaufe, dass aus dem Kind dann ein besserer Mensch wird, wenn es getauft ist als wenn es ungetauft aufwächst?) Die biblische Geschichte bestätigt unsere Denkweise jedenfalls nicht. Im Gegenteil. Es kann einer das ganze Gesetz kennen - oder sagen wir die Religion. Er kann darin sogar promoviert haben und in der Gemeinschaft ein hohes Amt bekleiden, doch ist er damit noch kein sittlich handelnder Mensch. Die Geschichte schreibt uns Priestern ins Gewissen: verachte den Ungläubigen nicht; denn du kannst selber vielleicht von ihm lernen! Vielmehr sieh du zu, dass deine geglaubte Lehre mit deiner gelebten Praxis übereinstimmt!

    2. Religiöse Menschen sind oft versucht, nur der eigenen Sippe zu helfen oder den Schwestern und Brüdern der eigenen Glaubensgemeinschaft. Dafür gibt es im Alten Testament zahlreiche Beispiele, in der Geschichte der Kirche übrigens ähnlich. Die Liebe hört da auf, wo jemand religiös nicht dem eigenen Kreis angehört oder sich sogar als ungläubig bezeichnet. Jesus bricht diese Beschränkungen auf. Der Nächste, dem zu helfen ist, definiert sich von der Not her, nicht von der Nähe zur eigenen Weltanschauung.

    Zu diesen gern gemachten Beschränkungen gibt es ein aktuelles Beispiel: Sie kennen die Worte der Wandlung in der Messe. Da heißt es: "das ist mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden". Im alten, vorkonziliaren lateinischen Messtext hieß es "pro multis, d.h. für die Vielen vergossen". "Für alle" oder "für die Vielen" ist ein Unterschied. "Alle" schließt niemanden aus, "die Vielen" hat aber Vorbehalte, meint, dass Christi Blut eben nicht für alle zur Vergebung der Sünden vergossen wird. Die Konzilsväter waren damals der Meinung, dass mit den Vielen eben alle Menschen gemeint seien. Und darum hat man den Text der Wandlung auch so formuliert. Inzwischen darf der alte lateinische Text wieder verwendet werden, und im deutschen Text soll auch diese beschränkende Formulierung "für die Vielen" wieder eingeführt werden. Unser Papst - selber nicht mehr neu - hat eben eine Vorliebe für das ganz Alte. Und so haben wir wieder ein bisschen mehr Heilsegoismus verankert. Auf demselben Hintergrund muss man die neueste römische Verlautbarung sehen, dass Protestanten nicht im eigentlichen Sinne Kirche wären.

    3. Und wo wir schon einmal bei den ökumenisch relevanten Fragen sind: vielleicht will Jesus mit dieser Erzählung den zerstrittenen Christen zeigen, was eigentlich die Einheit unter den Menschen ausmacht: es ist die größere Liebe, die größere Menschlichkeit und nicht die spitzfindigere Lehre. Und nun ziehen sie selber daraus die notwendigen Konsequenzen!

    Amen.


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    Lk 14, 1.7-14: Seid bescheiden und großzügig zugleich! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Evangelium, das wir soeben gehört haben, ist deutlich zweigeteilt. Im ersten Teil mahnt Jesus: Gäste, die zu einer Hochzeit eingeladen sind, sollen nicht gleich die besten, die ersten Plätze einnehmen, sondern die letzten. Der Gastgeber könne dann immer noch sagen: Rücke auf! Dem bescheidenen Gast würde das zur Ehre gereichen. Jesus hatte nämlich beobachtet, wie die Gäste bei einem Essen, gleich die Ehrenplätze einnahmen. Was Jesus anmahnt, ist gewissermaßen eine Regel des guten Benimms bei Tisch. So etwas wird auch heute noch Kindern vermittelt in Familien, wo Wert auf Etikette gelegt wird. - Natürlich geht es Jesus nicht um Tischsitten, sondern er nimmt das schlechte Vorbild zum Anlass, um schlicht Bescheidenheit anzumahnen, die dann irgendwann belohnt werden oder sich auszahlen könnte. Bescheidenheit ist eine christliche Grundhaltung, übrigens nicht von Jesus erfunden, sondern in der ganzen Heiligen Schrift bezeugt. So etwa in den Seligpreisungen der Bergpredigt oder im Magnificat ("Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen; die Hungrigen beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen"). Im Alten Testament gibt es ähnliche Aussagen.

    Im zweiten Teil ändert Jesus den Adressaten seiner Rede, er spricht den Gastgeber an. Offensichtlich war es schon damals so, wie es noch heute üblich ist: wer zum Essen einlädt, erwartet eine Gegeneinladung, und wer eingeladen worden ist, fühlt sich verpflichtet, ebenfalls wieder einzuladen. So wird der Kreis schön konstant gehalten und man bleibt unter sich. Jesus dagegen fordert den Gastgeber auf, an Stelle der üblichen Gäste (Freunde, Verwandte, reiche Nachbarn) lieber Arme, Krüppel, Lahme und Blinde einzuladen. Die sind zwar nicht in der Lage, eine Gegeneinladung zu machen, aber der Gastgeber wird für diese Geste am Ende der Tage belohnt werden. Oder - wer das Bild von der ewigen Vergeltung nicht mag, dem soll es genügen, dass die letztere Einladungspraxis okay ist. - Wenn man die in den beiden Abschnitten von Jesus eingeforderten Haltungen auf einen kurzen Nenner bringen will, dann könnte man zusammenfassend sagen: Seid bescheiden und seid großzügig zugleich!

    Bis jetzt habe ich die Worte des Evangeliums mehr oder weniger nacherzählt und dabei präzisiert. Das ist noch keine Auslegung, keine Aktualisierung für unsere Lebenszusammenhänge heute. Gewöhnlich geschieht das, indem der große Lebensentwurf Jesu dann in kleine Münze gewechselt wird und dem treuen Kirchenbesucher ein schlechtes Gewissen eingeredet wird. Sie wissen längst, dass das nicht meine Art zu predigen ist. Für mich ist vielmehr die Frage, ob die Kirche insgesamt als konstitutive gesellschaftliche Größe den Willen Jesu klar lehrt und glaubwürdig lebt. Immerhin beansprucht die oberste Leitung der Kirche, in allen Fragen des Glaubens und der Sitte unfehlbar zu sein. Dazu nun einige Beispiele, die zu denken geben.

    1. Beispiel. Jesus sagt uns allen, die wir eingeladen sind ins Reich Gottes:
    Setz dich auf den letzten Platz! Und was tun wir? Wir bezeichnen unsere heilige, katholische Kirche als die einzig wahre und setzen uns damit auf den ersten Platz. Und um allen klar zu machen, dass wir und nur wir Katholiken dahin gehören, bezeichnen wir alle anderen Christen als "nicht im eigentlichen Sinne Kirche". Damit verweisen wir sie auf die vorletzten Plätze - als wären sie Christen zweiter Klasse. Ich empfinde das als arrogant, und nicht nur ich. - Als neulich der Dalai Lama in Hamburg zu einem buddhistischen Kongress erschien, haben ihn Tausende begeistert gefeiert und seiner Botschaft gelauscht. Als dann noch die Presse von einer Umfrage berichtete, dass der Dalai Lama in der deutschen Bevölkerung beliebter sei als der Papst, wurden in den Ordinariaten die besten Hoftheologen bemüht, gegen diese Überbewertung des buddhistischen Vertreters zu schreiben. Die Angst ging um, der erste Platz sei in Gefahr.

    2. Beispiel. Jesus sagt uns allen, wir sollen großzügig sein und mit
    unseren Einladungen nicht unter uns bleiben. Und was machen wir? Wir halten uns bei der Eucharistiefeier alle auf Abstand, die nicht katholisch sind. Nach dem Glauben wird nicht gefragt, nach dem inneren Bedürfnis und der geistlichen Bedürftigkeit wird nicht gefragt, einzig nach dem kirchenrechtlichen Status. Großzügig den Menschen gegenüber ist das nicht. Und Priester, die sich diesem Kleinglauben nicht unterordnen, sondern die Großzügigkeit Jesu praktizieren, werden suspendiert. - In diesem Zusammenhang darf man auch mal an die Posse erinnern, die letztlich durch die Presse ging. In einer Koblenzer Pfarrei wurde der Pfarrsaal für die Feier des 60. Geburtstages der evangelischen Ehefrau eines katholischen Pfarrangehörigen nicht vermietet, weil laut Satzung der Pfarrsaal nur an katholische Pfarrangehörige vermietet werden darf. Da hat die Großzügigkeit Jesu, die Arme, Krüppel, Lahme und Blinde einbindet, nicht Pate gestanden.

    Kirchliches Lehren und Handeln sind Ausweis dafür, wie wir Nachfolge Christi verstehen, sind Zeugnis in der Welt, nach dem wir beurteilt werden. Ebenso sind natürlich auch unsere eigene Bescheidenheit und Großzügigkeit im Umgang mit den Menschen Ausweis unserer christlichen Reife. Manche Praxis in der Kirche und auch in der einzelnen Kirchengemeinde und selbstverständlich auch in unserem privaten Handeln ist durch Jesu Wort und Geist nicht gedeckt.

    Amen.



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    Lk 15, 1-3. 11-32: Die ärgerliche Liebe des Vaters Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Evangelium ist uns seit Kindestagen bekannt als das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Es ist uns so vertraut und geläufig, dass wir die Problematik der Liebe und Barmherzigkeit des Vaters gar nicht mehr wahrnehmen. Und meist wird das Ärgernis, das der ältere Sohn nimmt, ganz ausgeblendet.

    Was sagt das Gleichnis?
    Am Anfang steht der Wahnsinn des jüngeren Sohnes. Er fordert vom Vater das Geld, was ihm angeblich zusteht, und zieht in die Welt. Er vergeudet das Geld wie auch immer bis nichts mehr da ist. Dann denkt er an den Vater, bei dem es die Tagelöhner viel besser haben als er, der Sohn in der Fremde. Nicht die Einsicht in seine Schuld lässt ihn umkehren, sondern die Aussicht auf ein besseres Leben daheim. Gewissermaßen als Türöffner soll der Satz dienen: "Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner." Ein Schlitzohr ohne gleichen.

    Doch in grenzenloser Liebe geht der Vater dem Sohn entgegen, umarmt und küsst ihn, und erst dann sagt der Sohn seinen Spruch auf, den er sich vorher zurecht gelegt hat. Doch der Vater will keine Erklärung, keine Entschuldigung. In der Freude über die Heimkehr seines Sohnes lässt er gleich ein großes Fest vorbereiten. Alles Frühere ist vergeben und vergessen.

    Der ältere Sohn, der von der Feldarbeit heimkommt und sieht, was sich da abspielt, ärgert sich maßlos. Hatte er jemals für seine Treue, seinen Fleiß, für seine Beständigkeit und Pflichterfüllung ein Fest ausgerichtet bekommen? Der Vorwurf trifft: "Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet."

    Schön an der Geschichte ist, dass der, der sich im Leben verfehlt hat, nicht für immer verstoßen wird, sondern bei Gott (und so soll es ja auch unter den Menschen sein) eine Chance behält.

    Eine ärgerliche Praxis in der Kirche
    Eine ganz andere Färbung erhält diese Geschichte jedoch, wenn man mit ihr die frühere kirchliche Praxis rechtfertigen will in Sachen Kindesmissbrauch durch Priester oder andere kirchliche Bedienstete. Praxis war, dass die Täter, wenn sie einsichtig waren, relativ glimpflich davon kamen. Sie wurden versetzt, die Tat wurde totgeschwiegen und damit der Verfolgung durch die Justizbehörden entzogen. Noch schlimmer: die Opfer wurden unter Androhung der Exkommunikation dazu verpflichtet, auf immer über das Geschehene zu schweigen.

    Ist diese Praxis durch das Gleichnis vom barmherzigen Vater gedeckt? Keineswegs! Denn in dieser Geschichte gibt es eigentlich kein Opfer, und darum wird die Frage nach dem Opfer im Gleichnis auch nicht verhandelt. Aber zwei Kapitel weiter findet Lukas im Hinblick auf Kindesmissbrauch sehr deutliche Worte: "Es ist unvermeidlich, dass Verführungen kommen. Aber wehe dem, der sie verschuldet. Es wäre besser für ihn, man würde ihn mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer werfen, als dass er einen von diesen Kleinen verführt. Seht euch vor!" (17,1-3a). Das sind harte Worte. Sie zeigen, wie wichtig Jesus der Schutz der Kinder ist.

    Im Nachhinein müssen wir feststellen, dass die kirchliche Praxis in Sachen Kindesmissbrauch falsch, ja fatal war. Hier hat die Kirche schwere Schuld auf sich geladen, nicht nur durch ihre Täter, sondern auch durch die Obrigkeiten im Umgang mit Tätern und Opfern. Hier gibt es vieles aufzuarbeiten und wieder gutzumachen. Wir haben allen Grund, jenen Kräften innerhalb und außerhalb der Kirche dankbar zu sein, die durch ihren Druck auf die Hierarchie dazu beigetragen haben, dass jetzt endlich ein Sinneswandel eingetreten ist. Der Schutz der Opfer muss höher stehen als der allzu gnädige Umgang mit den Tätern. Die müssen zur Rechenschaft gezogen werden für das, was sie getan haben; und die Opfer haben ein Recht auf Hilfe in ihrer psychischen Beschädigung wie auch ein Recht auf Wiedergutmachung.

    Auf das Gleichnis vom barmherzigen Vater bezogen darf man wohl feststellen: so Unrecht hat der ältere Sohn nicht, wenn er dem Fest der Versöhnung fern bleibt. Es ist immer schwer, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zusammen zu bringen. Und doch gehören sie zusammen: für die Kirche und genau so für die Gesellschaft, die human sein will.

    Amen.



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    Lk 16, 19-31: Reichtum verpflichtet Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Unter den Evangelisten ist Lukas der große Geschichtenerzähler. Natürlich erzählt er so, wie man damals die Welt und das Jenseits verstand. Das wird auch in der Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus deutlich. Einige Beispiele sollen zeigen, was ich meine.

    Beispiele antiquierter Vorstellungen.
    Zum Beispiel ist es eine selbstverständliche Überzeugung in der damaligen Zeit, dass es nach dem Tod eine ewige Vergeltung gibt. Diese Vorstellung teilen heute nicht mehr alle Gläubigen. - Zum Beispiel ist von einer Unterwelt bzw. Hölle die Rede, wo Feuer vermutet wird. Der Reiche leidet Feuerqualen, während der arme Lazarus von Engeln in den Schoß Abrahams getragen wird. Lazarus wird übrigens nicht wegen guter Werke belohnt, sondern allein wegen seiner Armut und Verachtung. - Zum Beispiel findet eine Zwiesprache zwischen dem reichen Mann und Abraham statt, als würde sie im Hier und Heute stattfinden. Die Jahrhunderte, die dazwischen liegen, spielen offensichtlich keine Rolle.

    Solche Ungereimtheiten dürfen uns nicht den Blick verstellen für die eigentliche Botschaft, die Lukas mitteilen will. Dennoch ist es nicht ganz leicht festzulegen, was denn die beabsichtigte Aussage ist. Zwei Dinge können wir ausschließen: die Geschichte ist keine Trostbotschaft für Arme, die auf die Ewigkeit vertröstet werden sollen. Und es ist auch keine Drohbotschaft für Reiche schlechthin. Denn Reichtum ist nichts Böses. Er kann - wie die Geschichte zeigt - zu einem verfehlten Leben führen, kann aber auch eine große Chance sein. Letzteres hat Lukas übrigens in seiner Erzählung vom barmherzigen Samariter gezeigt.

    Die eigentliche Botschaft
    Die eigentliche Botschaft dieses Textes lautet etwa so: Der Reiche hat immer eine soziale Verantwortung dem Armen gegenüber. Man kann es auch kürzer ausdrücken: Reichtum verpflichtet.

    Wenn dieser Aspekt der entscheidende ist, dann hat ihn Lukas in eine spannende Geschichte verpackt, eben auch mit den zeitbedingten Vorstellungen von der ewigen Vergeltung, den Dialogen im Jenseits und all den Dingen, die wir heute nicht mehr so nachvollziehen können. Lukas will seine Hörer bzw. Leser fesseln, er will sie wachrütteln und sie zur Sinnesänderung führen. Gerade Lukas verliert die Armen nie aus dem Auge. Immer wieder greift er das ewig aktuelle Problem von Arm und Reich auf und appelliert an die Verantwortung der Reichen für die Armen.

    Spätestens an dieser Stelle merken wir auch selber, was wir falsch machen; denn die Mehrzahl der hiesigen Christen sind Reiche und nicht Arme. Wir unterscheiden uns eher im Grad des Reichtums denn als Reiche und Arme. Und wenn wir uns mal selber kritisch beobachten, wie wir mit unserem Reichtum umgehen, dann ist das manchmal beschämend. Ständig können wir uns dabei ertappen, wie einer vor dem Anderen mehr zu haben vorgibt als er in Wirklichkeit hat. Es ist wohl die ständige Versuchung des Reichtums, mit ihm zu protzen, anzugeben und andere zu erniedrigen. Der Reiche braucht anscheinend den Neid der Anderen.

    Eine christliche Botschaft?
    Was Lukas da erzählt, ist das eigentlich eine christliche Botschaft? Auf jeden Fall beruft er sich nicht auf ein Wort oder auf eine Anweisung Jesu. Die Geschichte scheint übrigens viele hundert Jahre älter zu sein als das Christentum, sie stammt wahrscheinlich aus Ägypten. Trotzdem greift Lukas sie auf, um den Geist Jesu zu aktualisieren. Es ist wohl eine Spezialität des Lukas, in Alltagssituationen aufzuzeigen, wie verantwortungsvolles Handeln aussieht. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist das große Vorbild (weit größer als die Priester und die Leviten) der einfache Mann aus Samarien, dessen Glaube von den Juden sogar als Irrglaube disqualifiziert wird.

    Vielleicht will Lukas auch sagen, dass eigentlich jeder weiß, was sich gehört, wenn er nur auf die innere Stimme des Guten hört. In einer Multi-Kulti-Gesellschaft, wie wir sie heute hier erleben, werden wir uns ohnehin auf gemeinsame Normen und ethische Standards einigen müssen, um überhaupt zusammen leben zu können. Da wird es uns nicht gelingen, ständig auf die Normen christlicher Moral zu verweisen, um die Anderen auf Vordermann zu bringen. Eigentlich zeigt Lukas, dass das möglich ist. Man muss nur das Gute wahrnehmen und anerkennen, was Menschen anderen Glaubens oder anderer Weltanschauungen tun. Der theoretische Glaube allein macht noch keinen zu einem guten Menschen.

    Amen.


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    Lk 17, 5-17: Herr, stärke unseren Glauben! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der heutige Evangelientext ist deutlich zweigeteilt: da ist zunächst die Bitte der Apostel an Jesus: Stärke unseren Glauben! (V.5 und 6). Dann folgt die Rede vom unnützen Sklaven (V. 7-10). Beide Texte bilden in sich eine Einheit, sind aber nicht innerlich miteinander verbunden. Es handelt sich um Sinnsprüche ohne Angaben von Ort, Zeit und Umständen der Entstehung. Daher will ich zu den beiden Sprüchen einige kurze Anmerkungen machen, die mir beim Lesen in den Sinn gekommen sind.

    1. Stärke unseren Glauben!
    Diese Bitte scheint zu allen Zeiten aktuell gewesen zu sein, selbst zu neutestamentlichen Zeiten schon. Wie gesagt, ein besonderer Anlass wird nicht erwähnt, warum die Apostel um die Stärkung ihres Glaubens bitten. Aber sie werden ihre Gründe dafür gehabt haben. Umso mehr mögen wir darüber nachdenken, warum diese Bitte heute wohl sinnvoll ist.

    Wenn ich die Zeichen der Zeit richtig deute, sind in den letzten fünfzig Jahren die Menschen nicht ungläubiger geworden, aber sie haben große Probleme mit der Kirche. Nach einem euphorischen Aufbruch der Kirche in die Moderne durch das II. Vatikanische Konzil, das Papst Johannes XXIII. einberufen hatte, kamen schon bald die mehr oder weniger ängstlichen Bedenkenträger auf den Stuhl Petri. Die Weichen, die das Konzil gestellt hatte, wurden nicht befahren, die lang ersehnten Freiheiten für Theologie und Pastoral wurden wieder reglementiert. Die Konservativen stoppten die ökumenische Arbeit, der Reformstau nahm insgesamt zu.

    Das gegenwärtige Bild der Kirche ist traurig. Viele Menschen haben sich von der Kirche abgewandt - selten aus Unglauben, die meisten aus Enttäuschung. Reformunwillig, wie die Kirche sich gibt, versucht man sich auf konservative Weise gesund zu schrumpfen. Das Ergebnis ist ein Desaster: Gemeinden werden zusammengelegt oder platt gemacht, personale Seelsorge wird immer seltener, Ansprüche von Seiten der Gemeinden werden in Schranken gewiesen. Die Verkündigung hat Fast-Food-Charakter; denn das Internet bietet Predigten light. Dabei würde die Zulassung von verheirateten Männern und Frauen ins Priesteramt die schlimmste Not beheben. Hinzu kommen die Missbrauchsfälle, die in den letzten Monaten aufgedeckt wurden. Sie liegen teils Jahrzehnte zurück. Aber sie belasten die Kirche sehr.

    Da hab ich selber schon manchmal gebetet: Herr, stärke meinen Glauben! Und so ähnlich geht es wohl vielen.

    2. Die Rede vom unnützen Knecht
    Das aufgeklärte Menschenbild des 21. Jahrhunderts und unser - auch christlich begründetes - soziales Empfinden verbietet es eigentlich, heute noch vom unnützen Sklaven zu sprechen, egal in welchem Zusammenhang. Wenn ich dieser Rede heute dennoch einen Sinn unterlegen will, kann ich es nur aus dem Selbstverständnis Jesu herleiten. Dann ist Jesus derjenige, der den Menschen dient, ohne daran zu verdienen. Er wäscht den Aposteln nicht den Kopf, sondern die Füße. Und diese Haltung erwartet er auch von denen, die in seine Nachfolge treten. Sein wie Jesus, heißt dann das Motto. Unnütz würde ich das allerdings nicht nennen.

    Manchmal muss man eben auch die Sprache der Bibel und die Bilder, die sie gebraucht, zurechtrücken. Denn die Zeiten ändern sich, und die altertümliche Redeweise bedarf der Korrektur, damit die Frohbotschaft auch heute noch als frohe rüberkommt.

    Amen.




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    Lk 18, 1-8: Betet allezeit! - aber wie? Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Lassen Sie mich den Evangelientext noch einmal kurz rekapitulieren. Am Anfang steht die allgemein gehaltene Aufforderung Jesu an seine Jünger, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollen. - Dann folgt eine Geschichte, die man als Kurzkatechese über das Bittgebet bezeichnen könnte. Eine Witwe fordert von einem Richter immer wieder: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind! Der Richter denkt gar nicht daran; denn er wird als gottlos und rücksichtslos gegen Menschen geschildert. Allein die Nachdrücklichkeit und Frechheit der Frau erweicht den Richter zu handeln, damit er endlich seine Ruhe kriegt. So ähnlich versteht Lukas das Bittgebet. Man muss Gott nerven, damit er tut, was wir erbitten. - Kein Wunder, dass an diese Kurzkatechese die skeptische Frage angehängt wird: Wird der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben finden?

    Traditionelles Gebetsverständnis
    In der Tat wird heute noch Bittgebet weitgehend so verstanden. Das läuft genau nach dem Muster ab, wie es der Evangelientext vorgibt: Man muss nur eindringlich genug und anhaltend beten, dann greift Gott, der ja allmächtig ist, in unser Tagesgeschehen ein und erhört eben unsere Bitten. Und Gott, der nicht nur allmächtig ist sondern auch gut, lässt sich von unserem frommen Gebet schneller zum Handeln bewegen als der miese Richter von der Witwe in der Geschichte.

    Sie werden zu Recht sagen: So einfach ist das nicht mit dem Gebet. Denn dass ein Gebet nicht erhört wird, stellt sich öfter ein als die Erhörung eines Gebetes. Und - Hand aufs Herz - was Sie als Gebetserhörung betrachten, das können Sie für sich glauben, beweisen können Sie das anderen nicht.

    Manche Fromme sagen allerdings, man müsse wie im Vaterunser vorgegeben beten: "Herr, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden." Gemeint ist also, man müsse das, was geschieht, annehmen und darin den Willen Gottes sehen. Wer so argumentiert gibt natürlich von vorneherein auf, das Eingreifen Gottes durch das Gebet zu lenken. Wer aber sowieso nimmt, was kommt, ohne eigene Wünsche anzumelden, hat im Grunde das Bittgebet schon aufgegeben. (Das entspricht dann in etwa dem kölschen Grundsatz: "Et is wie et is. Et kütt wie et kütt. Un et hätt noh immer god gegange." )

    Einwände gegen das traditionelle Bittgebet
    Ich kenne ernsthafte Menschen, die der Kirche treu verbunden sind, die aber trotzdem ihre Schwierigkeiten haben mit dem Bittgebet. Die Vorstellung von einem Gott, der auf Grund einer Gebetsbitte das komplizierte Gefüge der Naturgesetze durchbricht um zu helfen oder zu strafen, ist ihnen längst nicht mehr nachvollziehbar. Die Naturwissenschaftler, die das Entstehen der Materie und des Alls erforschen, sagen heute, dass der Anfang des Alls allein durch die Existenz der Naturgesetze erklärt werden kann, und zwar ohne einen uranfänglichen Anstoß, also ohne einen sog. Schöpfungsakt. Und da soll ein Gebet alles aus den Angeln heben? Unwahrscheinlich!

    Verstehen Sie mich nicht falsch: ich will kein Prediger des Unglaubens sein und bin es nicht. Ich nehme nur die Schwierigkeiten wahr, die jene haben, die naturwissenschaftlich auf dem Laufenden sind. Die wollen ja auch keine Atheisten sein oder werden, sondern sie mahnen den Dialog mit ihrer Kirche an über Fragen, auf die die alten Antworten nicht mehr überzeugen. Wenn ich darauf sagen würde: "das muss man eben glauben" , dann käme das einer Dialogverweigerung gleich. Ich bin sogar davon überzeugt, dass auch dem Einen oder der Anderen von Ihnen solche Fragen nicht fremd sind. Sie haben sie möglicherweise aber verdrängt, weil die Konsequenzen unübersehbar werden könnten. Das in Kindertagen erlernte Glaubenswissen muss aber ab und zu einer Revision unterzogen werden. Oder um es in der Computersprache zu sagen: der Glaube braucht gelegentlich ein neues Update.

    Versuch einer Neuinterpretation des Bittgebetes
    Es ist nicht leicht, den Sinn des Gebetes zu erklären, ohne in das alte Muster zurück zu fallen. Natürlich ist es auch weiterhin sinnvoll und sogar notwendig zu beten, und an der Existenz Gottes wird nicht gerüttelt. Aber der Denkansatz ist ein anderer. Vielleicht sollten wir uns Gott nicht als ein übermächtiges Gegenüber vorstellen, sondern eher als den Ursprung der Liebe und die Fülle des Lebens, die uns innerlicher sind als wir uns selbst. Im Falle Jesu ist das genau definiert: er ist der Sohn Gottes, wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Jesus hat mit seiner Liebe Spuren Gottes in diese Welt gebracht; denn Liebe deutet immer auf die Anwesenheit Gottes hin. Wenn Gott mit seiner Liebe auch uns innerlich ist, dann wäre es unsere Aufgabe, die Spuren Gottes dahin zu bringen, wo Änderungen der Verhältnisse angesagt sind. Um das mal konkreter zu sagen: Wenn ich in der herkömmlichen Weise für die Genesung eines Kranken bete, dann mobilisiere ich Gott, appelliere an seine Verantwortung und verlange buchstäblich Unmögliches von ihm. Wenn ich aber selber als Träger der Liebe Gottes mich in der Pflicht sehe, Spuren dieser göttlichen Liebe zu legen, dann überlege ich, was ich dem Kranken Gutes tun kann. Man kann das in Abwandlung eines bekannten Sprichwortes auch so ausdrücken: "Hilf dem Kranken, so hilft ihm Gott!" Das ist Beten durch aktives Tun. Das schließt die Meditation nicht aus, auch nicht das Dankgebet oder den Lobpreis Gottes.

    Zum Schluss: Ich will Ihnen das Beten nicht schwer machen. Solange Sie mit dem herkömmlichen Bittgebet kein Problem haben, mögen Sie es weiter so praktizieren. Meine Überlegungen sind für die gedacht, denen die herkömmliche Form des Bittgebetes zum Problem geworden ist.

    Amen.



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    Lk 24,13-35: Emmauserfahrungen Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    An heiligen Stätten erschließt sich nur selten die Wahrheit des Glaubens. So war es jedenfalls bei den Emmausjüngern. Was sie in Jerusalem erfahren hatten, dem Zentrum ihres religiösen Glaubens, war eine einzige Katastrophe. Jesus, auf den sie ihre ganze Hoffnung gesetzt und von dem sie Heil und Erlösung erwartet hatten, war unter Spott und Hohn verurteilt, gekreuzigt und begraben worden. Und nun war schon der dritte Tag, seit das geschehen war. Enttäuscht ziehen sie von dannen. - So das Stimmungsbild, das Lukas vom Ostersonntag zeichnet. Auf diesem Hintergrund beschreibt der Evangelist dann, was die Osterhoffnung ausmacht. Dazu nun drei Gedanken:

    1. Nicht in Jerusalem, sondern auf dem Weg
    Nicht Jerusalem ist der Ort der Hoffnung, nicht der Tempel, nicht das Grab, sondern die Straße, die von dort wegführt. Sie erinnern sich sicher noch an die Botschaft der Osternacht, wo die beiden Marias zum Grab Jesu gehen und vom Engel dort erfahren: "Er ist nicht hier (Mt 28,6a)& ..er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn finden (V. 7b)." Wahrscheinlich würde heute ein Engel im Vatikan den Gott suchenden Pilgern etwas Ähnliches sagen. Die Glaubenszentralen der Weltreligionen tun sich allemal schwer, echte Gotteserfahrung zu vermitteln, eher das Gegenteil ist der Fall.

    Auf dem Weg ins heidnische Hinterland fernab vom Jerusalemer Tempelbetrieb machen die Jünger ihre Gotteserfahrung. Indem sie ihre Erlebnisse, ihre Zweifel, ihre Enttäuschungen und ihre Hoffnungen miteinander austauschen, ist Jesus einfach da, anwesend, mitten unter ihnen; er lebt, als wäre er nie gestorben. Sie teilen nicht nur ihre Erfahrungen miteinander, sondern auch das Brot, das tägliche, das zum Leben nötig ist. Und sie erkennen: nichts anderes hat Jesus getan. Sein Geist ist lebendig bei ihnen. - Auch heute kann man Gott erfahren: vielleicht weniger auf Papst-Events und kirchlichen Großveranstaltungen, als vielmehr im gegenseitigen Mitteilen der Sorgen und Enttäuschungen, im Teilen des Lebensnotwendigen, im Trösten und Ermutigen. Denn Jesus hat durch sein Wort und sein Tun in uns ein Kapital angelegt an Grundvertrauen auf Gottes unendliche Liebe. Und die trägt in guten wie in bösen Zeiten, selbst im Sterben und im Tod.

    2. Nicht mit den Augen, sondern mit dem Herzen
    Sicherlich hatten die Emmausjünger ursprünglich ganz andere Erwartungen gehabt. Sie wollten etwas sehen, vor allem als sie erfuhren, dass die Frauen das Grab leer vorgefunden hatten. Zwar war die Botschaft von der Auferstehung unglaublich (selbst die Apostel hielten sie für Geschwätz und glaubten den Frauen nicht vgl. Lk 24,11), aber vielleicht war ja doch was Wahres dran. Wie mag er aussehen, der Auferstandene? Solche Gedanken beflügeln die Fantasie. Später wird in der christlichen Kunst der Auferstandene tausendfach gemalt, geschnitzt, gegossen. Und er, den man nicht mit den Augen sehen kann, ziert die Altäre bis heute. Augen können so hungrig sein. Da wird schnell mal ein Gebot außer Kraft gesetzt. "Du sollst dir kein Gottesbild machen ... (Ex 20,4)." Und weil sie nichts zu sehen bekommen, sind die Emmausjünger so traurig.

    Auf dem Weg - weg vom Jerusalemer Tempelrummel - erfahren die Jünger dann doch noch, wie lebendig der Totgesagte in ihren Herzen ist. Gotteserfahrung ist Herzenssache!

    3. Nicht spektakuläres Wunder, sondern Liebe
    Was kann Religion eigentlich leisten? Nichts, was man messen könnte wie eine physikalische Größe. Religion ist auch nicht für spektakuläre Wunder zuständig. Das zeigt uns die Emmausgeschichte. Religion ist für das Herz zuständig - natürlich nicht im kardiologischen Sinn, sondern im theologischen. Religion ist dazu da, Gottes unendliche und letztlich unbegreifliche Liebe in uns wach zu halten. Nichts anderes hat Jesus getan. Diese Liebe ist ansteckend, sie ist anstiftend, sie allein verändert den Menschen zum Guten und damit auch die Welt. Die Liebe ist das Einzige, was den Tod überlebt. Von dieser Erfahrung erzählt die Emmausgeschichte. Und ich bin sicher, dass manch einer von uns seine eigene Emmausgeschichte erzählen könnte.

    Amen.



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    Lk 24, 35-48: Ihr sollt meine Zeugen sein! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der heute vorgetragene Evangelientext ist die Fortführung der Emmausgeschichte. Sie wurde schon am Ostermontag vorgelesen. Ich erinnere: Die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus waren Jesus begegnet, ohne dass sie ihn erkannten. Jesus aber hatte ihnen alle Ereignisse, die Ostern passiert waren, erklärt und auch die Schriftgemäßheit all dessen, was sie erlebt hatten. Beim Brotbrechen erkannten die zwei Jünger schließlich, dass es Jesus war, der mit ihnen gesprochen hatte. Dann gingen diese beiden zu den anderen Elf und erzählten ihnen, was sich auf dem Weg nach Emmaus zugetragen hatte. Damit beginnt das heutige Evangelium. Der plötzlich erscheinende Jesus wiederholt dann praktisch noch einmal, was er den beiden schon auf dem Weg nach Emmaus gesagt hatte. Der Sinn des heutigen Textes kann am besten aufgeschlüsselt werden vom letzten Vers her. Und der heißt: "Ihr sollt meine Zeugen sein!" Zeugen sind dafür da, dass die Wahrheit an den Tag kommt. - Dazu nun drei Gedanken:

    1. Welche Wahrheit soll bezeugt werden?
    Natürlich die Wahrheit, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Von den Toten auferstehen heißt aber nicht, in das alte Leben zurückkehren, so als wäre Jesus niemals gestorben. Die Erzählungen machen unmissverständlich deutlich, dass es sich um eine analoge Ausdrucksweise handelt. Jesus ist unter den Menschen lebendig, und doch ist er nicht mehr einer von ihnen. Jesus ist für seine Jünger unvergesslich, ja unsterblich geworden. Sie können nicht mehr so weiterleben, als hätten sie nie mit Jesus zu tun gehabt. Die Begegnung mit ihm hat die Jünger geprägt, und zwar für immer. Weil Jesu Lebensende so schrecklich war, bedarf seine neue Seinsweise eines besonders hoffnungsvollen Ausdrucks. Man hat sich für das Wort Auferstehung entschieden, wohl wissend, dass damit auch Missverständnisse verbunden sein können. Nicht die Rückkehr ins irdische Leben ist damit gemeint, sondern das Überleben beim himmlischen Vater. Davon sollen sie Zeugnis geben.

    Ich sehe das Zeugnis, zu dem wir gerufen sind, gern im Zusammenhang mit dem Vers 3,15 b aus dem 1. Petrusbrief, wo es heißt: "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt!" Die Hoffnung, die aus dem Glauben kommt, hat nichts zu tun mit einer Art Reinkarnation nach dem Tod, sondern mit dem Respekt vor und der Begeisterung für das Leben dieses Menschen aus Nazareth, der so stimmig und konsequent die Liebe gelebt hat ohne eine Gewinn- und Verlustrechnung aufzumachen. Von diesem unserem Respekt und dieser unserer Begeisterung sollen wir Zeugnis ablegen.

    2. Wie soll das Zeugnis aussehen?
    Das Zeugnis des Glaubens soll ganz selbstverständlich mit Worten, und zwar mit überzeugenden Worten artikuliert werden. Das erwartet man von einem Zeugen, dass er zu der Wahrheit steht, von der er überzeugt ist.

    Aber die Worte, die gesprochen werden, bedürfen auch der Taten, um glaubwürdig zu sein. Gemeint ist das Leben in der Nachfolge Jesu. Wenn das nämlich nicht stimmig ist, dann ist alles Reden dummes Geschwätz. Wie Jesus leben und wie Jesus sterben, das ist glaubwürdiges Zeugnis. Dazu sind wir berufen. - Die Wertmaßstäbe im persönlichen Leben müssen dieselben sein wie die, die Jesus in seinem Leben und Handeln bezeugt hat. Und da steht an erster Stelle die Hinwendung zu den Armen und Schwachen. Nicht Reichtum, nicht Ansehen, nicht Erfolg und nicht Macht sind Werte im Reiche Gottes, sondern allein die Liebe, die sich kümmert und sich ganz hingibt bis zum Äußersten, - im Falle Jesu heißt das: bis zum Tod.

    3. Kirche und Nachfolge Christi
    Unser Begriff von Kirche ist verengt, wenn wir darunter vorrangig den Papst die Bischöfe und Priester sehen. Die wenigsten von ihnen leben die aufopferungsvolle Liebe für die Armen beispielhaft vor. Es sind meist einfache Gläubige, die ohne großes Aufsehen helfen, sich engagieren und zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden. Sie sind die eigentlichen Sympathieträger der Kirche. Der Klerus dagegen ist für dieses gläubige Fußvolk da, um es zu inspirieren, zu motivieren und zu bestärken. Wenn er das versäumt, brauchen wir ihn nicht.

    Die Kirche steht in einem Umbruch. Das alte System von Oben und Unten funktioniert nicht mehr. Es funktioniert deshalb nicht, weil es nie den Normen des Christentums entsprochen hat. In jeder Krise steckt die Chance zu einem Neuanfang; zu einem Neuanfang, der anderes hervorbringt als was vorher gewesen ist. Man kann nur mit Spannung erwarten, ob diese Chance erkannt und wahrgenommen wird. - Und vergessen Sie eines nie: Sie sind die eigentlichen Sympathieträger der Kirche.

    Amen.



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    Joh 21,15ff: Weide meine Lämmer Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind, sagt man. Selbst heute im 21. Jahrhundert nach Christi Geburt bedarf es noch der Wunder, wenn jemand selig- oder heiliggesprochen wird. Dabei wissen auch heidnische Religionen von Wundern zu berichten. Das Wunder ist also keineswegs ein typisch christliches Phänomen. Es ist auch gar nicht die Frage, ob es Wunder gibt, sondern eher wozu Wundergeschichten erzählt werden. Hier geht es also um die Erzählung der wunderbaren Brotvermehrung nach dem Johannesevangelium.

    Alttestamentliche Vorlagen von Speisungswundern

    Bereits im Alten Testament gibt es Speisungswunder. Von Mose wird z.B. berichtet, dass er die Israeliten auf dem Wüstenzug mit Manna (Ex 16) und Wachteln (Nm 11) speist. Und vom Profeten Elischa wird eine Brotvermehrung berichtet (2 Kg 4,42-44), die ganz deutlich in den neutestamentlichen Brotvermehrungen wiederzuerkennen ist. Die Brotwunder des Neuen Testaments sollen zeigen, dass Jesus noch größer ist als Mose und Elischa. Denn Elischa hatte mit 20 Broten 100 Leute gespeist, während Jesus mit 5 Broten 5000 Männer speist. Damit überbietet er die größten Gottesmänner des Alten Testaments - ein anschaulicher Beweis, dass Jesus der Größte ist.

    Der heutige Evangelientext ist der Anfang der großen Brotrede (Kap 6) des Johannesevangeliums, in der Jesus selber sein Tun interpretiert und sich selber als das Brot des Lebens offenbart. So stellt es jedenfalls der Verfasser dar. Fünf Sonntage hintereinander wird nun in der Messe aus dieser Brotrede vorgelesen.

    Johannes: nicht Historiker, sondern Theologe

    Johannes, aus dessen Evangelium wir die Brotvermehrung gehört haben, hat Jesus aber gar nicht persönlich gekannt. Wie man seit langem weiß, hat er sein Evangelium erst 70 Jahre nach Jesu Tod verfasst. Es ist also völlig unklar, woher Johannes die Selbstoffenbarungen Jesu weiß, die er ja als wörtliche Rede niederschreibt. Es müssen Visionen oder ähnliches gewesen sein, die ihm die Erkenntnis gebracht haben, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Johannes ist wohl Zeuge einer bestimmten Glaubensrichtung oder theologischen Schule um die Jahrhundertwende. Deren Anliegen war es, Jesus als Sohn Gottes auf den Sockel der Verehrung zu heben. Auf diese Weise ist ein ganz neues Jesusbild entstanden.

    Markus dagegen denkt anders von Jesus: da ist er der Freund der Armen und Kranken; er hat Mitleid, fühlt mit den Menschen, ist wie ein Bruder für alle. Von Jesu Gottessohnschaft weiß er nichts.

    Allerdings hat die frühe Kirche das johanneische Jesusbild auf den ersten Konzilien legitimiert, hat ihm eine Berechtigung gegeben. Damit hat sie aber zugleich auch zugestanden, dass es nicht verkehrt ist, dieses oder jenes Jesusbild zu haben.

    Toleranz im Neuen Testament

    Ist das alles nur theoretischer Kram von Schriftgelehrsamkeit? Nein. Ich finde es großartig, dass im Neuen Testament Jesus- und Gottesbilder, die sich gegenseitig fast ausschließen, gleichberechtigt nebeneinander stehen. Gut, es hat damals noch keine römische Glaubenskongregation gegeben, sonst wäre das Markusevangelium wahrscheinlich aus dem Kanon der heiligen Schriften herausgeflogen. Das Johannesevangelium, das erst sehr spät und auf ziemlich obskure Weise entstanden ist und ein völlig anderes Jesusbild als das bis dahin gültige zeichnet, wird schon bald für alle verbindlich.

    In der Entstehung des Neuen Testaments ist eigentlich sehr viel Toleranz für Glaubensvielfalt grundgelegt. Erst im Laufe der Kirchengeschichte wurde das Jesusbild einseitig festgezurrt und verbindlich gemacht. Und jeder, der etwas anderes sagte, wurde mit dem Bann belegt. Würde man heute die Toleranz, die im Neuen Testament selbst zu finden ist, wirklich leben, dann wären fast alle ökumenischen Probleme gelöst - zumindest käme man einen ganzen Schritt weiter. Wir betrachten die Bibel zu sehr als eine Theologie aus einem Guss. Das ist falsch. Sie ist eine Sammlung von Glaubenszeugnissen der unterschiedlichsten Art, und alle sind für wert befunden worden, an die Nachwelt überliefert zu werden. Theologie und Glaube im Gleichschritt, das geht nicht und das braucht nicht. Die Wahrnehmungen Gottes sind in jedem Menschen anders, und keiner kann darauf verpflichtet werden, wie er gefälligst über Gott zu denken hat oder wie er an Gott glauben muss.

    Amen


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    Joh 13, 1-15: Ein Beispiel habe ich euch! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Was einer in Erwartung seines eigenen Todes tut, hat besonderes Gewicht, ist von außerordentlicher Dichte. So muss man die Fußwaschung verstehen, die am heutigen Gründonnerstag vorgelesen wird. Sie ist eine Schlüsselbotschaft Jesu an seine Jünger, gewissermaßen ein Vermächtnis. Jesus unterbricht sogar das Mahl, um dieses Zeichen zu setzen. - Was ist gemeint?

    1. Die Abhängigkeit
    Den Leuten die Füße zu waschen, war damals eine Dienstleistung, die Sklaven zu erbringen hatten. Sie lebten in totaler Abhängigkeit von den Herrschaften, deren Eigentum sie waren. In diese Abhängigkeit begibt sich Jesus zeichenhaft. Er will der Sklave sein, der Geringste von allen und macht damit seine Jünger groß, lässt sie die Herrschaften sein. Das ist eine Umkehrung der herkömmlichen Rollen. Er, der Offenbarer der Herrlichkeit Gottes, macht sich zum Sklaven seiner Gefolgschaft. Damit wächst das Selbstwertgefühl der Jünger ins Unermessliche. Protest, wie Petrus ihn vorbringt, nützt da nichts. Im niedrigsten Dienst wird die göttliche Herrlichkeit offenbar.

    2. Die Not-wendigkeit
    Was Jesus tut, ist nicht beliebig, sondern not-wendig. Im Zeichen der Fußwaschung wendet er die Not, die darin besteht, dass Menschen Herrschaft über Menschen ausüben. Das ist das uralte Gesetz der Unterdrückung: die einen haben die Macht, das Sagen, die Herrschaft; die anderen bekommen den Druck zu spüren, sind abhängig, unfrei. Jesus wendet die Not auf sich, macht sich zum Sklaven, freiwillig, beispielhaft. Er will damit sagen: nur so kann man der Herrschaft der Menschen über Menschen begegnen. Jesus kennt keine Machtstrategien. Er entmachtet die Macht.

    3. Die Beispielhaftigkeit
    Ein letzter Gedanke. Das Beispiel, das Jesus gibt, soll Schule machen. Wer Jünger Jesu sein will, soll dasselbe tun. Er soll dienen, den untersten Weg gehen, nicht gezwungen, sondern freiwillig. Diese Gesinnung ist für die Jüngerschaft Jesu so entscheidend, so wichtig, dass Jesus ihrer Demonstration wegen sogar das Mahl unterbricht. War es ein Abendmahl? Vielleicht. Auf jeden Fall ist für das Christsein die innere Dienstbereitschaft noch wichtiger als der korrekte Vollzug des rituellen Mahls. Für den Evangelisten Johannes ist die Wahrhaftigkeit der Gesinnung das eigentlich Wesentliche des Christseins. Im Angesicht des Todes geht es um das Wesentliche. Und wir sind eingeladen, unser Leben auch so zu sehen und -- wenn nötig -- entsprechende Konsequenzen zu ziehen.

    Amen.


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    Joh 13, 34-35: Christen erkennt man an der Liebe Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Liebe ist das Erkennungszeichen der Christen. "Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt" (13,35). Das schreibt der Evangelist Johannes, kurz nachdem er die Fußwaschung Jesu berichtet hat. Dort hatte Jesus gesagt: "Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe" (13,15). Die Liebe ist der Ausweis des Christlichen schlechthin. - Zu diesem Riesenthema nun drei Gedanken:

    1. Nicht der Glaube ist Ausweis der Jüngerschaft.
    In der Kirche sind wir eigentlich gewohnt, den Glauben als das Wichtigste anzusehen. Wer in die Kirche aufgenommen oder wieder aufgenommen wird, muss das Glaubensbekenntnis aufsagen. Bei der Kindertaufe tun es die Eltern und Paten stellvertretend für das Kind. Obwohl - das ist meine Überzeugung - kaum jemand mit den einzelnen Glaubensformeln innerlich das verbindet, was einst zu dieser Formulierung geführt hat, wird diesem gebetsmühlenhaften Aufsagen größte Bedeutung beigemessen. Um der Reinerhaltung dieses Glaubens wurden Theologen suspendiert, exkommuniziert und im Mittelalter sogar gefoltert und getötet. Für die Ausbreitung des Glaubens wurden Kreuzzüge unternommen von Leuten, die heute noch als Heilige verehrt werden. Um des Glaubens willen wurden und werden Kriege geführt - übrigens nicht nur von Christen. Jeder religiöse Glaube ohne Liebe führt unweigerlich in den Fanatismus. Ist es da nicht wohltuend, dass Johannes aus seiner Sicht des Christlichen nicht den Glauben, sondern die Liebe an die erste Stelle setzt? An der Liebe soll man erkennen, wer Jünger Jesu ist. Und nun stellen Sie sich vor, das würde man zum entscheidenden Kriterium machen im ökumenischen Miteinander.

    2. Was kann die Liebe verändern?
    Die Liebe als das entscheidende Kriterium in der Ökumene würde an erster Stelle den Andersgläubigen in seinem Anderssein achten und wertschätzen und ihm nicht, wie erst in jüngster Zeit von Rom geschehen, absprechen, wahre Kirche Jesu Christi zu sein. Die Liebe würde ganz selbstverständlich eucharistische Gastfreundschaft zulassen, ja pflegen. Der nächste ökumenische Kirchentag, der in München stattfindet, wird die Ökumene keinen Schritt weiter bringen. Haben doch der evangelische Kirchentagspräsident Eckhard Nagel und sein katholischer Kollege Alois Glück bereits im Vorfeld darum gebeten, "die in den Kirchen gültigen Regeln zu achten und in Bezug auf Eucharistie und Abendmahl in ökumenischer Sensibilität miteinander umzugehen". Im Klartext heißt das: keine gemeinsame Eucharistie, kein gemeinsames Abendmahl. Was da Sensibilität bedeuten soll, ist klar: Liebe hat hier nichts zu suchen. Der Kirchentag wird eine Farce sein, weil schon jetzt fest steht, dass es keinen Fortschritt geben darf.

    Natürlich geht es nicht nur um die Ökumene. Wenn zwei Menschen sich lieben, dann akzeptieren sie die Unterschiede und das Anderssein nicht nur, sondern wollen es und sehen darin eine Bereicherung der Partnerschaft. Respekt vor der Eigenart der Persönlichkeit und Annahme der individuellen Prägung und Entfaltung des Partners / der Partnerin sind ganz selbstverständliche Merkmale wirklicher Liebe. Liebe, die dem geliebten Gegenüber keine Freiheit zum Atmen lässt, ist in Wahrheit keine Liebe. Freiheit und Liebe sind Geschwister, keine Feinde.

    3. Gott ist die Liebe.
    Das ist die Definition Gottes in den johanneischen Schriften. Sie entspricht dem Gottesnamen des Ersten (Alten) Testaments, wo Gott der "Ich-bin-der-ich-bin" genannt wird. Und dieser "Ich-bin-der-ich-bin" sagt zu seinem Ebenbild Mensch: Auch du darfst sein, der du bist. Das ist seine Liebe. Sie schenkt Freiheit und eröffnet alle Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Gott liebt aus dem Menschen heraus, was an Größe und Einmaligkeit in ihm angelegt ist. Gottes Liebe klammert nicht, sie ergreift nicht Besitz, sie beherrscht nicht und engt nicht ein. Nein. Genau das Gegenteil ist der Fall. Gott traut dem Menschen zu, dass er seinen ureigensten Weg findet, dass er seinem Wesen Gestalt gibt, dass er er selbst wird.

    Aber auch umgekehrt gilt: der Mensch, der Gott wirklich liebt, lässt auch Gott Gott sein. Wer Gott liebt, schreibt ihm nicht ständig vor, was er zu tun und zu lassen hat, versucht nicht, auf Gottes Wege Einfluss zu nehmen. Wer Gott liebt, nimmt aus seiner Hand an, was er schenkt und was er zumutet und akzeptiert auch seine dunklen Seiten. Die Liebe erträgt alles.

    Amen.



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    Joh 14, 1-6: Wege zum Vater Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Was wir soeben gehört haben, ist ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium gewesen. Für die meisten Kirchenbesucher ist das Johannesevangelium einfach eines von den insgesamt vier Evangelien, ohne dessen besondere Eigenart zu kennen. Und so möchte ich Ihre Aufmerksamkeit für kurze Zeit mal lenken auf den grundlegenden Unterschied zwischen dem Johannesevangelium einerseits und den anderen drei Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) andererseits, den sog. Synoptikern.

    1. Der Unterschied zwischen dem Jesus des Johannesevangeliums und dem der synoptischen Evangelien
    Das Johannesevangelium ist erst rund 80 Jahre nach dem Tod und der Auferstehung Jesu geschrieben worden. Dazwischen liegen also mindestens zwei oder mehr Generationen. Da kann sich Vieles ändern im Denken und Reden über Jesus. Aber das ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, dass das Johannesevangelium den Jesusglauben der griechisch sprechenden Christen in Jerusalem zur Sprache bringt, der sog. Hellenisten, das sind die Christen, die vorher Heiden waren. Und die denken anders als die Judenchristen.v
    Markus, Matthäus und Lukas sind Judenchristen. Sie stellen in ihren Evangelien Jesus als den im Alten Testament angekündigten und erwarteten Messias dar. Der steht also in der Tradition der jüdischen Heilsgeschichte. Danach hat Jesus in besonderer Weise den Geist Gottes empfangen, und zwar in der Taufe, bei Lukas sogar schon seit der Empfängnis. Dieser Geist Gottes begründet und bewirkt die Sendung Jesu. Er predigt, er heilt, wirkt Wunder, hat Mitleid mit den Menschen und sammelt Freunde um sich. Er spricht vom nahen Reich Gottes und meint damit die unendliche Liebe Gottes, die uns näher ist als wir uns selber. Damit macht er sich jedoch unbeliebt bei denen, die auf die Einhaltung des Gesetzes pochen; denn die Menschen sollen sich erst mal das Wohlwollen Gottes verdienen. Es kommt zum Konflikt, der Jesus ans Kreuz bringt. Doch der Vater rettet seinen Sohn aus dem Tod und erhöht und verherrlicht ihn zu seiner Rechten. Jesus: ein wirklicher Menschensohn.

    Wie anders ist dagegen das Jesusbild des Johannesevangeliums. Da ist bereits im Prolog Jesus der Christus  der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht. Er hat Kunde gebracht (1,18). Es ist ein Jesusbild, das  aus der Perspektive Gottes  sich selber erklärt:  Ich bin das Licht der Welt.  Ich bin das Brot des Lebens.  Ich bin die Tür.  Ich bin der Weinstock.  Ich bin die Auferstehung und das Leben.  Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.  Wer mich sieht, sieht den Vater. Sicherlich sind das alles keine Originalzitate aus dem Munde Jesu, sondern es handelt sich um ein kreatives Jesusbild philosophisch-spekulativ denkender Hellenisten.

    2. Einheit in der Unterschiedenheit
    Es gibt also bereits innerhalb des Neuen Testaments zwei ganz unterschiedliche Jesusbilder, geformt aus unterschiedlichen Denktraditionen und dem Verstehenshorizont einer nicht-jüdischen Menschengruppe angepasst. Die frühe Kirche sieht darin keine Bedrohung der Einheit, sondern eine Bereicherung des Zeugnisses. Beide Traditionen werden gleichermaßen wertgeschätzt, indem sie beide in den Kanon der heiligen Schriften verbindlich für alle Zeiten aufgenommen werden. Auf diese Weise wird deutlich, dass das Christentum keine jüdische Sekte werden oder bleiben wird, sondern die Kraft hat, sich in kulturellem Neuland auszudrücken und zu bewähren. Die zentrale Rolle auf dem Weg zum Vater bleibt in jedem Fall Jesus vorbehalten. Das haben die jüdische und die hellenistische Sichtweisen gemeinsam.

    Im heutigen Evangelium geht es ja ganz einfach um den Abschied Jesu aus dieser Welt. Jesus geht zum Vater und will uns am Ende eben dorthin bringen. Für diesen einfachen Vorgang gibt es unterschiedliche Bilder  im jüdisch-christlichen Denken wie in den hellenistischen Vorstellungen. Und das ist berechtigt.

    3. Bleibende Aufgabe
    Was im Neuen Testament zu beobachten und m. E. vorbildlich gelungen ist, nämlich die Neudefinition des Glaubens in einer anderen als der jüdischen Kultur, das muss immer wieder versucht werden: in jeder Zeit neu, in jeder Kultur neu, in jeder Ortskirche neu. Kirche darf sich nicht abschotten und mit dem Argument der Reinerhaltung des Glaubens Blockaden aufbauen, die den Zugang zu Gott durch Jesus erschweren. Die Menschen haben ein Recht darauf, ihr eigenes Denken, ihr Lebensgefühl, ihre spezifischen Sorgen und Lebensprobleme, ihre veränderten Denkansätze und Lebensbedürfnisse in den Glauben einzubringen. Die Religion ist für den Menschen da, nicht umgekehrt.

    In diesem Zusammenhang erlaube ich mir noch eine ökumenische Anmerkung. Die Vielzahl der christlichen Kirchen kann nicht nur Ärgernis sein, sondern darf auch positiv gesehen werden als Versuch, auf vielerlei Weise Menschen an Jesus heran zu führen. Ein Ärgernis ist das Gerangel um Macht und Einfluss und Herrschaft, was dem Geist Jesu widerspricht. In der Ökumene  will sie nicht weiter auf der Stelle treten wie seit Jahren  sind jetzt endlich mutige Schritte nötig. Dass sie möglich sind, dafür haben viele Theologen seit langem die Vorarbeit geleistet. Jetzt ist das kirchliche Amt gefordert, die geebneten Wege nun endlich zu beschreiten.

    Amen.


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    Jo 14, 15-21: Der Paraklet Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Liturgisch stehen wir unmittelbar vor dem Fest Christi Himmelfahrt. Dass sich Jesus auf diese Weise den Blicken der Jünger nach Ostern für immer entzogen hat, geht auf eine Vision des Evangelisten Lukas zurück. Nur er erzählt von Christi Himmelfahrt. Aber auch der Evangelist Johannes macht den Abschied Jesu zum Thema. Danach hat Jesus vor seinem Tod eine Abschiedsrede gehalten. Wir hörten vorhin einige Verse daraus. Es lohnt sich, diesen Text etwas genauer zu betrachten.

    1. Der Paraklet (Beistand)
    Jesus sagt: "Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen." "Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit ... Ihr kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird." Jesus verspricht also, dass es nach seinem Weggang für die Jünger eine Kontinuität geben wird durch den Beistand, den heiligen Geist. Er wird an die Taten Jesu erinnern. Wie Jesus lehrt der Beistand die Wahrheit und führt in die ganze Wahrheit ein. Außerdem wird er die Gemeinde in Zeiten der Verfolgung ermutigen und stärken. So kann man zusammenfassend sagen: Wenn Jesus zum Vater geht, bleibt Jesus doch im heiligen Geist in der Gemeinde gegenwärtig. Dieser Geist ist der Garant, dass die Gemeinde in der Wahrheit gehalten wird. - Es ist eine wunderbare Botschaft, die aus diesem Text spricht.

    2. Mögliche Missverständnisse
    Es ist so menschlich, dass auch gute Botschaften missverstanden werden können. Zwei grundlegende Missverständnisse sind im Zusammenhang dieser Geistzusage denkbar.:

    Zum einen ist das Leiten durch den Geist nicht so zu verstehen, als würde das zu neuen Wahrheiten und Inhalten führen. Mit anderen Worten: der Beistand des Geistes ist keine Ermächtigung dafür, möglichst viele und neue Dogmen zu definieren. Vielmehr weist der Geist in alle Wahrheit, indem er immer tiefer verstehen lehrt, dass Jesus (und er allein) der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Jesus bleibt der Maßstab, an dem sich der Geist von den Geistern scheidet.

    Zum anderen wäre es ein Missverständnis dieses Textes aus dem Johannesevangelium, wenn man daraus die Unfehlbarkeit des Papstes begründen wollte. Denn das Verbleiben in der Wahrheit ist hier der ganzen Jüngergemeinde zugesprochen und nicht einem einzelnen Amtsträger. In Wahrheit kennt die johanneische Gemeinde überhaupt keine Ämterstruktur. Der heilige Paulus kennt so etwas, und auch in den anderen Evangelien kennen wir Ämter, aber eben nicht im Johannesevangelium. Den einzigen Dienstauftrag, den Jesus seinen Jüngern im Johannesevangelium erteilt, geschieht im Zusammenhang der Fußwaschung. Da sagt Jesus: "Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe." (13,13f.). Das ist nicht die Einsetzung eines Dienstamtes, sondern ist Forderung an alle, so gesinnt zu sein wie Jesus Christus.

    3. Konsequenzen
    Wir haben in unserer Kirche oft das trügerische Gefühl, dass alles, wie es ist, seine Richtigkeit hat. Wer sich in diesem Gefühl durch die Zusage des Beistandes, des heiligen Geistes, auch noch bestätigt fühlt, der hat den Text gründlich missverstanden. Der heilige Geist, der die Kirche in der Wahrheit hält, hat seine liebe Last, diese Kirche immer wieder an ihre Ursprünge zu erinnern und ihr klar zu machen, wie weit sie sich in manchen Dingen von ihren Wurzeln entfernt hat. Dabei wäre es auch für die Kirche keine Schande zuzugeben, dass sie mal was falsch gemacht hat.

    Amen.


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    Joh 20, 24-29: Friede auch dem Zweifler Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Im Johannesevangelium gibt es unter den nachösterlichen Erscheinungen zwei besonders bemerkenswerte: einmal die Erscheinung des Auferstandenen vor den Jüngern, wo Thomas nicht dabei war, und dann die Erscheinung vor den Jüngern in Anwesenheit des Thomas. Letztere haben wir grade im Evangelium gehört. Sie gilt fast ausschließlich dem Thomas. Auch ihm sagt Jesus: Friede sei mit euch! Und dann geht er auf dessen Problem ein und sagt: hier sind meine Hände, die durchbohrten, und hier ist meine Seite mit der Wunde. Wenn du magst, kannst du sie berühren. Thomas, der Zweifler, sollte haben, was er zuvor wollte, aber er nimmt es nicht in Anspruch. Überwältigt von der Erscheinung des Auferstandenen bekennt er seinen Glauben: "Mein Herr und mein Gott!" - Dazu nun drei Gedanken:

    1. Friede auch dem Zweifler
    Thomas gehört zum engsten Kreis der Vertrauten Jesu: zu den Aposteln. Er ist der einzige, der sich zu den Schwierigkeiten, die er mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu hat, bekennt. Das hindert Jesus nicht, ihn mit dem Friedensgruß zu grüßen. Einen solchen Umgang mit Zweiflern und Ungläubigen (früher nannte man den Thomas ja den Ungläubigen) kennt man in unserer Kirche nicht. Jesus wäre es im Traum nicht eingefallen, den Thomas etwa von der Eucharistie auszuschließen, nur weil der Schwierigkeiten hat mit dem Glauben an die Auferstehung. Wir werden uns wundern, welches Theater in der Kirche wieder veranstaltet wird, wenn in ein paar Wochen beim nächsten ökumenischen Kirchentag in München tiefgläubige evangelische Christen in einer katholischen Messe zur Kommunion eingeladen werden oder Katholiken am evangelischen Abendmahl teilnehmen. Der Konflikt ist vorprogrammiert. Jesus würde wahrscheinlich auf die Menschen zugehen, so wie er auch auf Thomas zugegangen ist, und allen den Frieden anbieten.

    2. Glaubensschwierigkeiten ernst nehmen
    Es ist erstaunlich, dass Jesus ein zweites Mal erscheint, um unbedingt den Thomas zu treffen, von dem er weiß, dass er Schwierigkeiten hat mit dem Verständnis einer zentralen Glaubenswahrheit. Der Thomas ist es ihm wert, dass er auf dessen Forderung eingeht. Er soll die Wunden Jesu berühren. Zwar weiß Jesus, dass das nichts bringt, aber Thomas soll selber diese Erfahrung machen. Glaube kann nämlich nicht durch Abtasten, oder sagen wir durch Messen oder überhaupt durch physikalische Methoden verifiziert (bewiesen) werden. Zum Glauben kommt man, weil man von Gott einfach überwältigt ist, wie sich das ja auch bei Thomas gezeigt hat.

    Die Glaubensschwierigkeiten der Menschen heute sehen anders aus als die des Thomas. Die Menschen erleben heute, dass die Welt und ihre Gesetze erklärbar sind ohne Gott, sogar die Entstehung des Lebens. Wer ab und zu im Fernsehen mal anspruchsvolle Sendungen zu diesem Thema sieht, muss staunen, wie gottlos es da zugeht. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Tatsache; denn die Forschung geht davon aus, dass alles, was es gibt, nach einer inneren Gesetzlichkeit entstanden ist und sich erhält und weiter entwickelt. Das, was wir Schöpfung nennen, ist noch lange nicht am Ende und wird niemals zu einem Ende kommen. Man könnte sagen: Gott ist überflüssig geworden. Wäre es nicht notwendig, auf diese neue Situation der Gottesfrage in Predigten oder in der Bildungsarbeit einzugehen, mit den Menschen über diese neue Gottlosigkeit zu sprechen und in einen Dialog einzutreten? Was wir in den Kirchen über Gott bisweilen zu hören bekommen, ist nicht von gestern, sondern eher von vorgestern. Wir erleben zur Zeit eine sakramentale Notversorgung, und die Gläubigen verhungern geistlich wie geistig.

    3. Kritik zulassen
    Wenn sich der derzeitige Zustand unserer Kirche zum Besseren wenden soll, dann bedarf es der ständigen kritischen Begleitung durch möglichst viele Gemeindemitglieder. Das ist eine höchst prophetische Aufgabe. Auch Jesus hat sich Kritik gefallen lassen, sogar von einer heidnischen Frau. Sie sagt zu Jesus: Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus gibt keine Antwort. Die Frau aber lässt nicht locker und schreit: Herr, hilf mir! Darauf Jesus: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Die Frau kontert: Du hast recht. Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da sieht Jesus ein, dass diese hartnäckige Kritik aus Glauben und einem unsäglichen Vertrauen geschieht. Und Jesus heilt die Tochter. (Nachzulesen unter Matthäus 15, 21-28)

    Kritik ist für jede Gemeinde und die Kirche insgesamt etwas Unverzichtbares. Zwar habe ich selbst erlebt, dass meine kritischen Predigten gewertet wurden als Hass gegen die Kirche, doch war die Zustimmung in den Gemeinden um ein Vielfaches größer. Die Kirche kann mit Kritik nicht umgehen. Das hat der Missbrauchsskandal gezeigt. Die m. E. zynischste Reaktion auf die Aufdeckung der sexuellen Missbrauchsfälle durch katholische Priester kam vom Regensburger Bischof Gerhard Müller, der den Medien Hetze gegen die Kirche vorgeworfen hatte; sie wollten nur den guten Ruf der Kirche zerstören. Glauben Sie, dass in Regensburg wirkliche Aufklärung betrieben wird?

    Kritik ist grundsätzlich nichts Böses. Sie mag unbequem sein für die jeweils Verantwortlichen, aber sie ist für die Kirche so wichtig wie für die Politik eine gute Opposition. Die Verantwortlichen der Kirche müssen noch viel lernen, und jeder einzelne Gläubige kann durch seine öffentliche Kritik dazu beitragen, dass dieser Lernprozess in Gang kommt. Hoffentlich erkennen alle, was das Gebot der Stunde ist. Denn es geht um den Bestand und um das Wohl der Kirche.

    Amen.


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    Lk 18,1-8: "Vum Bedde" (Prädig op Kölsch) Wilhelm Weber

    Leev Fründinne un Fründe!

    Dat mit dem Bedde is su en Saach.
    Ich selver han die Erfahrung gemaat,
    dat dat nur selten flupp.
    Do bes de am bedde und am Kääze opstelle
    un et passeet nix.
    Kennt ühr dat och?
    Et gitterer, di gonn wallfahre noh Santiago de Compostella
    oder noh Trier bei der Hellige Mattes,
    för beim Chef em Himmel jet durch ze setze.
    Ävver bring et jet?
    Wer meint, dat vill bedde vill Erfolg brengk,
    dä weed in aller Regel enttäusch.
    Stell der für, dat wör esu einfach.
    Do däts vun morgens bes ovends op de Knee erömrötsche
    un bedde för ene decke Lottogewinn - statt arbeide ze gonn,
    dat mäht dich ärm, ävver nit rich.

    Wenn der Herrgodd mallich singe eigene Wille wollt erfülle,
    dann wör hä nit mih Häär im eigene Huus.
    Secher is bedde god,
    ävver du solls ding Erwartunge schon in Grenze halde:
    Evangelium hin - Evangelium her.
    E god Gebedd soll sin wie en Vertrauenserklärung an der Herrgodd,
    dat hä et richtig mäht.
    Der Kölsche, dä jo met dem Herrgodd op Do steiht -
    ohne vill zu bedde un zu beddele -
    säht einfach:
    Herrgodd, et es wie et es. Un dann es et god.
    Un et kütt sowieso wie et kütt.
    Un wat säht dä Kölsche noch?
    Et hätt noch emmer god gegange.

    Wat dä Jesus do met dem Gleichnis üvver et Gebedd gesaht hätt,
    dat weed e bissche engeschränk durch andere Wööd,
    die hä ooch gesaht hätt (Mt 6, 5-8):
    "Beim Bedde sollt ihr et nit esu maache wie de Schinghellige,
    die Pilarebützer.
    Die bedde nämlich gään en de Synagoge oder an de Stroßeneck,
    domet de Lück se sinn.
    Ich sagen üch: ihre Luhn dofür han se verspillt!
    Gangk för et Bedde in ding Zimmer,
    maach de Dür zo un bedd zom Vatter em Verborgene!
    Der Vatter süht jo, wat verstoche es,
    hä weed der der Luhn dofür gevve.
    Ihr sollt och beim Bedde nit unnüdig erömschwade wie de Heide.
    Die meine nämlich, se däte erhürt weede,
    wann se vill Wööd maache.
    Maht et nit wie die!
    Denn wat ihr nüdig hat,
    dat weiß ühre Vatter em Himmel ald em Vürus."

    Noch jet: Bedde is god!
    Ävver genau esu wichtig is et, aanzenemme, wat op üch zokütt.
    Denn och dat Schwere em Levve kütt vun unserm Herrgodd.
    Dat hätt nämlich och der Jesus liere müsse.
    Wesst ehr noch, wie hä gesaht hatt:
    "Vatter, wann et mügelich es, loss dä ganze Krom an mer vorüvvergonn" ?
    Un et hätt nix genütz.
    Ävver geliehrt hätt hä,
    dat op lange Sicht evvens doch alles god gegange es!

    Amen.


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    Joh 6,1-15: Brotvermehrung Peter Josef Dickers

    In den vergangenen Wochen waren die Medien geprägt vom Bild des Papstes: zuerst vom sterbenden, dann vom neuen Papst. Hohe Einschaltquoten schienen zu signalisieren: Kirche, Religion und Glaube sind wieder "in" . Zum Weltjugendtag werden mehrere hunderdtausend - meist junge - Menschen erwartet. Ein Zeichen für "Alles-wird-wieder gut"?

    Ich bin da skeptisch und erinnere mich an das naive Gespräch zweier kleiner Mädchen. Meint die eine: "Der Papst ist gegen die Antibaby-Pille." Fragt die andere: "Was ist Papst?" Damit will ich sagen: von Papst, Kirche, Religion mögen sie gehört bzw. gesehen haben. Aber sind auch die damit verbundenen Lebensinhalte bei ihnen "angekommen"?

    Zwar behaupten viele: "Wie ich lebe, das geht keinen etwas an!" Dass aber dennoch Menschen nach Orientierung suchen - auch in der Kirche, auch in den Religionen - davon bin ich überzeugt. Was nützt es allerdings, wenn diejenigen, an die sie sich wenden wollen, "weit weg" sind, sozusagen "auf einem anderen Stern" leben?

    "Weide meine Lämmer, weide meine Schafe." (Joh 21,15ff) Das Wort Jesu an Simon Petrus heißt nicht: Sag ihnen, was sie zu tun haben, und dann zieh dich auf die Parkbank zurück, um die nächsten Anordnungen vorbereiten zu können. Petrus, seine Nachfolger und alle Obrigkeiten, die im Namen von Religion auf Menschen zugehen, müssen nahe bei den Menschen sein, damit sie gegenseitig ihre Stimmen hören können. Die gegenseitige Nähe von oben und unten, das wirkliche "Aufeinander-Hören" scheint mir weithin abhanden gekommen zu sein. Wenn Religion eine Liebesgeschichte zwischen Gott - welche Gestalt der auch immer haben mag - und Mensch begründen soll, dann reicht es nicht, im "Papamobil" durch die Menge zu fahren, um Nähe zu signalisieren. "Aussteigen", "der Zug endet hier" - heißt es auf manchen Bahnhöfen. Wer wirklich ankommen will, muss zu Fuß weiter und das Bad in der Menge nehmen.

    Das gilt in besonderem Maße für die Kirche, für alle Kirchen. Wir erleben, wie kritisch die meisten Menschen ihnen gegenüber stehen. Oft haben sie allen Grund zu der Annahme, dass Liebe und gegenseitiges Verstehen, das in ihnen verkündet wird, von ihnen selbst nicht gelebt wird. Und dann wird die Frage schon berechtigt: "Warum bleibe ich noch in dieser Kirche?" Noch haben viele den Traum nicht ausgeträumt, dass sie sich weiter entwickeln und entfalten wird.

    Oder ist das ein leerer Traum?


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    Apg 5, 29: Jede Wahrheit braucht einen Mutigen Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    "Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht." Mit diesem Motto wirbt die Bild-Zeitung seit Monaten um Leser. Abgebildet sind auf diesen Plakaten Galileo Galilei oder Mahatma Gandhi oder Albert Einstein oder einfach ein Zitat dieser Persönlichkeiten. Die Werbung will unterschwellig vermitteln, dass die Bild-Zeitung den Mut hat, auch unbequeme Wahrheiten öffentlich zu machen. - Es sei dahingestellt, ob diese Werbung gerade für die Bild-Zeitung adäquat ist, in sich stimmig ist der Werbetext allemal. Als ich ihn zum ersten Mal las, kam mir gleich die Assoziation an den bekannten Vers aus der Apostelgeschichte, den wir in der heutigen Lesung gehört haben:  Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (5,27).

    Zwei Gedanken:
    "Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht." Es ist ohne Zweifel einfacher, den Mut zu verweigern. Dann hat man weniger Stress, weniger Ärger, mehr Freunde und größere Akzeptanz. Konformität ist bequem; gegen den Strom zu schwimmen ist höchst unbequem.

    Was ist gemeint? Es ist z.B. einfacher wegzuschauen, wenn in der Nachbarschaft ein Kind vernachlässigt wird, als sich drum zu kümmern. Gestern noch war in der Zeitung zu lesen, dass der zweijährige Kevin aus Bremen noch leben könnte, wenn das Jugendamt seinen Vormundschaftspflichten nachgekommen wäre. Der drogenabhängige Vater hatte das Kind auf grausamste Weise misshandelt, bevor es starb. Das Jugendamt hatte sich nicht gekümmert. - Ein anderes Beispiel: In der Charité in Berlin tötete eine Krankenpflegerin schwer leidende Patienten, weil sie das so für richtig hielt. Andere Krankenpfleger wussten das, schauten aber weg und schwiegen. Das sind nur zwei Beispiele aus der aktuellen Presse. - Wer schweigt, macht sich mitschuldig. Nicht die Konformisten, die zu allem Ja und Amen sagen, machen die Welt humaner, sondern die Mutigen, die das Unrecht beim Namen nennen und für Abhilfe sorgen.

    "Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht." Den zweiten Gedanken will ich der Kirche widmen. In der Kirche wird Widerspruch gleich als Unglaube disqualifiziert. Damit soll der Kritiker mundtot gemacht werden. Das war übrigens schon bei den Profeten im Alten Testament so. Heute haben ganze Heerscharen von Theologen Lehr- bzw. Redeverbot, weil sie der Lehre oder der Praxis der Kirche begründet widersprochen haben. Dabei hätten die Forschungsergebnisse sowohl der historischen Wissenschaften wie auch der systematischen Fächer der Kirche nützen können. Vielleicht wäre die gegenwärtige Krise längst überwunden, wenn die Mahner und Warner in der Kirche ernster genommen worden wären. Stattdessen wird Konformität gepredigt und unter dem Deckmantel der Einheit jeglicher Widerspruch vermieden. Unsere Bischofskonferenz z.B. mag sich einer grenzenlosen Loyalität gegenüber dem Heiligen Stuhl rühmen. Aber im Grunde tritt sie auf der Stelle.

    Kultureller Fortschritt in Gesellschaft und Kirche ist eigentlich immer durch Widerspruch in Gang gesetzt worden. Wo das Geltende in Frage gestellt wird, kommt Bewegung in die Sache. Lebendig sein heißt in Bewegung sein. Was sich nicht mehr bewegt, stirbt ab oder ist bereits tot. Es gibt Wahrheiten, die sind in Vergessenheit geraten. Sie tauchen irgendwann mal wieder auf, und zwar als Widerspruch zum Geltenden. Und dann brauchen sie einen Mutigen, der sie ausspricht.

    Amen.


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    Apg 9, 1-22: Pauli Bekehrung Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    1. Die Bekehrung des Apostel Paulus als Festfeier hat ihre Tücken. Es gibt viele Gründe, den Apostel Paulus in der Kirche wert zu schätzen: seine Missionstätigkeit, seine Theologie, seine Authentizität von Glauben und Leben (er lebte, was er glaubte) und vieles mehr. Das Paulus-Jahr wird dafür sorgen, dass die Verdienste dieses selbsternannten Apostels ausgiebig in Erinnerung gerufen werden. Für die junge Kirche war Paulus ein großer Zugewinn, kam er doch auf spektakuläre Weise aus jenen Kreisen des Judentums, die die Christen verfolgten, und zwar blutig. So was geschieht häufig, wo Religionen miteinander rivalisieren. Und die Christen haben ihrerseits in der Geschichte ihre Blutspur gelegt, vor allem gegen die Juden. In dem Maße Paulus für die Christen ein Zugewinn war, war er für die Juden ein Abtrünniger. Denn er gehörte zur Schicht der schriftgelehrten Pharisäer und hatte wohl bei dem berühmten Gamaliel seine Ausbildung erhalten.

    2. Den Übertritt des Paulus zur Gemeinde der Christen nannten diese Bekehrung. Das ist ein wertender Begriff. Wer sich bekehrt, verlässt einen falschen Glaubensweg und wendet sich dem richtigen zu. Paulus tut diesen Schritt aufgrund göttlicher Berufung und sicher auch aus persönlicher Einsicht. Vor seinem persönlichen Gewissen ist er verpflichtet, diesen Schritt des Übertritts zu tun, und aus seiner persönlichen Perspektive mag er das auch als Bekehrung ansehen. Nun haben die Christen ganz allgemein das Recht, ihren Glauben als den einzig richtigen zu betrachten. Aber schnell ist damit verbunden die Abwertung oder sogar Verachtung anderer Glaubensrichtungen. Und so entwickelt sich bei den Christen schnell die Überzeugung, dass alle Juden, um in den Himmel zu kommen, zuerst Christen werden müssen. Um das zu erreichen, gibt es friedliche Mittel oder auch weniger friedliche. Zu den friedlichen Mitteln gehört das Gebet - etwa so: "Lasset uns beten für die perfiden Juden: Gott, unser Herr, möge den Schleier von ihren Herzen wegnehmen, auf dass auch sie unsern Herrn Jesus Christus erkennen. - Allmächtiger ewiger Gott, du schließt sogar die treulosen Juden von deiner Erbarmung nicht aus; erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor dich bringen: Möchten sie das Licht der Wahrheit erkennen, welches Christus ist, und ihrer Finsternis entrissen werden." Das ist der Originaltext der vorletzten Karfreitagsfürbitte, die seit dem Mittelalter oder noch länger gebetet wurde bis 1970, dem Datum der nachkonziliaren Liturgiereform. Papst Johannes XXIII. hatte 1959 lediglich den Ausdruck "perfide" weggelassen. Er wurde später zum großen Reform- und Konzilspapst.

    3. Was hat das Konzil geändert? In der Konstitution "Nostra Aetate" formuliert das Konzil das Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen neu. Man kommt zu der Erkenntnis, dass Mission als Ruf zur Umkehr vom Götzendienst zum lebendigen und wahren Gott nicht auf die Juden angewandt werden kann. Darum gibt es heute keine judenmissionarischen Aktivitäten mehr. Zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk geht es um die Begegnung "auf der Ebene ihrer je eigenen religiösen Identität". So hat es Papst Johannes Paul II 1979 ausgedrückt. Einzelne Konversionen, die auf Grund einer sehr persönlichen Entscheidung erfolgen, sind darum nicht ausgeschlossen. Als eine solche persönlich bedingte Ausnahme muss man die sog. Bekehrung des Apostels Paulus sehen.

    4. Für alle unverständlich hat Papst Benedikt XVI. im Juli 2007 durch eine großzügige Geste den katholischen Traditionalisten gegenüber erlaubt, dass in Zukunft auch die alte Form der sog. Tridentinischen Messe in Latein wieder verwendet werden darf. Nicht der Gebrauch des Lateins ist das Ärgernis, sondern die Zulassung der Formulierungen von vor 1960 in der Karfreitagsliturgie etwa. Man kann also so tun, als habe es kein Konzil gegeben. Wenn man den Schritt des hl. Paulus zum christlichen Glauben als "Bekehrung" bezeichnet, rückt man den jüdischen Glauben in den Dunstkreis des Heidentums. Das ist nicht nur antisemitisch, sondern auch Beschmutzung des eigenen christlichen Nestes, weil der christliche Glaube seine eigenen Wurzeln im Judentum hat. Das heutige Fest hat seine theologische Problematik. Es bleibt zu hoffen, dass eine baldige Liturgiereform sich dieser Problematik annimmt.

    Amen



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    2 Kor 3, 2-6: Ich bin dankbar. Wilhelm Weber

    Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
    liebe Gemeinden von Quadrath und Ichendorf!

    Zum letzten Mal feiere ich heute als Pfarrer von Quadrath und Ichendorf die heilige Messe in dieser Kirche und habe damit die Gelegenheit, mich mit dieser Predigt ganz offiziell von Ihnen zu verabschieden. Was sagt man wohl zum Abschied, wo man sich wohl gefühlt hat? Ich sage: Danke!

    1. Dank an die Gemeinde
    Ganz oben steht für mich der Dank an die Gemeinde. Nach gut 19 Jahren Seelsorgearbeit in diesen Gemeinden spricht mir der hl. Paulus aus der Seele, wenn er zu seiner korinthischen Gemeinde sagt: "Unser Empfehlungsschreiben seid ihr; es ist eingeschrieben in unser Herz, und alle Menschen können es lesen und verstehen. Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern - wie auf Tafeln - in Herzen von Fleisch" (2 Kor 3,2f.). Genau das empfinde ich heute, wenn ich Sie so vor mir sehe. Wenn einer an meinem priesterlichen Selbstverständnis zweifelt, wie z. B. der Erzbischof von Köln, dann soll er sich diese Gemeinden anschauen.

    Sie sind keine Gemeinden der Vollkommenen, Sie sind auch keine Superchristen im Sinne der Morallehre, aber Sie sind tolerant; Sie dulden Abweichler und brandmarken keinen Versager. Weil Sie Ihre eigenen Grenzen kennen, sind Sie gnädig mit sich und anderen. Sie waren ja immer gnädig auch mit mir. All das zeichnet Sie aus als Christen: Ihr Menschsein. Was Sie noch auszeichnet: Ihr Engagement in der Gemeinde und über die Gemeinde hinaus. Vereine, Gremien, Gruppierungen und viele einzelne Persönlichkeiten haben in der Kirchengemeinde und übergreifend im gesellschaftlichen Raum einiges bewegt. Darauf bin ich sehr stolz. Vor allem hat mir gefallen. Dass kleinkariert-katholisches Denken hier nie eine wirkliche Chance gehabt hat. Im Gegenteil: es gibt etliche Menschen, die der katholischen Kirche nicht oder nicht mehr angehören, die trotzdem zu den Gemeinde gestaltenden Kräften gehören. Zwar habe ich diese Offenheit und Weite immer gefördert, aber eben nur gefördert; sie waren als Bereitschaft längst vorhanden und bedurften meist nur der ermunternden Worte, um in Erscheinung treten zu dürfen.

    Was ich hier oft bewundert habe: das persönliche Engagement einzelner in der sozialen Tat. Das Kriterium des Christlichen ist ja nicht der Messbesuch allein, sondern ganz entscheidend die Tat, die aus Liebe oder aus Mitleid geschieht: z. B. die Pflege Kranker und Hilfsbedürftiger in der Familie, Sterbebegleitung ohne finanzielle Absichten, ehrenamtlicher Einsatz bei sozial Schwachen und vieles andere mehr. Die so Engagierten gehören keineswegs immer zu den kirchlichen Vorbetern, sie sind manchmal gar nicht kirchlich orientiert, und doch ist ihr Tun wahrhaft christlich. Man muss nur Augen haben um zu sehen und Ohren um zu hören, um die verborgenen Christen zu erkennen. Ich habe hier viele davon kennen gelernt und bin sehr dankbar dafür.

    Und noch was hat mir hier gefallen: die Menschen können feiern. Wer feiert, bringt zum Ausdruck, dass er einen Überschuss an Hoffnung hat, auch wenn die gegenwärtige Situation das eigentlich gar nicht rechtfertigt. Ich bin gerne unter Menschen, die feiern und Lebensfreude verbreiten. Die Quadrath-Ichendorfer sind keine Freunde von Traurigkeit. Aber auch in der Kirche können sie feiern, ob das Ostern ist oder ein Begräbnis. Sie sind mit dem Herzen dabei, und das gibt dem Leben Tiefe, auch in religiöser Hinsicht.

    2. Dank an meine Vorgänger und Mitarbeiter
    Ein zweiter Gedanke. Ich bin auch meinen Vorgängern zu Dank verpflichtet. Im Evangelium hörten wir das Wort: "Einer sät, und einer erntet. Ich habe euch gesandt zu ernten, wofür ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet, und ihr erntet die Frucht ihrer Arbeit." (Jo 4,38).

    Vieles, was ich in diesen Gemeinden als reife Frucht geerntet habe, hatte nicht ich gesät, sondern einer meiner Vorgänger oder irgendwelche Mitarbeiter oder Ehrenamtliche ihrer Zeit. So gab es, als ich anfing, bereits organisierte ehrenamtliche Kräfte, die die Kinder auf die Erstkommunion und Jugendliche auf die Firmung vorbereiteten. Ich habe schon öfter betont, dass dieses Potenzial, das die Ehrenamtlichen darstellen, mit Gold nicht aufzuwiegen, geschweige denn mit Geld bezahlbar ist.

    Bescheiden darf ich hinzufügen, dass auch ich gesät habe, zusammen mit den Kaplänen, Diakonen und Pastoralreferenten und den vielen, vielen Ehrenamtlichen. Ich vertraue darauf, dass diese Saat aufgeht und dass dann irgendwann einer die Aussaat auch ernten kann. Der Boden für das Saatgut des Christlichen ist in Quadrath-Ichendorf nicht schlecht, manches braucht seine Zeit, dafür ist die Frucht dann um so nachhaltiger. Aus meine fast zwanzigjährigen seelsorglichen Erfahrung in diesen beiden Gemeinden möchte ich Ihnen allen sagen: es war eine Freude, in Quadrath-Ichendorf Pastor gewesen zu sein. Dafür danke ich Ihnen.

    3. Dank an Gott
    Ein letzter Gedanke. Es ist grundsätzlich richtig, dass man seine persönliche Lebensgeschichte wie auch die beruflichen Erfahrungen von Gott her deuten darf. Das nehme ich für mich jedenfalls in Anspruch. Mein Platz als Pastor war hier, weil der liebe Gott und das erzbischöfliche Generalvikariat das so gewollt hatten. Das war für mich eine tolle Aufgabe und eine Herausforderung zugleich. Dafür bin ich sehr dankbar, dass mir diese Chance gegeben war. Wenn ich nun gehe, dann mache ich eine tiefe Verbeugung vor Ihnen allen, weil Sie mir ans Herz gewachsen sind, und vor dem lieben Gott, der es so gut mit mir gemeint hat. Meine Zeit ist abgelaufen. Eine neue Zeit beginnt, und ich wünsche mir und Ihnen, dass es wieder eine gute Zeit wird.
    Amen.

    Mit dieser Predigt habe ich mich am 31. August 2003 in Quadrath-Ichendorf in den Ruhestand verabschiedet.




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    Gal 5,1.13-18: Lasst euch nicht bevormunden! Wilhelm Weber

    Liebe Christen!

    Der Brief an die Galater gehört zu den bedeutendsten des heiligen Paulus. Nach seinem Weggang aus Galatien versuchen dort nämlich judenchristliche Prediger einer extremen Richtung, auch den Heidenchristen wieder die alten jüdischen Gesetzesforderungen aufzuerlegen wie z. B. die Beschneidung. Als Paulus davon erfährt, schreibt er diesen leidenschaftlichen Brief und macht den Galatern unmissverständlich klar, zu welcher Freiheit sie berufen sind. Es ist gewissermaßen die Proklamation der Freiheit des Christenmenschen - ein Text, der in der ganzen Kirchengeschichte, vor allem in der Reformation, Furore gemacht hat.

    Dieser Text, den wir vorhin gehört haben, enthält drei Kernbergriffe, über die ich jetzt sprechen möchte. Es sind die Begriffe: Freiheit, Liebe und Geist. Sie hängen untrennbar miteinander zusammen. Sie gliedern zugleich meine Predigt.

    Freiheit.
    Paulus sagt sinngemäß: Lasst euch nicht bevormunden! Diese Entlassung in die Freiheit ist eigentlich eine Ungeheuerlichkeit. Denn damit widerspricht Paulus jenen Missionaren, die mit ihrer Gesetzesfrömmigkeit eine rückwärts gerichtete Theologie predigen. Es ist ein Richtungsstreit, der in aller Öffentlichkeit ausgetragen wird. Paulus argumentiert, dass das Gesetz eine Knechtschaft darstellt, gewissermaßen eine Fremdbestimmung, der unbedingt zu widerstehen ist. Zur Freiheit, zur Selbstbestimmung seid ihr berufen. Dass Freiheit auch missverstanden werden kann im Sinne des Fleisches, d.h. der Sünde, das erwähnt Paulus im Nebensatz, aber das ist kein Argument gegen die Freiheit als solche, die ein hohes christliches Gut ist.

    Übrigens ist diese Thematik heute genau so aktuell wie damals. Denn es gibt in der Religion immer die Tendenz, sich mit gut gemeinten Gründen zu versklaven, sich Regeln und Gesetzen zu unterwerfen in der Meinung, darin das Heil zu finden. Zwei Beispiele: Um Mitglied in der Heilsgemeinschaft Kirche zu sein, muss man Kirchensteuern zahlen. Wer dieser Verpflichtung nicht nachkommt, gilt als Ausgestoßener, als Ungläubiger, als Apostat. Als ob man durch Zahlung von Kirchensteuern das ewige Heil erkaufen könne! Oder: Liturgische Vorschriften schreiben den Ablauf des Gottesdienstes so penibel fest, dass - würde man alles beachten - die Messe steif, langweilig und unlebendig wäre. Die ursprünglich freudige Zusammenkunft zum Lob Gottes und gemeinsamen Mahl steht heute unter Gesetzesvorschriften, die sogar den Teilnehmerkreis begrenzen. Wir sind heute in unserer Kirche weit davon entfernt, die Freiheit, die Paulus verkündet, zu leben. Wir vermissen sie nicht einmal.

    Liebe.
    Paulus sagt: "Dient einander in Liebe! Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammen gefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (V. 13c.14). Die Liebe kommt aus dem Herzen, ist Ausdruck absoluter Selbstbestimmung, sie weiß, was jetzt und in diesem Augenblick für den Nächsten gut und richtig ist. Das aber kann kein Gesetz voraus wissen oder vor-schreiben. Das entscheidet allein das Herz, das liebt, und zwar ganz spontan. So wie Jesus aus Mitleid ganz spontan geheilt, Brot vermehrt, Sünden vergeben oder den Meeressturm beruhigt hat. Die Liebesethik steht im Gegensatz zur Gesetzesethik.

    Viele Probleme gibt es heute in der Kirche, weil wir uns selbst versklavt haben: versklavt an die Tradition (was immer war, dürfen wir nicht ändern), versklavt an ein allzu wörtliches Bibelverständnis (in der Bibel aber steht geschrieben), versklavt an ein zu enges, weil zeitbedingtes Menschenbild. Die selbst angelegten Fesseln hindern die Kirche daran, dem Menschen heute gerecht zu werden. Darum kehren viele Gläubige ihr den Rücken. Sie sind deshalb nicht ungläubig. Sie sehen in der Kirche eher einen Verein der Traditionspflege, und manchmal schauen sie sich so ein Traditionsspektakel (Fronleichnamsprozession, Papstbesuch usw) gerne mal an, aber lebensgestaltende Impulse erwarten sie von ihr nicht mehr.

    Geist.
    Der dritte Kernbegriff in diesem Kapitel ist der Geist. Paulus sagt: "Lasst euch vom Geist Gottes leiten!" (V. 16). "Wenn ihr euch von Geist Gottes führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz" (V. 18). Der Geist Gottes bzw. der Heilige Geist ist sicher nichts Aufgesetztes, im Gegenteil: er bedient sich durchaus der menschlichen Vernunft. Was nach menschlichem Ermessen vernünftig ist, ist wohl auch nicht gegen den Geist Gottes. Also dürfen wir uns der menschlichen Vernunft bedienen, um die Probleme, die die Kirche heute ins gesellschaftliche Abseits gedrängt haben, zu lösen. Fragen wir doch ruhig mal: Welches Argument spricht eigentlich dagegen, dem Priestermangel zu begegnen durch die Zulassung von Verheirateten und Frauen zur Priesterweihe? Wir haben uns an Bedingungen versklavt, die der Gesetzesfrömmigkeit zuzuordnen sind. Welche Argumente hindern uns, in der Ökumene einen mutigen Schritt aufeinander zu zu gehen? Der evangelische Kirchentag in Köln hat gezeigt, dass in der ökumenischen Frage auf katholischer Seite absoluter Stillstand herrscht. Und auf evangelischer Seite wird darüber nicht einmal Unmut geäußert. Man respektiert sich eben gegenseitig. Allerdings klingt der Respekt eher nach Resignation. Wir haben uns an ein Eucharistie- und Amtsverständnis versklavt, das keinen Ausweg zulässt. Dagegen sagt Paulus ausdrücklich: Ihr seid zur Freiheit berufen, in Liebe das zu tun, was der Geist Gottes euch über eure Vernunft eingibt. Danach ist eigentlich alles möglich.

    Das 5. Kapitel des Galaterbriefes, aus dem wir heute einige Verse gehört und meditiert haben, gehört zu den ermutigenden Texten, die aus der heutigen Kirchenkrise heraushelfen könnten. Das Problem sind nicht die böse Welt, nicht die ungläubigen Gläubigen, sondern die Angst vor der Freiheit. Schade. Die Freiheit ist ein Geschenk Gottes, das wir nur anzunehmen brauchen.

    Amen.



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    Seite geändert am: 17.03.2012